Kuhn in Bedrängnis: Vorboten einer Götterdämmerung

Fünf Künstlerinnen werfen Gustav Kuhn in einem offenen Brief sexuelle Übergriffe vor. Der Druck auf den Leiter der Tiroler Festspiele Erl wächst. „Man kann jetzt sicher nicht zur Tagesordnung übergehen“, sagt Landesrätin Palfrader.

Gustav Kuhn bei der Eröffnung der Festspiele Erl Anfang Juli 2018.
© Hans Osterauer

Von J. Leitner und M. Schramek

Erl, Innsbruck, Wien –Ein letztes Mal schmiedet Gustav Kuhn dieser Tage bei den Festspielen Erl den „Ring des Nibelungen“: Heute Abend steht „Das Rheingold“ auf dem Programm, beschlossen wird die Tetralogie am Sonntagvormittag mit der „Götterdämmerung“.

Die Anzeichen, dass auch den Festspielen und ihrem Künstlerischen Leiter eine Götterdämmerung droht, verdichten sich indessen abseits der Bühne. Gestern veröffentlichten fünf ehemals in Erl engagierte Künstlerinnen ein an Festspielpräsident Hans Peter Haselsteiner adressiertes Schreibe­n, in dem sie Kuhn „anhaltenden Machtmissbrauch und sexuelle Übergriffe“ vorwerfen. Und sie unterzeichneten den Brief mit vollem Namen. Bislang standen vornehmlich anonymisierte Anschuldigungen gegen den Dirigenten im Raum – die TT berichtete.

„Auch einige von uns waren solchen (Übergriffen) ausgesetzt: unerwünschtes Küssen auf den Mund oder auf die Brust, Begrapschen unter dem Pullover, Griff zwischen die Beine etc., von obszöner verbaler Anmache ganz zu schweigen“, schreiben die fünf Musikerinnen, darunter auch die Schweizer Sopranistin Mona Somm, die noch im Vorjahr in der Erler „Götterdämmerung“ die Brünnhilde sang. Unterzeichnet haben den Brief auch die Sängerinnen Bettine Kampp – ebenfalls noch 2017 in Erl engagiert – und Julia Oesch, die schon im Jahr der Festspielgründung 1998 erstmals auf der Erler Bühne stand, sowie die Violinistinnen Aliona Dargel und Ninela Lamaj.

In einem Interview mit dem Ö1-Kulturjournal bekräftigte Julia Oesch gestern Nachmittag die Vorwürfe. Alles, was in dem Brief steht, habe sie auch so erlebt, betonte die Sängerin.

Immer wieder seien „die Grenzen der persönlichen Würde und des Respekts“ missachtet und überschritten worden, heißt es in dem von der Künstlerinitiative „Art but fair“ publizierten Brief. „Massive seelische Gewalt in Form von Mobbing, öffentlicher Bloßstellung, Demütigung und Schikane“ hätten auf der Tages­ordnung gestanden. „Wer den Spielregeln nicht folgte, wurde mit Repressalien und Ausgrenzung bestraft“ oder „coram publico ins Lächerliche gezogen“.

Dass trotz dieser „allseits bekannten Faktenlage die notwendigen Konsequenzen noch immer auf sich warten lassen, sowohl vonseiten der Präsidentschaft der Festspiele als auch vonseiten der zuständigen Politik“, sei empörend, klagen die Musikerinnen.

Festspielpräsident Hans Peter Haselsteiner wollte sich gestern nicht zu den Vorwürfen äußern. Es werde eine baldige Stellungnahme geben, aber keine unüberlegten Schnellschüsse, teilte er auf Nachfrage der TT mit.

Kulturlandesrätin Beate Palfrader (ÖVP), die von den jüngsten Entwicklungen um das vom Land mit jährlich 1,15 Millionen Euro subventionierte Festival am letzten Urlaubstag erfuhr, zeigte sich von den neuen Vorwürfen gegen Gusta­v Kuhn „sehr betroffen“. Mit „den bisherigen, anonym vorgebrachten Anschuldigungen“ gegen den 72-Jährigen ließen sich diese kaum vergleichen, so Palfrader im TT-Gespräch: „Man kann jetzt sicher nicht zur Tagesordnung übergehen.“ Der Stiftungsrat der Festspiele, dem neben Haselsteiner und Palfrader auch Jürgen Meindl als Vertreter des Bundes angehört, solle schnellstmöglich zusammentreffen und das weitere Vorgehen beraten.

Ähnlich äußerte sich auch Kulturminister Gernot Blümel: Es gelte „umgehend alle nötigen Schritte einzuleiten, um für rasche und umfassende Aufklärung zu sorgen“.

„Konsequenzen“, etwa das Ende der Förderungen, verlangt indes die Tiroler SPÖ. „Für Bund und Land ergibt sich in Sachen Erl ein klarer Handlungsauftrag“, schreiben Kultursprecher Benedikt Lentsch und Nationalrätin Selma Yildirim in einer gemeinsamen Stellungnahme. Die im Brief der Künstlerinnen geschilderten Vorkommnisse bezeichneten sie als „erschütternd“.

Einen Schritt weiter gehen die Tiroler Grünen: Gustav Kuhn müsse vorläufig suspendiert werden, fordert deren stellvertretender Klubobmann, Georg Kaltschmid, in einer Aussendung.

Dies sei allein schon aus Respekt gegenüber den Musikerinnen, die den Mut hatten, mit den Vorwürfen an die Öffentlichkeit zu gehen, notwendig. Freilich gelte in diesem „wie in jedem anderen Fall“ die Unschuldsvermutung, aber das bedeute nicht, „dass man untätig sein muss“, so Kaltschmid. „Es sollte im Interesse aller sein, dass Herr Kuhn aus dem Scheinwerferlicht tritt, bis alle Vorwürfe von der Staatsanwaltschaft und gegebenenfalls vor Gericht geklärt wurden.“ Dass die heurigen Festspiele in dieser Woche noch im Gange sind, könne in dieser Diskussion kein Argument sein.

Dezidiert ausschließen möchte auch Kulturlandesrätin Palfrader die von ihrem Koalitionspartner geforderte Beurlaubung des Festivalleiters nicht. Diese sei „eine Möglichkeit von vielen“, auf die sie sich allerdings mit Haselsteiner und Meindl verständigen müsste.

Gustav Kuhn selbst schweigt zu den neuen Vorwürfen. Über seinen Anwalt, Ex-Justizminister Michael Krüger, ließ er gestern ausrichten, dass er sich gegen diese „Menschenjagd“ mit allen Mitteln des Rechtsstaates zu wehren wisse. Die Verfasserinnen des Briefes seien zum Teil schon viele Jahre nicht mehr in Erl aufgetreten oder deren Engagements aus künstlerischen Gründen nicht verlängert worden, so Krüger.

Der Vertrag von Kuhn in Erl läuft noch bis 2020. Das Gerücht, dass die Nachfolgerin des Intendanten bereits gefunden wurde, hält sich seit Wochen beharrlich. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie ihr Amt vorzeitig antreten könnte, ist seit gestern um ein Vielfaches größer geworden.


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