Freudentränen und Geschenke: Koreaner feiern Wiedersehen

Während des Koreakriegs vor fast 70 Jahren wurden sie getrennt. Nun sehen sich Verwandte im hohen Alter erstmals wieder. Viel Zeit zur Freude bleibt ihnen nicht.

Dieser Mann freut sich auf ein Wiedersehen mit seiner Mutter und seinen Brüdern.
© REUTERS

Von Fabian Kretschmer, dpa

Seoul – Die Szenen sind herzzerreißend: Zum ersten Mal seit fast sieben Jahrzehnten sehen sich in Nordkorea Verwandte wieder, die im Koreakrieg voneinander getrennt worden waren. Unter ihnen waren am Montag auch die 92-jährige Südkoreanerin Lee Keum Seon und ihr mittlerweile 71-jähriger Sohn, den sie zuletzt als Kleinkind gesehen hatte. Mit Freudentränen in den Augen ergriff sie dessen Hand und fragte: „Wie viele Kinder hast du?“

„Es ist sicher das letzte Mal, das wir uns sehen“

Insgesamt treffen im nordkoreanischen Diamanten-Gebirge in einem Ferienhotel von Montag bis Mittwoch 89 südkoreanische Senioren auf rund 180 nordkoreanische Verwandte.Die meisten sind weit über 80 Jahre alt, ausgewählt wurden sie aus 57.000 Bewerbern per Zufallslotterie. Zur Freude bleibt ihnen allerdings nicht allzu viel Zeit. Bis Mittwoch können sie rund elf Stunden mitihren Verwandten verbringen, bevor sie zurück in die Heimat müssen. Es sind die ersten koreanischen Familienzusammenführungen seit mehr als drei Jahren. Am Freitag soll es dann zu einer zweiten Runde kommen.

In dem riesigen Hotelsaal sitzen die Menschen an durchnummerierten Tischen, wie im koreanischen Fernsehen zu sehen ist. Dabei ist auch der Baek Seong Gyu, mit 101 Jahren der älteste Teilnehmer. Er sitzt im Rollstuhl. Für seine Enkeltochter hater eine ganze Reihe an Geschenken in seinem Gepäck, darunter 30 Paar Schuhe und 20 Besteck-Sets aus Edelstahl: „Es ist sicher das letzte Mal, dass wir uns sehen können. Deshalb habe ich viel mitgebracht“, sagte er sichtlich gerührt.

Der südkoreanische Präsident Moon Jae In und Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un hatten bei ihrem innerkoreanischen Gipfeltreffen beschlossen, die ausgesetzten Familienzusammenführungen rasch wieder aufzunehmen. Die koreanische Halbinsel ist seit dem Ende des Korea-Krieges 1953 geteilt.

20 Zusammenführungen seit der Jahrtausendwende

Südkoreas Regierung pocht seit längerem darauf, möglichst regelmäßig Treffen zwischen den getrennten Familien zu veranstalten. Das nordkoreanische Regime jedoch hat deren Zustandekommen regelmäßig an politische Vorbedingungen geknüpft und immer wieder platzen lassen.

Insgesamt gab es seit der Jahrtausendwende 20 Familienzusammenführungen mit rund23.500 Teilnehmern. Zuletzt fanden sie im Jahr 2015 statt, danach hatten sich die Beziehungen durch nordkoreanische Atom- und Raketentestswieder verschlechtert.

Seit dem Koreakrieg entzweitdie beiden Nachbarstaaten eine verminte entmilitarisierte Zone. Rund 700.000 Koreaner sollen während der Wirren des Kriegs gen Süden geflohen sein.

Das abgeschottete Nordkorea wird totalitär geführt und gilt als einer der am schwersten zugänglichen Staaten der Erde. Südkorea ist dem westlichen Beispiel gefolgt und wird demokratisch regiert. Die getrennten Familien haben de facto keine Möglichkeiten zum Kontakt.

Es gibt weder eine direkte Flug- noch Landstreckezwischen den zwei Koreas, keine zivilen Telefon- oder Postverbindungen. Pjöngjang schottet seine Bürger strikt von Informationen über die Außenwelt ab und verweigert einem Großteil seiner Bevölkerung den Zugang zum Internet. Doch auch in Südkorea muss jeder Kontakt zu Nordkorea zuvor von der eigenen Regierung genehmigt werden.

Der Veranstaltungsort ist ein vom südkoreanischen Hyundai-Konzern errichtetes Ferienhotel, das nach der Jahrtausendwende den innerkoreanischen Tourismus ankurbeln sollte. Seit 2008 lag es jedoch weitgehend brach. (dpa)


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