Alpbacher Gesundheitsgespräche - Soziales und Technik für Gesundheit

Alpbach (APA) - Die moderne Molekularbiologie revolutioniert das Verständnis von Gesundheit und Krankheit. Doch die Armen der Welt werden da...

Alpbach (APA) - Die moderne Molekularbiologie revolutioniert das Verständnis von Gesundheit und Krankheit. Doch die Armen der Welt werden dabei weiterhin zurückgelassen. Dabei ist Gesundheit vor allem ein Produkt des Sozialen, hieß es Sonntagnachmittag zur Eröffnung der Alpbacher Gesundheitsgespräche (bis 21. August).

Bei der Veranstaltung soll das diesjährige Forum-Generalthema „Diversität und Resilienz“ auf dem Gebiet der Gesundheit diskutiert werden. Die Eröffnung Sonntag am späten Nachmittag war allerdings durch viele frei bleibende - wenngleich vorreservierte - Sitzplätze für österreichische Entscheidungs- und Expertiseträger in den beiden vorderen Reihen gekennzeichnet.

Seit langem ist klar, wie es der israelische Chemie-Nobelpreisträger des Jahres 2004, Aaron Ciechanover (Technion-Israel Institute of Technology, Haifa), in einem Einleitungsstatement formulierte: „Die Medizin hat in den vergangenen hundert Jahren ganz Großartiges geleistet. Die durchschnittliche Lebenserwartung ist von 50 auf 80 Jahre gestiegen. Von den Zeiten der Römer bis dahin hatte die Menschheit nur einen Zuwachs an Lebenserwartung von 30 auf 50 Jahre erreicht.“

Erstmals schaffe man über die Genomik und die Molekularbiologie in vielen Fällen eine personalisierte Diagnose von Krankheiten und gehe eine personalisierte Medizin an. „Brustkrebs ist plötzlich nicht eine Erkrankung, sondern umfasst 20 verschiedene Krankheiten. (...) Die Sequenzierung des Genoms eines Menschen dauert weniger als einen Tag und kostet weniger als 5.000 US-Dollar.“ Die zukünftige Medizin werde damit „personalisiert“, „vorhersagend“, „vorbeugend“ und „partizipativ“ sein, was die Entscheidungsfindung für die Patienten betrifft. Er, Ciechanover, sehe eine große Zukunft. „Aber wir wissen, dass es auch keinen ‚free lunch“ gibt.“ Politik, Religion und Bioethik hinkten der Entwicklung oft hinterher.

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Der technische Fortschritt in der Medizin ist allerdings nur eine Sache. „Gesundheit wird gemacht, wo Menschen leben, lieben, arbeiten, spielen, einkaufen, essen, reisen und im Internet per Google suchen“, sagte hingegen Ilona Kickbusch, Direktorin des Global Health Centre (Genf), und Jahrzehnte lang im Bereich der Öffentlichen Gesundheit tätige Wissenschafterin.

„Unsere Gesellschaft investiert zu wenig in Systeme, die Gesundheit für die Menschen produzieren“, sagte Kickbusch. Man habe es mit einer „Gesundheitswelt der zwei Geschwindigkeiten“ zu tun - technologischer Fortschritt und gleichzeitig das Zurückbleiben eines erheblichen Teils der Weltbevölkerung. Nur „Gleichheit“ im Zugang zur gesundheitlichen Versorgung, Berücksichtigung der Diversität der Menschen und gleiche Rechte könnten entscheidende Fortschritte bieten.

Dem molekularbiologisch-medizinischen Fortschrittsglauben stellte Ilona Kickbusch bekannte Herausforderungen entgegen, welche in der gesundheitspolitischen Debatte weltweit vernachlässigt werden: Fragen der Klimaveränderung, Ausbrüche von Krankheiten (zum Beispiel Ebola in Kriegszonen Afrikas), die chronischen Erkrankungen mit längst bekannten Ursachen, Antibiotika-Resistenzen („Die kleinen ‚Superbugs‘ kommen zurück“), der Zwiespalt zwischen Arm und Reich sowie der noch immer mangelnde Zugang zu jeglicher Gesundheitsversorgung für rund 400 Millionen Menschen weltweit.


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