Anonyme Hassposter können sich nicht in Sicherheit wiegen

Seit 2017 tritt der Verein ZARA auch gegen Hass im Netz auf. Zentral sei die Botschaft, dass es keine Anonymität im Netz gebe und es kein rechtsfreier Raum sei.

In der scheinbaren Anonymität des Internets ist die Hemmschwelle oft niedrig.
© APA/HELMUT FOHRINGER

Von Alexandra Plank

Innsbruck – Das Jahr 2018 war noch jung, da zeigte der Hass im Netz seine Fratze. Nachdem eine Frau mit Kopftuch das Wiener Neujahrsbaby zur Welt gebracht hatte, war die Hetze gegen die junge Familie auf sozialen Netzwerken enorm. Doch rasch bildete sich eine Gegenbewegung, welche die neugeborene Asel mittels Facebook-Einträgen willkommen hieß und ihr einen virtuellen Blumenregen schickte. „Das war Verhetzung und Beleidigung, diese Delikte brauchen eine gewisse Öffentlichkeit, um strafrechtlich relevant zu sein. Wenn diese Beleidigungen etwa auf einer Social-Media-Seite gepostet werden, wie es hier der Fall war, ist diese Öffentlichkeit gegeben“, sagt Philippe Schennach von ZARA. Anders verhalte es sich bei Privatnachrichten, die nur an eine bestimmte Person gerichtet sind. Hier kämen die Delikte (Cyber-)Stalking, Cybermobbing oder gefährliche Drohungen in Frage. Die Beratungsstelle #GegenHassimNetz wird vom Verein ZARA – „Zivilcourage und Anti-Rassismus-Arbeit“ – seit Herbst 2017 betrieben. Seit 2000 bietet ZARA Beratung für Opfer und Zeugen von Rassismus an. Der ZARA Rassismus Report dokumentierte im vergangenen Jahr 1162 rassistische Vorfälle. Wie bereits 2016 kam diese Steigerung vor allem durch das starke Vorkommen von Hass im Internet zustande. 2017 machten Hasspostings 38 Prozent aller Fälle aus. „Mit der Gründung der Beratungsstelle #GegenHassimNetz hat ZARA das Angebot für alle Diskriminierungsgründe erweitert“, erläutert Schennach.

Viele Anfragen gibt es auch von verzweifelten Eltern (siehe oben). Hilfe ist bei vielen Grenzüberschreitungen möglich. Man ist anonymen Aggressoren im Netz nicht hilflos ausgeliefert, weiß Caroline Kerschbaumer, Leiterin der Beratungsstelle: „Viele Menschen glauben, das Netz sei ein rechtsfreier Raum, in dem man alle Schranken des Anstandes fallen lassen und nicht zur Verantwortung gezogen werden kann. Das ist falsch.“ So könne man Beleidigungen, die mehrere Menschen sehen, ebenso wie in klassischen Medien sowohl zivilrechtlich als auch strafrechtlich ahnden. „Es ist auch relativ einfach, die Identität eines Users herauszufinden. Uns ist wichtig, klarzumachen, dass niemand im Netz lange anonym bleibt.“

Die Gruppen, die Opfer von Attacken werden, seien die gleichen wie in der realen Welt. „Frauen sind besonders oft Zielscheibe von Hass, das verschärft sich, wenn sie Geflohene sind oder Muslime.“ Antisemitismus komme vor, sei aber seltener. „Zum Hassobjekt zu werden, ist ein traumatisches Erlebnis. Die Opfer werden beleidigt, die ganze Welt schaut zu. Darüber mit uns reden zu können, ist für die Betroffenen sehr wichtig“, so Kerschbaumer. Es sei sinnvoll, dass die Opfer aktiv werden und etwa eine im Ton gemäßigte Gegenrede formulieren. „Es gibt stille Mitlesende, die sonst Fake News als Wahrheit abspeicher­n.“ Hotline: +43 (0)1 236 55 34.

Opfer von Hass im Netz

Rassismus: Mireille Ngosso wurde beleidigt.
© APA

Mireille Ngosso, Kommunalpolitikerin: Großer Häme war Mireille Ngosso im Netz ausgesetzt, als bekannt wurde, dass sie stellvertretende Bezirksvorsteherin in Wien wird. Dabei verfügt sie über einen respektgebietenden Lebenslauf: Medizinstudium, Ärztin im Krankenhaus Hietzing, Ehefrau, Mutter und engagiert in der Lokalpolitik.

Die Wogen auf FPÖ-nahen Seiten gingen dennoch hoch, als Ngosso gewählt wurde. Hass, Wut und Beleidigungen flossen hemmungslos und ungefiltert in die Tastatur. Ohne Grund – einfach nur, weil sie die falsche Hautfarbe hat.

Autorin Stefanie Sargnagel.
© Thomas Boehm / TT

Stefanie Sargnagel, Künstlerin: Von einem „außer Rand und Band geratenen Mob“ sprach Gerhard Ruiss, Geschäftsführer der IG Autorinnen Autoren, anlässlich der Causa Sargnagel.

Die Künstlerin wurde online mit Vergewaltigung und Tod bedroht. Sogar der Verfassungsschutz nahm Ermittlungen auf. Die Autorin hatte einen satirischen Reisebericht veröffentlicht, in dem es auch um das Treten einer Katze ging. Sargnagel, die sich als linke Emanze sieht, war wiederholt heftigen Attacken in sozialen Netzwerken ausgesetzt.

Anita F, Schülerin: Die Mutter von Anita F. meldet sich bei der Beratungsstelle ZARA, weil ihre Tochter über die Plattform Tellonym, auf der sich Teenager anonyme Bewertungen geben, viele beleidigende Nachrichten erhalten hat. Die Nachrichten belasten die Tochter inzwischen so sehr, dass sie sich sogar selbst verletzt. Sie ist deswegen in psychotherapeutischer Behandlung. Von ZARA hätten sie gerne Informationen zu rechtlichen Möglichkeiten und Handlungsoptionen, um die Nachrichten zu stoppen. Ein Mitarbeiter der Beratungsstelle erklärt der Mutter ausführlich, welche Möglichkeiten es gibt, um derartige Nachrichten zu löschen und zukünftig auch zu blockieren. Darüber hinaus klärt ZARA die Mutter über rechtliche Handlungsmöglichkeiten auf und empfiehlt auch, die Schule einzubinden, um die App und die Gefahren, die damit verbunden sind, etwa im Rahmen des Unterrichts zu thematisieren.


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