Vitamin-D-Mangel: Sonnetanken ist zu wenig

Ein Vitamin-D-Mangel wird hierzulande unterschätzt, sagen Gesundheitsexperten. Um dem zu entgehen, empfiehlt ein Grazer Mediziner angereicherte Lebensmittel.

Das meiste Vitamin D wird durch Sonnenlicht und die Haut gebildet. Doch das reicht laut Expertenmeinungen längst nicht aus.
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Von Deborah Darnhofer

Innsbruck, Graz –Sommer, Sonne, Sonnenschein: Heuer bekommen wir davon mehr als genug. Sonnetanken tut nicht nur dem Gemüt, sondern auch der Gesundheit gut. Durch Sonnenlicht und die Haut kann nämlich das für den Körper so wichtige Vitamin D gebildet werden.

Dunkle Wolken ziehen jedoch schnell auf. „Rund 60 Prozent der österreichischen Bevölkerung weisen eine unzureichende Vitamin-D-Versorgung auf“, erklärt die Innsbrucker Diätologin Edburg Edlinger. Auch für Wissenschafter Stefan Pilz von der Klinischen Abteilung für Endokrinologie und Diabetologie der Med Uni Graz ist ein Vitamin-D-Mangel „eine Tatsache“ und „ein über alle Bevölkerungsgruppen sehr häufig zu beobachtendes Phänomen“.

Anders als bei anderen Vitaminen wird Vitamin D hauptsächlich (!) durch die Haut und ausreichend Sonnenlicht gebildet. Hierzulande reiche die Sonneneinstrahlung aber nur im Sommer aus. Im Frühling, Herbst und Winter könne der Körper nur unzureichend Vitamin D bilden.

Ein weiteres Problem: Durch die Nahrung lässt sich auch nicht genügend Vitamin D zuführen. „Der Referenzwert für die Vitamin-D-Zufuhr liegt bei 20 Mikrogramm pro Tag. Über die Ernährung mit den üblichen Lebensmitteln nehmen Jugendliche und Erwachsene 2 bis 4 Mikrogramm Vitamin D pro Tag auf, das wäre also viel zu wenig“, betont Edlinger. Fette Fische (z. B. Makrelen, Lachs), Rinderleber, Eier und Steinpilze enthalten noch am meisten. Es müssten davon allerdings so große Mengen gegessen werden, dass dies mit Genuss, Gesundheit und Gedanken an die Umwelt nicht vereinbar wäre, ergänzt Edlinger.

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Gegen das Dilemma von zu wenig Sonne und zu wenig natürlichem Vitamin D in der Nahrung wird in anderen Ländern (Finnland, Kanada, USA, Indien) schon seit Jahren vorgegangen. Dort gibt es mit Vitamin D angereicherte Lebensmittel, vor allem Milchprodukte und Brotaufstriche (Margarine), berichtet Pilz. Er empfiehlt diese für ihn „notwendige und geeignete Maßnahme“ jetzt auch für Österreich, wie er jüngst gemeinsam mit europäischen Forschern jüngst in einem so genannten Leitpapier („Guidance Paper“) im Fachblatt Frontiers in Endocrinology festgehalten hat. Edlinger kann dem Vorschlag nur zustimmen. Entsprechende Vitaminpillen gibt es hierzulande zwar schon, doch damit könne man nicht alle Teile der Bevölkerung erreichen, gibt Pilz zu bedenken. Ihm geht es um Kleinstmengen, die durch alltägliche Lebensmittel von jedem regelmäßig eingenommen werden.

„Diese von der Politik (in Finnland, Anm.) initiierte Intervention war nicht nur sicher und gut akzeptiert, sondern führte auch dazu, dass es in der finnischen Bevölkerung nahezu keine Menschen mehr gibt, welche einen Vitamin-D-Mangel haben“, erklärt Pilz. Neben der geförderten Gesundheit sieht der Grazer Mediziner in der Maßnahme auch eine Kostenersparnis für das heimische Gesundheitssystem. Noch werde dem Vitamin-D-Mangel aber in Teilen der Bevölkerung und teilweise auch von ärztlicher Seite zu wenig Beachtung geschenkt.

Ist Vitamin D nicht ausreichend vorhanden, kann das vielfache gesundheitliche Folgen haben, die auf den ersten Blick aber oft nicht mit einem Vitamin-D-Mangel in Verbindung gebracht werden. Neben Erkrankungen der Muskulatur und Knochen (erhöhtes Osteoporose-Risiko, weiche Knochen bei Kindern), kann das Immunsystem geschwächt (höhere Infektanfälligkeit) und der Hormonhaushalt gestört werden. „Die derzeitige Datenlage bestätigt eindeutig, dass eine gute Vitamin-D-Versorgung bei älteren Menschen das Risiko für Stürze, Knochenbrüche, Kraftverlust, Mobilitäts- und Gleichgewichtseinbußen sowie vorzeitigen Tod senken kann“, meint Edlinger.

Risikogruppen sind nicht nur ältere Personen, sondern auch Kinder. Im schlechtesten Fall könnten ihre Knochen im Wachstum unzureichend mineralisiert werden. „Sie bleiben weich und können sich verformen (Rachitis)“, erklärt die Diätologin.

In Österreich ist es laut Mediziner Pilz deshalb vorgesehen, Säuglingen bis zu einem Jahr Vitamin-D-Tropfen zu geben. „Doch darüber hinaus gibt es keine offiziellen Leitlinien oder Verpflichtungen. Die Politik ist hier gefordert“, schließt Pilz.

Die wichtigsten Fakten zum Vitamin D

Als Knochenvitamin wurde Vitamin D früher bezeichnet. Es ist u. a. wichtig für die Aufnahme von Kalzium und Phosphor. Damit beeinflusst es die Knochendichte. Zudem fördert es die Muskelmasse, stärkt das Immunsystem und verringert die Infektanfälligkeit (vor allem der oberen Atemwege).

Ein Mangel an Vitamin D kann Knochen- und Muskelmasse schaden und zu Herz-Kreislauf-, Auto-Immunerkrankungen (Diabetes mellitus I) und Darmkrebs führen. Auch Schwangerschaftskomplikationen können auftreten.

Der Tagesbedarf an Vitamin D liegt aktuell bei 20 Mikrogramm.

Ein Sonderfall ist Vitamin D, weil es über die Haut durch ausreichend UV-Strahlung gebildet wird. Zwölf Minuten täglich sollten ausreichen. Allerdings ist in Österreich die Sonnenstrahlung im Frühling, Herbst und Winter zu gering.

Risikogruppen für einen Vitamin-D-Mangel sind Säuglinge, ältere und immobile Personen, Heimbewohner, Büroarbeiter, verhüllte Menschen und Personen mit dunkler Hautfarbe.

Bei Säuglingen bis zu einem Jahr werden in Österreich ausdrücklich Vitamin-D-Tropfen empfohlen. Darüber hinaus gibt es aber keine offizielle Verpflichtung.


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