Die Wunde bleibt: Rentner muss für Schuss auf Mädchen (12) in Haft

Dutzende Menschen begrüßen auf der Straße in Salzgitter ausgelassen das neue Jahr. Plötzlich schreit eine Zwölfjährige auf – während der fröhlichen Knallerei getroffen von einer scharfen Waffe. Der Schütze wurde jetzt verurteilt.

(Symbolfoto)
© TT/Thomas Böhm

Von Christina Sticht, dpa

Braunschweig – Nur um wenige Zentimeter verfehltder Pistolenschuss das Herz der Zwölfjährigen. Es ist Silvester, das Mädchenhatvor demHaus ihrerFamilie in Salzgitter gerade einHandy gezückt, um ihren Bruder beim Zünden eines Böllers zu filmen. Dann istda plötzlich der „Schlag wie mit einem Hammer“ und dasnasse, heiße Blut auf ihremRücken. Das Mädchen wirft sich seiner Mutter in die Arme, die zunächst gar nicht begreift, was passiert ist. Die polizeiliche Vernehmung des Kindeswurde im Landgericht Braunschweig nur verlesen – zum Schutz der Achtklässlerin, deren Schusswunde zwar verheilt ist, die aber psychisch schwer unter denFolgen der Attackeleidet.

Schon jahrelang zu Silvester geschossen

Sie sei innerlich zerstört, sagt das Mädchen. Der Mann, der sie beinahe erschossen hatte, wurde am Dienstag wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung zu einer Gefängnisstrafe von zwei Jahren und neun Monaten verurteilt. Er sitzt seit dem Neujahrstag in Untersuchungshaft. Ein kleiner, gebückter Mann in hellem Hemd und zu großer Jeans. Der 69-jährige Türke war Betreiber eines Cafés und Wettbüros auf der anderen Straßenseite des Hauses der Zwölfjährigen. Ein Motiv dafür, dass er mit der illegalen halbautomatischen Neun-Millimeter-Pistole herumballerte, konnte die Strafkammer während der sieben Verhandlungstage nicht feststellen.

Während Nachbarn mit Schreckschusspistolen das neue Jahr begrüßten, habe der Angeklagte coolin Cowboy-Manier mitmachen wollen und dabei die Situation völlig falsch eingeschätzt, sagte die Vorsitzende Richterin Daniela Kirchhoff. Der Rentnerhatte zum Prozessauftakt eingeräumt, schon in den zwei Jahren zuvor zu Silvester Schüsse aus der scharfen Waffe abgefeuert zu haben. Strafmildernd wertete das Gericht sein Geständnis mit„aufrichtiger Reue“ sowie die eingeschränkte Steuerungsfähigkeit des 69-Jährigen, der an dem Abend Alkohol getrunken hatte und unter anderem unter schweren Durchblutungsstörungen leidet.

Eltern sehen Schmerzensgeld als „Blutgeld“

Er hatte zunächst aus dem geöffneten Fenster seines Cafés 12 oder 13 Schüsse abgefeuert und danach an einer Straßenkreuzung – lässig an eine Laterne gelehnt – in die Nacht geballert. Bei der zweiten salvenartigen Schuss-Serie traf erdie Schülerin. Das Geschoss durchschlug den Brustkorb, verletzte die Lunge, zertrümmerte die zweite Rippe und kam oberhalbdes Schlüsselbeins wieder heraus.Er habeden Tod des Mädchensbilligend in Kauf genommen, sagte die Richterin. „Es war nur dem glücklichen Zufall zu verdanken, dass sienicht tödlich getroffen wurde.“

Die Eltern des Opfers traten in demProzess als Nebenkläger auf. Ihnengehe es vor allem darum, ihreTochter zu schützen, sagte der Anwalt der Familie, Muammer Duran, nach der Urteilsverkündung. Der Familie sei wichtig, dass der Täter weiterin Haftbleibt.„Man darf in Deutschland nicht illegal eine Waffe besorgen und Silvester als Freifahrtschein für kriminelle Delikte betrachten“, sagte Duran.

Ob der VerurteilteRevision einlegen wird, ist noch nicht entschieden.„Wir warten die schriftliche Urteilsbegründung ab“, sagte sein Verteidiger Ekan Altun. Der Schütze überwiesbereits einmal 3000 Euro und einmal 4000 Euro Schmerzensgeld für das Mädchen. Die Summeliegtauf dem Konto des Anwalts der Familie. Die Eltern sehen es Duran zufolge als„Blutgeld“ an und haben sich noch nicht dazu durchgerungen, es zu akzeptieren.(dpa)


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