„Es ist wirklich ein Wunder, dass nicht mehr passiert“

In Tirols Bergen sind seit Mai 27 Menschen gestorben. Wegen der Vielzahl an Einsätzen ist bei vielen Bergrettern die Schmerzgrenze erreicht, sagt ihr Präsident Stefan Hochstaffl.

(Symbolfoto)
© pixabay

Von Benedikt Mair

Innsbruck –In den vergangenen Wochen ist es vielerorts fast schon Alltag geworden. Berg, Helm und Trage statt Badesee, Handtuch und Liegestuhl hieß es für Tirols Bergretter. Auch gestern mussten sie landesweit wieder zuhauf ausrücken. Etwa in Steeg, wo sich ein Alpinist im Bereich der Stuttgarter Hütte verstiegen hatte und ins Tal begleitet werden musste.

Tote gab es am Sonntag keine zu beklagen. Anders als am Samstag, als gleich zwei Menschen in Tirols Bergen starben – die Opfer Nummer 26 und 27 seit Mai. Zum Vergleich: Im gesamten Sommer 2017 starben in Tirol 41 Menschen bei Alpinunfällen, wie aus Zahlen des Kuratoriums für Alpine Sicherheit hervorgeht.

Für Hermann Spiegl, Landesleiter der Tiroler Bergrettung, „ist die Vielzahl an Menschen, die es derzeit in die Berge zieht, die einzig schlüssige Begründung für die riesige Zahl an Einsätzen, die unsere Bergretter derzeit zu bewältigen haben. Die Hitze treibt die Leute dorthin, wo es kühler ist.“ Auch setzte sich der Trend, wonach die Reizschwelle, Hilfe zu holen, sinkt, weiter fort, weiß Spiegl zu berichten.

Und auch der Präsident der österreichischen Bergrettung, der Gerloser Stefan Hochstaffl, macht die enorme Zahl an Wanderern mit verantwortlich für die vielen Unfälle. „Das Wetter ist genial, Outdoor-Sport ist absolut angesagt und die Leute zieht es immer weiter in unwegsameres Gelände.“ Dabei seien viele Wanderer und Kletterer gut ausgestattet. „Die Ausrüstung passt meist, ist von hoher Qualität“, sagt Hochstaffl. „Nur die Art, wie sie eingesetzt wird, ist oft mehr als fragwürdig. Es ist wirklich ein Wunder, dass nicht mehr passiert.“

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Bei jenen Bergrettungs-Ortsgruppen, die besonders oft im Einsatz stehen, sei die Schmerzgrenze inzwischen erreicht, sagt Hochstaffl. „Irgendwann ist auch einmal Schluss mit Freiwilligkeit. Da denke ich etwa an die Bergrettung Mayrhofen oder Sölden, die zum Teil täglich oder gar mehrmals am Tag ausrücken müssen. Ich bin gespannt, wie lange das so noch gut geht.“

Landesleiter Spiegl kann dem nur zustimmen und gibt zu, dass „wir uns für die Einsatz-Hotspots etwas überlegen müssen, wie das künftig abzuwickeln ist“. Besonders die Motivation würde vielerorts sinken, da die Bergretter oft „wegen Lappalien zum Einsatz gerufen werden – auch unter der Woche. Das heißt, sie müssen deshalb von der Arbeit weg. Wir versuchen den Aufwand, so gut es geht, zu verrechnen. Ich muss aber zugeben, dass das Gelbe vom Ei noch nicht gefunden ist.“


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