Die Lesenden in der Kunst der Moderne

Das Franz-Marc-Museum widmet sich anlässlich seines zehnjährigen Bestehens einer schönen Tätigkeit.

© Schirmer/Mosel

Von Gerlinde Tamerl

Kochel am See –In ein Buch vertieft, haben Lesende etwas Entrücktes an sich, sie wirken wie von der Außenwelt abgeschnitten. Der Dichter Rainer Maria Rilke verglich sie mit Schlafenden, die sich gelegentlich umwenden zwischen zwei Träumen.

Das Franz-Marc-Museum am Kochelsee widmet Lesenden in der bildenden Kunst eine eigene Ausstellung, die den Titel „Lektüre. Bilder vom Lesen – Vom Lesen der Bilder.“ trägt. Der Leiterin des Museums Cathrin Klingsöhr-Leroy ist es gelungen, vielfältige Darstellungen Lesender aus Malerei, Handzeichnung und Druckgrafik zusammenzustellen. Darunter befinden sich Werke von Meistern wie Jean-Etienne Liotard aus der Mitte des 18. Jahrhunderts, aber auch Arbeiten von Auguste Renoir und Pablo Picasso. Auch Gabriele Münter ist vertreten. Sie lebte gemeinsam mit dem russischen Künstler Wassily Kandinsky am Kochelsee und hat häufig Lesende porträtiert. Gewiss eines der prominentesten Kunstwerke der Ausstellung ist „Die Lesestunde“ (1953) von Pablo Picasso. Er malte seine lesende Geliebte Françoise Gilot mit zwei Gesichtern. Picasso betont damit den Prozess des Abdriftens in eine andere Realitätsebene.

Das Lesen als Zeitvertreib im privaten Umfeld begann erst mit dem Aufstieg des Bürgertums im 17. Jahrhundert. Zuvor war das Lektürestudium nur der Geistlichkeit vorbehalten. Gewöhnliche Menschen lasen die Bibel, doch diese Lektüre diente rein der religiösen Kontemplation. Als das Lesen zu einem fixen Bestandteil des bürgerlichen Lebens avancierte, wurden auch bildende Künstler auf die Aura aufmerksam, die Men- schen ausstrahlen, die sich in ein Buch vertieft haben. Die Orte, an denen sich die Lesenden befinden, sind so vielfältig wie die ausgewählten Bücher, sei es auf einem Sofa, in einer Wiese oder an einem Tisch. Lesende, darunter sehr viele Frauen, entwickelten sich zu einem beliebten Darstellungsmotiv in der europäischen Malerei. All das lässt sich in dem sorgfältig editierten Katalog zur Ausstellung nachlesen. Darüber hinaus werden in dieser Schau auch Künstler wie etwa Cy Twombly vorgestellt, die die Schriftzeichen und den Schreibprozess selbst zu einem zentralen Bestandteil ihres künstlerischen Schaffens machten. Die Ausstellung wird durch Fotografien von Candida Höfer abgerundet, die die stillen Räume des Lesens, Bibliotheken etwa, in eindrucksvollen Fotos festgehalten hat. Lesen ist eine schöne wie lehrreiche Beschäftigung. Das belegt diese Ausstellung eindrucksvoll.

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