„Let‘s keep it“: Dokumentarfilm über Österreichs Restitutionspolitik

Wien (APA) - Unter dem Druck des Washingtoner Abkommens von 2001 musste sich Österreich mit der Restitution von unter den Nazis „arisierten“...

Wien (APA) - Unter dem Druck des Washingtoner Abkommens von 2001 musste sich Österreich mit der Restitution von unter den Nazis „arisierten“ und heute in Bundeseigentum befindlichen Liegenschaften befassen. Eigentlich habe man aber keine Rückgaben beabsichtigt, sagt ein Interviewpartner und bringt Österreichs Haltung auf eine Formel: „Let‘s keep it“. Genau so hat Burgl Czeitschner ihren Dokumentarfilm genannt.

Im Herbst muss die unabhängige Schiedsinstanz für Naturalrestitution einen Schlussbericht vorlegen. Noch vorher wollte die 72-jährige Historikerin und ehemalige „Kurier“, „profil“- und ORF-Journalistin Czeitschner ihre eigene Bilanz ziehen. Sie fällt verheerend aus. In wenigen Tagen sei damals ein Gesetz entstanden, das jeden, der einen Antrag einbringen wollte, vor große finanzielle und bürokratische Hürden stellte. Entsprechend ernüchternd liest sich die Statistik: Nur ein verschwindend kleiner Teil der einst brutal entzogenen Werte wurde zurückgefordert, und nur ein Bruchteil der gestellten Rückgabe-Anträge wurde positiv beschieden. Besonders perfid: In mehr als einem Fall bemühte sich die Republik Österreich offenbar noch rasch um den rechtzeitigen Verkauf der Liegenschaft, um im Falle eines positiven Entscheids nicht mehr rückgabepflichtig zu sein.

Czeitschner hat in jahrelanger Arbeit Archive durchforstet, Akten gewälzt, Betroffene ausfindig gemacht und Filmdokumente aufgetrieben, die das Leben der vertriebenen und enteigneten Vorbesitzer dokumentieren. Angesichts einer Fülle von Material sind es nur einige wenige Schlaglichter, die wirklich im Gedächtnis bleiben. Dazu zählt etwa jener Abschnitt des Films, der sich mit der Rolle, die Czeitschners eigener Großvater als Kärntner Bürgermeister bei den Enteignungen spielte, und die Mauer des Schweigens, auf die die Regisseurin später in der eigenen Familie stieß.

Und auch der Fall Attila Hörbiger und Paula Wessely bleibt hängen. Entgegen des ersten Anscheins waren sie nicht Profiteure dieses gigantischen Vermögensentzugs, sondern machten nur zum Schein mit, um Freunden ihren Besitz bewahren zu helfen. In einem der berührendsten Momente des Films verleiht ein Nachfahre mehrfach der eigenen Verwunderung Ausdruck: Dass er heute tatsächlich in der Immobilie wohne, die einst seiner Familie entzogen worden war, sei der ihm weithin einzige bekannte Fall, schüttelt er ungläubig den Kopf.

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Der im Gesetz explizit angesprochene Begriff „extreme Ungerechtigkeit“ wurde bei 2.315 Anträgen ganze 15 Mal konstatiert. Nur für rund 60 Liegenschaften erging ein positiver Bescheid, die meisten davon wurden finanziell abgegolten. „Let‘s keep it“. Sollte das tatsächlich das unausgesprochene Vorhaben gewesen sein: Es hat funktioniert.

(S E R V I C E - https://letskeepit.at, https://www.entschaedigungsfonds.org/naturalrestitution.html )


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