Salzburger Festspiele - Steier: „Ausrasten ist als Frau nicht drin“

Salzburg (APA) - Lydia Steier ist mit gerade einmal 40 Jahren am mutmaßlichen Höhepunkt für eine Opernregisseurin angekommen und hat mit der...

Salzburg (APA) - Lydia Steier ist mit gerade einmal 40 Jahren am mutmaßlichen Höhepunkt für eine Opernregisseurin angekommen und hat mit der „Zauberflöte“ die heutige Eröffnungspremiere der Salzburger Festspiele inszeniert. Vor der großen Stunde sprach die gebürtige US-Amerikanerin mit der APA über die langsam auch im Klassikbereich virulent werdende #MeToo-Debatte und die Frage, warum sie nicht schreien darf.

APA: Wie kommt es, dass es im Regiebereich ebenso ist wie beim Kochen oder Reiten: Auf den mittleren Ebenen sind die Frauen in der Überzahl, während die Spitzenpositionen dann doch überwiegend von Männern besetzt werden?

Lydia Steier: Dabei ist die Mehrheit der Regiestudis an den Hochschulen Frauen, und jedes Opernhaus hat wahrscheinlich mehr Regieassistentinnen als Regieassistenten. Es ist für Frauen aber immer noch schwieriger, andere von ihren Ideen zu überzeugen. Selbst hier in Salzburg ist es nach wie vor eher selten, dass eine Frau inszeniert. Aber das ändert sich. Man spürt, dass sich etwas tut. Aber natürlich muss ich anders in der Arbeit agieren als saturierte männliche Kollegen. Wenn ich einen Anfall habe in der Probe, bin ich sofort emotional oder hysterisch - Worte, die nur Frauen zugeordnet werden. Männer wären einfach perfektionistisch.

APA: Ist Ihnen selbst bei Ihrer Arbeit Ihr Frau-Sein stets bewusst? Wird mit Ihnen anders umgegangen, weil Sie eine Frau sind?

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Steier: In Salzburg habe ich wirklich keinen Unterschied gemerkt. Im Laufe meiner gesamten Karriere war das aber auch schon anders. Manchmal hat man durchaus einen Intendanten, der einen a la „Mädel, das wird schon“ von oben herab behandelt. Da frage ich mich, ob männliche Kollegen genauso abgecancelt werden. Ich denke mir da oft: Hey, es geht hier um ein ernsthaftes Problem! Ich brauche keinen Trost, sondern will mehr Geld für die Kostüme des Chors!

APA: Können Sie sich als Regisseurin die gleichen Reaktionen erlauben wie ein männlicher Kollege?

Steier: Ich habe das immer im Hinterkopf. Oft weiß ich, dass der Herr Regisseur XY jetzt in der einen oder anderen Situation einen echten Megaanfall bekäme, und das kann ich mir nicht erlauben. Aber ich bin nicht besonders weiblich in meiner Arbeit. Ich nutze sehr farbenfrohe Sätze, um Dinge zu beschreiben und bin ziemlich derb.

APA: Würden Sie bisweilen gerne in einer Probe herumschreien?

Steier: Ich habe da eigentlich gar keine Konzept dazu im Kopf, weil es einfach schlicht nie infrage kommen könnte, das zu tun. Ich habe da einfach keine Vorstellung wie das wäre. Ein Ausraster ist für eine Frau einfach nicht drin.

APA: Gilt das auch für den Platz hinter dem Pult im Orchestergraben? Die Zahl der Dirigentinnen ist schließlich immer noch äußerst überschaubar...

Steier: Regisseurinnen haben es im Vergleich zu Dirigentinnen noch sehr gut! Ich kann mir das echt nicht vorstellen. Orchester sind immer noch eine Masse an Menschen, die eine Vaterfigur erwarten. Ich bin froh, dass ich in einer Zeit lebe, in der die Fragen der weiblichen Präsenz zwar kein völliger Automatismus sind, aber doch auch nicht unerhört. Und in den kommenden zehn Jahren wird das sicher noch besser.

APA: Sie empfinden die angestoßene #MeToo-Debatte also durchaus positiv?

Steier: Ja. Man redet nun endlich offen über die unterschwellige Erpressungen, die es für Frauen und schwule Männer in dieser Branche gibt. Gerade im Fall von James Levine (der wegen Missbrauchsvorwürfen entlassene Met-Musikdirektor, Anm.) war es so, dass es alle gewusst und alle hinter vorgehaltener Hand darüber geredet haben. Überhaupt ist es mein Eindruck - von meinen schwulen Freunden her zu urteilen - dass es für schwule Männer in unserer Branche oftmals noch schwerer ist.

APA: Dass Sie persönlich niemals entsprechende Erfahrungen machen mussten, ist in Ihren Augen Glück oder auf ein bewusstes Verhalten zurückzuführen?

Steier: Ich weiß es nicht. Vielleicht beides. Ich bin sicher jemand, der in einer verfänglichen Situation einfach sagt: Das wird jetzt sicher nicht passieren. Zugleich trifft es auch Menschen, die sehr selbstbewusst auftreten. Aber das sind alles Graubereiche der Abhängigkeiten und persönlichen Entscheidungen. Man darf nicht unterschätzen, wie viele Menschen es gibt, die in dieser Branche etwas mit aller Vehemenz erreichen wollen. Aber gerade deshalb ist es wichtig, dass jetzt über diese Dinge offen gesprochen wird, die man sonst nur bei einem Glas Wein mit den Freundinnen besprochen hat. Da geht es um einen echten Paradigmenwechsel, eine echte Bewusstseinsveränderung.

(Das Gespräch führte Martin Fichter-Wöß/APA)

(B I L D A V I S O - Fotos von Lydia Steier wurden am 25. Juli über den AOM verbreitet und sind dort abrufbar.)


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