„Rainier Fog“: Alice in Chains fühlen sich „wie im Spiegelkabinett“

Wien (APA) - Gut Ding braucht Weile: Fünf Jahre hat die Grunge-Legende Alice in Chains ins Land ziehen lassen, um die Fans nun mit „Rainier ...

Wien (APA) - Gut Ding braucht Weile: Fünf Jahre hat die Grunge-Legende Alice in Chains ins Land ziehen lassen, um die Fans nun mit „Rainier Fog“ zu erfreuen. Das dritte Album der US-Band in neuer Aufstellung, sprich mit Sänger William DuVall, knüpft an bisherige Erfolge an und bietet dezente Neudeutungen. Die Gruppe selbst fühlt sich ob ihrer Stücke manchmal „wie im Spiegelkabinett“.

So beschreibt DuVall jedenfalls die Vielseitigkeit der Songs, auf die man von unterschiedlichen Seiten zugeht. Gitarrist und Songwriter Jerry Cantrell stimmt seinem Kollegen im APA-Interview zu: „Was wir machen, könnte man als collagenartig beschreiben. In den Songs steckt ganz viel drinnen, werden viele verschiedene Themen angeschnitten. Was mir wichtig ist: Du nimmst etwas, das in dir etwas anklingen lässt, das eine emotionale Reaktion hervorruft.“ Im besten Fall übertrage sich das dann auch auf die Hörer.

Von diesen gibt es einige, wie man auch im Sommer beim Gastspiel in der Wiener Arena erkennen konnte. Verständlich, sind Alice in Chains doch eine der letzten verbliebenen Acts der großen Grunge-Welle von Anfang der 90er. Dabei sah es nach dem zwischenzeitlichen Ende der Band sowie dem Tod von Gründungssänger Layne Staley 2002 lange gar nicht nach neuem Material aus. Zum Glück kam es aber anders, wurde DuVall an Bord geholt und macht das Quartett seit dem starken Comebackalbum „Black Gives Way To Blue“ (2009) wieder die Bühnen dieser Welt unsicher.

Ein erfolgreiches Rezept soll man eben nicht ändern, lautet dabei die Devise. „Unsere Methode hat sich seit unserer Gründung eigentlich nicht verändert“, nickt Cantrell. „Wir lieben Musik, wollen uns selbst zufriedenstellen. Dieser Ethos hat sich auch nicht verändert, als Will zu uns gestoßen ist.“ Gemeinsam mit Drummer Sean Kinney und Bassist Mike Inez wird also an Songs gewerkt, die zwar einen Grunge-Vibe versprühen, aber um einiges düsterer und härter aus den Boxen tönen, als man es von anderen Bands gewohnt ist. „Wir haben uns verändert, sind gewachsen, haben aber unsere Identität nicht verloren“, glaubt Cantrell.

Und man muss ihm recht geben: Auch die Stücke von „Rainier Fog“, benannt nach einem Berg unweit Seattles, wo der Großteil der Platte aufgenommen wurde, bringt die schneidenden Riffs ebenso zur Geltung wie den typisch zweistimmigen Gesang der Gruppe. Zwischendurch werden melancholische Parts gestreut, greift man gerne mal zur akustischen Gitarre und versteht es, den Songs Zeit zur Entwicklung zu geben. „Es ist schön, aus dieser Vielfalt schöpfen zu können“, meint dazu DuVall. „Davon abgesehen ist ein Album ja immer ein Abbild dessen, wie dein Leben gerade ausschaut.“

Was sich außerdem zeigt, ist die Geduld, mit der die vier Herren an ihrem Output werkeln. „Die Lieder müssen unseren Ansprüchen genügen - nicht mehr und nicht weniger“, betont Cantrell. Wie viel Zeit man dafür benötige, sei letztlich nebensächlich. „Am Ende wird sowieso alles auf den Tisch gelegt, und dann schauen wir, was gut ist und was nicht.“ Einfluss darauf habe natürlich auch das Umfeld, so DuVall. „Da kann schon mal ein Studio daran Schuld sein, dass bestimmte Dinge plötzlich zu leuchten beginnen.“

Im konkreten Fall war es das Studio X, früher als Bad Animals bekannt, wo nicht nur bekannte Namen wie Nirvana oder Soundgarden bereits zu Gast waren, sondern auch Alice in Chains ihr letztes Album mit Staley eingespielt haben. „Es war unser drittes, und nun ist auch ‚Rainier Fog‘ unsere dritte Platte in dieser Inkarnation“, gibt Cantrell zu bedenken. „Wenn dir das bewusst wird, ist es schon ein bisschen schräg.“ Dem entspricht letztlich auch der Titelsong, für den Gitarristen auch eine „Collage der gesamten Seattle-Struktur“. Wobei ihm wichtig ist festzuhalten: „Es gibt noch einen Horizont, auf den wir uns zu bewegen. Wir sind ja noch nicht am Ende mit unserer Geschichte.“

Stimmt. Jedenfalls klingt Alice in Chains in diesen zehn neuen Stücken durchaus hungrig, wenngleich die von der Band gerne zelebrierte Länge mancher Songs diesen nicht nur zum Vorteil gereicht. Dabei lasse man sich aber nicht hineinreden, sondern gebe jedem Song „was er braucht“, meint DuVall. „Es ist ein ewiger Tanz für dich als Songwriter. Dein Ego und deine Wünsche, das musst du draußen lassen. All das muss aus dem Weg geräumt werden.“ Ähnliches galt wohl für die Erwartungshaltungen, als es vor neun Jahren zum Comeback der Kulttruppe kam. „Es war wie ein Tornado“, lacht DuVall.

Da hört die Band dann doch lieber auf die eigene Meinung. „Ich habe William immer als meinen Kopiloten gesehen“, sinniert Cantrell. „Dieses Flugzeug lässt sich ja nicht alleine fliegen, es braucht beide Hände am Steuer. Sean und Mike sind dann gewissermaßen die Triebwerke und Flügel.“ Ohnehin müsste man als Musiker ein „sturer und eigensinniger Typ“ sein, schmunzelt DuVall. „Sonst bleibst du niemals solange im Geschäft.“ Alice in Chains sind jedenfalls dankbar dafür, „dass wir das überhaupt können“. Wenn es dann als Dank für die Fans Alben wie „Rainier Fog“ gibt, sind wohl beide Seiten sehr zufrieden.

(Das Gespräch führte Christoph Griessner/APA)

(S E R V I C E - http://aliceinchains.com)


Kommentieren