Genua sucht Opfer und Ursachen: Regierung rügt Brückenbetreiber

Im Wettlauf gegen die Zeit graben Retter in Genua weiter nach Vermissten – wohl vergeblich. Die Regierung sucht die Verantwortung beim Autobahnbetreiber. Brüssel spricht eine andere Sprache.

Eine Frau sieht auf die eingestürzte Morandi-Brücke in Genua.
© REUTERS

Genua – Auch mehr als 50 Stunden nach dem Brückeneinsturz mit Dutzenden Toten haben Bergungskräfte am Donnerstag in Genua noch nach weiteren Opfern unter den Trümmern gesucht. „Es könnte noch zehn bis 20 vermisste Personen geben“, sagte der leitende Staatsanwalt Francesco Cozzi laut Nachrichtenagentur Ansa am Donnerstag in der italienischen Hafenstadt. Angesichts der verstrichenen Zeit sei es „wenig wahrscheinlich, Überlebende zu finden“, zitierte Ansa den Regionalpräsidenten Giovanni Toti.

Die Zahl der Todesopfer wurde von der Regierung von 39 auf 38 korrigiert, die Zahl der Verletzten von 16 auf 15. Unterstützt durch Bagger und Kräne suchten die Rettungskräfte am Donnerstag weiter nach Vermissten. „Wir suchen immer noch nach Hohlräumen, in denen Menschen sein könnten – lebendig oder nicht“, sagte Feuerwehrsprecher Emanuele Gissi.

Salvini fordert von Betreiberfirma halbe Milliarde für die Opfer

Während eines Unwetters war am Dienstag ein Abschnitt des viel befahrenen Polcevera-Viadukts eingestürzt und hatte viele Fahrzeuge in die Tiefe gerissen. Die Angaben zur Länge des eingebrochenen Stücks variierten zwischen 100 und 250 Metern. Am Donnerstag verlautete aus verlässlicher Quelle, dass es sich um eine Länge von rund 180 Metern handelte.

Während die Suche nach möglichen weiteren Opfern in den Trümmern der eingestürzten Autobahnbrücke von Genua weiterlief, hat die italienische Regierung am Donnerstag den Betreiberkonzern Atlantia erneut angegriffen. Innenminister Matteo Salvini forderte Entschädigungszahlungen von bis zu 500 Millionen Euro für betroffene Familien und örtliche Behörden.

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Innenminister Matteo Salvini besuchte den Unglücksort am Donnerstagvormittag.
© AFP

Bauwerk unterlag EU-Sicherheitsauflagen

Für die Todesopfer soll es am Samstag ein Begräbnis geben und dann auch eine Staatstrauer gelten. Unter den Opfern sind mindestens drei Minderjährige im Alter von 8, 12 und 13 Jahren. 15 Menschen sind der Präfektur zufolge verletzt, neun von ihnen befinden sich noch immer in einem kritischen Zustand.

Unterdessen verschärfte die Regierung ihre Vorwürfe gegen den Autobahnbetreiber Autostrade per l‘Italia zu. Sie sieht die Verantwortung für die Katastrophe bei dem Unternehmen und will ihm die Lizenz für die Straße entziehen.

Die Rettungsmannschaften suchen ohne Unterlass unter den schweren Betonblöcken und Stahlteilen der eingestürzten Autobahnbrücke nach Verschütteten.
© AFP

Die EU-Kommission stellte am Donnerstag klar, die Morandi-Brücke war Teil eines europäischen Fernstraßennetzes und unterlag deshalb besonderen Prüf- und Sicherheitsauflagen der EU. Verantwortlich für die Umsetzung seien die italienischen Behörden.

Die Kommission wies abermals Aussagen des italienischen Innenministers Matteo Salvini zurück, wonach Brüsseler Sparvorgaben für die marode Infrastruktur des Landes mitverantwortlich sein könnten. EU-Staaten könnten politische Prioritäten im Rahmen der geltenden Haushaltsregeln selbst festlegen, wiederholte der Sprecher. „Es ist sehr menschlich, einen Schuldigen zu suchen, wenn ein schreckliches Unglück wie in Genua passiert. Trotzdem gut, sich die Fakten anzuschauen“, twitterte EU-Haushaltskommissar Günther Oettinger (CDU).

Pariser Staatsanwaltschaft ermittelt

Autostrade per l‘Italia wies die Vorwürfe zurück. Der Autobahnbetreiber teilte mit, er habe zwischen 2012 und 2017 mehr als eine Milliarde Euro jährlich in die Sicherheit und Instandhaltung investiert. Die Staatsanwaltschaft geht allerdings davon aus, dass die Katastrophe kein zufälliges Unglück war.

Der mehr als 40 Meter hohe Polcevera-Viadukt, der auch Morandi-Brücke genannt wird, spannt sich unter anderem über Wohnhäuser, Gleisanlagen und Fabriken und ist seit langem umstritten. Die Brücke ist Teil der Autobahn 10 und verbindet den Osten mit dem Westen der Stadt. Sie ist als Urlaubsroute „Autostrada dei Fiori“ bekannt und eine wichtige Fernstraße nach Südfrankreich, in den Piemont und die Lombardei.

© AFP

Darum beschäftigt der Einsturz auch die französische Justiz. Die Staatsanwaltschaft in Paris leitete eine Untersuchung wegen des Verdachts auf fahrlässige Körperverletzung und fahrlässige Tötung ein, wie die Behörde am Donnerstag auf Anfrage bestätigte.

Grund ist, dass auch vier Franzosen unter den Opfern sind – in solchen Fällen im Ausland ist es üblich, dass sich französische Ermittler einschalten. Auch ein Kolumbianer soll zu Tode gekommen sein, teilte das Außenministerium in Bogota am Mittwoch mit. Medienberichten zufolge handelt es sich bei dem Todesopfer um einen 30-Jährigen, der als Vorstandsmitglied einer Jugendmannschaft von Inter Mailand tätig war.

Rund 630 Menschen obdachlos

Die Regierung hatte am Mittwoch einen zwölfmonatigen Ausnahmezustand in der Hafenstadt verhängt. Damit werden unter anderem Hilfen für die mehr als 630 Anrainer erleichtert, die nach dem Einsturz ihre teilweise unter der Brückenkonstruktion stehenden Wohnhäuser verlassen mussten. Regionalpräsident Toti erklärte laut Ansa am Donnerstag, dass die Häuser nicht wieder bewohnt werden können. In den nächsten Tagen sollen Häuser für die Betroffenen zur Verfügung gestellt werden.

Italienische Medien berichteten von unglaublichen Geschichten Überlebender. Marina Guagliata und ihre 24-jährige Tochter waren in einem Geschäft unter der Brücke, als Betonbrocken das Gebäude zertrümmerten. „Ich war bis zu meiner Brust begraben, und meine Tochter war komplett verschüttet“, erzählte die 58-Jährige einem Fernsehsender. Ihre Tochter Camilla wird wegen mehrerer Brüche im Krankenhaus behandelt.

Spiele von Sampdoria, Genoa verschoben

Die fürs Wochenende angesetzten Spiele der beiden genuesischen Fußballclubs in der ersten italienischen Liga wurden verschoben. Der Präsident der Serie A entsprach damit dem Wunsch von Sampdoria und CFC Genua.


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