Jährliche Katastrophe: Vietnam beklagt wieder viele Regenzeit-Tote

Hanoi (APA/dpa) - In Vietnam dauert die Regenzeit ungewöhnlich lange, von Juni bis Oktober. Im Durchschnitt der letzten beiden Jahrzehnte wu...

Hanoi (APA/dpa) - In Vietnam dauert die Regenzeit ungewöhnlich lange, von Juni bis Oktober. Im Durchschnitt der letzten beiden Jahrzehnte wurden jedes Jahr mehr als 400 Menschen durch Tropenstürme getötet. Im vergangenen Jahr gab es 16 schwere Taifune. Mindestens 386 Tote. Zehntausende Häuser unter Wasser. Geschätzter Sachschaden: 2,3 Milliarden Euro. Die aktuelle Bilanz für 2018: 112 Tote, und noch ist es früh.

Dang Phuc Tai war ein kleiner schmächtiger Mann. Er starb in diesem Sommer, als er in seinem Heimatort Nam Muoi, einem kleinen Dorf im Norden Vietnams, während der Regenzeit zwei Kinder retten wollte. Seine Leiche wurde elf Kilometer weiter unten am Fluss gefunden. Jetzt sind zehn Männer damit beschäftigt, seinen Sarg ans Grab zu bringen. Immer wieder versinken sie im Morast. Es ist Knochenarbeit.

Tai ist einer von jetzt schon mehr als hundert Toten von Vietnams diesjähriger Regenzeit. Opfer einer Katastrophe, die immer wieder stattfindet. Leute, von denen man normalerweise nie etwas hört. Wenn in den USA ein schlimmer Hurrikan über einen Bundesstaat rast, wenn einer von Europas großen Flüssen über die Ufer tritt oder auch wenn es hier oder dort eine dramatische Trockenheit gibt, sind das Weltnachrichten. Was in Asien passiert, interessiert kaum jemanden.

In der Rangliste der weltweit am schlimmsten von Umweltkatastrophen betroffenen Länder liegt Vietnam auf Platz 18. So weit vorn liegt der langgezogenene Staat mit seinen mehr als 3.400 Kilometern Küste in anderen Listen eigentlich nie. Im Durchschnitt kosten die Überschwemmungen, Sturzfluten und Schlammlawinen den kommunistischen Ein-Parteien-Staat mit seinen 95 Millionen Einwohnern jedes Jahr ein bis eineinhalb Prozent des Bruttoinlandprodukts.

In diesem Jahr sind die Sorgen groß, dass es eher noch schlimmer kommt. Ganz unten im Delta des Mekong, im Zentrum, aber auch im Norden. Dort oben, in Nam Muoi, wo die Beerdigung jetzt vorbei ist, regnet es infolge des Taifuns Son-Tinh seit Wochen schon fast ununterbrochen. „Das war der schlimmste Sturm, den ich je gesehen habe“, sagt Ortsvorsteher Ban Thua Phuc. „Die älteren Leute erzählen, dass es solch eine lange Regenzeit in hundert Jahren nicht gab.“

Mit drei Toten bisher ist das Dorf noch halbwegs gut davongekommen. Außerdem hat es 23 Häuser weggeschwemmt. 28 andere sind schwer beschädigt. Die Straßen sind blockiert. Die Rettungskräfte kommen genauso schwer durch wie die Sargträger. „Keine Ahnung, wann wir wieder ein normales Leben führen können“, sagt Phuc. Die Erfahrung lehrt, dass es gegen Ende der Regenzeit, wenn sich der Boden mit Wasser vollgesaugt hat, am schlimmsten wird.

Die Industrialisierung, die Abholzung von Regenwäldern, die enge Besiedelung - all das trägt zu den Katastrophen bei. Der Chef der nationalen Katastrophenschutzbehörde, Tran Quang Hoai, erklärt aber, dass die Gemeinden an der Küste in der Regel besser vorbereitet sind als Dörfer in den Bergen - obwohl sie die Wucht der Tropenstürme vom Meer als erste abbekommen. „Die schlimmsten Katastrophen gibt es durch Sturzfluten und Erdrutsche in den Tagen danach.“

Der oberste Katastrophenschützer erklärt das auch mit mangelnder Kommunikation. „Viele Dorfbewohner sind für mehrere Tage weit von zuhause weg, weil sie auf den Feldern arbeiten. Sie arbeiten in abgelegenen Gegenden, wo es keine Fernseher gibt und auch keine Lautsprecher auf den Straßen. Deshalb wissen sie überhaupt nicht, was auf sie zukommt, wenn sie zurückkehren.“

Die Behörden arbeiten daher jetzt an neuen Aufklärungskampagnen. „Die beste Methode, um den Verlust von Leben sowie Hab und Gut zu vermeiden, ist bessere Information“, sagt Hoai. Vietnams Premierminister Nguyen Xuan Phuc meinte kürzlich ebenfalls: „Eine bessere Kommunikation im Kampf gegen Naturkatastrophen muss unsere oberste Priorität sein.“

Mit neuen Propaganda-Filmen und -Plakaten allein ist es aber nicht getan. Die Leute müssen auch überzeugt werden. Bei der Katastrophenschutzbehörde sind manche fassungslos, wie sich Vietnamesen auch über die ärgsten Warnungen hinwegsetzen. Zu den Toten dieses Jahres gehört auch ein Mann, der mitten in der größten Flut auf die Idee kam, Treibholz aus dem Wasser zu sammeln.


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