Don-Kosaken in Österreich: Publikumserfolge und eine Tragödie

Wien (APA) - Ein Don-Kosaken-Chor soll am Samstag mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin zur Hochzeit von Außenministerin Karin Kneis...

Wien (APA) - Ein Don-Kosaken-Chor soll am Samstag mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin zur Hochzeit von Außenministerin Karin Kneissl (FPÖ) reisen und dort singen, hieß es aus gut informierten Kreisen. Österreich spielte in der Geschichte der Kosaken eine wichtige Rolle: 1923 schaffte einer der wichtigsten Chöre hier den Durchbruch, 1945 kam es in Lienz zu einer der größten Tragödien des Kosakentums.

Jahrhundertelang hatten sich die Wehrbauern im Süden Russlands, die zu einem besonderen russischen Volksstamm mit eigenen Bräuchen avanciert waren, vor allem in der Kavallerie für den Zaren engagiert. Nach der Oktoberrevolution von 1917 kämpften sie im Bürgerkrieg tendenziell eher gegen die Bolschewiken. Angesichts des Vormarschs der „Roten“ sahen sich viele „weiße Kosaken“ jedoch alsbald gezwungen, ins Exil zu flüchten. In der Sowjetunion selbst kam es zu einer massiven Repressionswelle, die hunderttausende Kosaken betreffen sollte.

1920 formierte sich in einem türkischen Flüchtlingslager ein Chor mit Kosaken vom Fluss Don, der vom ehemaligen Musiklehrer Serge Jaroff geleitet wurde. Nach bescheidenen Erfolgen änderte sich alles 1923 in Wien: Auf der Durchreise nach Paris, wo sich die Flüchtlinge aus der Sowjetunion eigentlich als Arbeiter verdingen wollten, gelang der internationale Durchbruch.

„Das Publikum rast, jubelt, tobt. [...] Die Stimmen der Sänger könnten vielleicht etwas geschulter sein. Es wäre schade darum, jammerschade, wenn sie ihre Ursprünglichkeit, ihre Kindlichkeit und ihren Ernst gegen Routine vertauschen würden“, urteilte im Juli 1923 eine Wiener Zeitung namens „Tag“. Anstelle von wenigen geplanten Konzerten füllte der „Don Kosaken Chor Serge Jaroff“ den gesamten Sommer 1923 hindurch große Säle in Wien. Das Kollektiv, das später in Berlin und nach Ausbruch des 2. Weltkriegs in New York seinen Sitz hatte, wurde zu einer populären internationalen Marke sowie zum Vorbild für weitere Kosakenchöre in der ganzen Welt.

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Insbesondere der seit Jahrzehnten in Österreich wirkende Musiker und Tänzer Petja Houdjakov, der 1935 im bulgarischen Exil einer aus Rostow am Don gebürtigen Familie zur Welt kam, sieht sich in der Tradition Jaroffs. Anfang der 1980er-Jahr gründete Houdjakov die „Bolschoi Don Kosaken“, die nunmehr zu den populärsten Vertretern des Genres zählen. Bei Kneissls Hochzeit tritt Houdjakovs Kollektiv am Samstag jedoch nicht auf, bedauerte eine Sprecherin der „Bolschoi Don Kosaken“ am Freitagnachmittag gegenüber der APA. „Wir haben aber nichts dagegen, wenn andere Gruppen auftreten. Wenn sie gut singen“, sagte sie.

Abgesehen von Musik verbindet die Kosaken, insbesondere auch jene vom Don, mit Österreich aber auch eine äußerst tragische Geschichte der unmittelbaren Nachkriegszeit. Am 1. Juni 1945 hatten britische Truppen mit der gewaltsamen Auslieferung eines in Osttirol lagernden Kosakenverbandes an die Rote Armee begonnen. Die Auslieferung selbst vollzog sich im steirischen Judenburg, etwa 100 Kilometer vom Hochzeitsort Kneissls entfernt, wie der russische NGO-Aktivist Ilja Schumanow am Freitagabend auf Facebook anmerkte.

Geschätzte 25.000 Menschen wurden damals an die Sowjets übergeben - betroffen waren nicht nur jene Kosaken, die auf Seite der deutschen Wehrmacht zuvor in Jugoslawien Partisanen bekämpft hatten, sondern auch im Tross mitreisende Frauen und Kinder. In der Sowjetunion stand den „Lienzer Kosaken“ Lager und Verbannung bevor, die militärischen Anführer wurden 1947 in Moskau exekutiert. Aber noch in Osttirol hatte es im Juni 1945 zahlreiche Opfer durch Selbstmorde und Gewaltanwendung britischer Soldaten gegeben - am Friedhof im Lienzer Ortsteil Peggetz finden sich Gräber von etwa 300 Kosaken.

Auch mehr als siebzig Jahre später kann die „Lienzer Kosakentragödie“ in Russland selbst noch immer nicht als überwunden gelten. Während im Süden Russlands zwar eine staatlich unterstützte Renaissance des Kosakentums zu beobachteten ist und mit Peitsche bewaffnete Kosaken in manchen Regionen für Ordnerdienste eingesetzt werden, haben Behörden mit der Erinnerung an die Ereignisse von 1945 nur wenig Freude.

Als etwa der Kreml-kritische Don-Kosake Wladimir Melichow 2015 zu einer Einweihung einer Kapelle nach Lienz reisen wollte, verhinderten die Behörden seine Ausreise nach Österreich. Im Zusammenhang mit einem Denkmal für „Don-Kosaken im Kampf gegen die Bolschewiken“, das sich auf Episoden des russischen Bürgerkriegs zwischen 1917 und den frühen 1920ern bezieht, war der erklärte Antibolschewist Melichow zuvor auch schon mit Extremismusvorwürfen konfrontiert worden.

Dem Auftritt von Kosaken-Chören bei Kneissl Hochzeit kann der politisch-aktive Don-Kosake jedenfalls nichts abgewinnen. „Kosaken sind keine Hofnarren, sie bedienen keine belustigenden Veranstaltungen. Deshalb sehe ich Derartiges negativ“, erklärte Melichow am Freitag gegenüber der APA.


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