Vom loyalen Ausputzer zum gefährlichen Kronzeugen

Washington (APA/AFP) - Es ist ein knappes Jahr her, da war Michael Cohen bereit, sich für Donald Trump zu opfern. „Ich bin der Typ, der sich...

Washington (APA/AFP) - Es ist ein knappes Jahr her, da war Michael Cohen bereit, sich für Donald Trump zu opfern. „Ich bin der Typ, der sich für den Präsidenten in die Schusslinie wirft“, sagte Trumps langjähriger Anwalt damals der Zeitschrift „Vanity Fair“. Doch diese tiefgehende Loyalität scheint verschwunden. Am Dienstag belastete Cohen den US-Präsidenten, als er sich vor Gericht dem Bankbetrug, der Steuerhinterziehung und Verstößen gegen die Wahlkampffinanzierung schuldig bekannte.

Dabei war Cohen mehr als nur der Anwalt Trumps. Er war loyaler Gefolgsmann, Ausputzer, Wadenbeißer - derjenige also, der sich für den Chef ins Gefecht wirft und nicht davor zurückschreckt, sich dabei mal die Hände schmutzig zu machen. Wie schmutzig, davon konnte sich jetzt der Richter in New York ein Bild machen.

Cohen gab zu, an zwei Frauen, die nach eigenen Angaben Sex-Affären mit Trump hatten, Schweigegeld in Höhe von 130.000 und 150.000 Dollar (114.000 und 131.000 Euro) gezahlt zu haben. Und dann deutete er in einer spektakulären Wendung an, dass der damalige Präsidentschaftskandidat Trump Mitverschwörer gewesen sei: Die Zahlungen an die Frauen, bei denen es sich mutmaßlich um die Pornodarstellerin Stormy Daniels und das frühere „Playboy“-Model Karen McDougal handelt, seien auf Aufforderung „eines Kandidaten“ erfolgt mit der „Intention, die Wahl zu beeinflussen“.

Lange zeichnete den 51-jährigen New Yorker eigentlich jene Eigenschaft aus, die Trump besonders schätzt: absolute Loyalität. „Ich bin der Typ, der den Präsidenten und seine Familie beschützt“, beschrieb Cohen sein Selbstverständnis gegenüber „Vanity Fair“.

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Cohen verriet einmal, dass er den schillernden Immobilien-Tycoon Trump schon in seiner Schulzeit bewundert habe. Im Jahr 2001 lernten sie sich kennen, als Cohen eine Wohnung bei Trump kaufte.

Die beiden Männer bauten eine enge geschäftliche und auch persönliche Beziehung auf. Ehrgeiz und ein ausgeprägter Geltungswillen verbindet sie. Cohen heuerte beim Konzern Trump Organization an und war immer zur Stelle, wenn Trump Probleme lösen musste.

Sich selbst charakterisiert Cohen gerne als kampferprobten harten Kerl, der keiner Auseinandersetzung aus dem Weg geht. Vor zehn Jahren gab er in einem Interview mit dem Sender ABC eine anschauliche Beschreibung seiner Methoden ab: „Wenn Du irgendwas Falsches machst, dann bekommst Du es mit mir zu tun, ich packe Dich am Genick und lass Dich nicht los, bis ich fertig bin.“

Cohen kämpft mit harten Bandagen und schreckt vor verbalen Drohungen nicht zurück. Zu den vielen Auswirkungen von Trumps Sieg bei der Präsidentschaftswahl zählte, dass Menschen wie Michael Cohen Zugang zum Zentrum der Macht in Washington bekamen. Cohen trat als inoffizieller Berater des Präsidenten auf, war oft Gast im Weißen Haus.

Im April dann der Donnerschlag: eine FBI-Razzia in Cohens Kanzlei und die Beschlagnahmung zahlreicher Dokumente. Der Anwalt geriet dadurch massiv in Bedrängnis und rückte unter dem Eindruck der drohenden Strafverfolgung vom Präsidenten ab.

In einem Interview sagte er, seine „oberste Loyalität“ gelte nun seiner Familie und seinem Land. Im Juli verärgerte er seinen ehemaligen Mentor mit der Aussage, Trump hätte von einem Treffen im Juni 2016 gewusst, für das russische Staatsangehörige komprimierendes Material über Hillary Clinton versprochen hatten.

Cohens Angaben könnten darauf hindeuten, dass er bereit ist, über seine jahrelang gesammelten Informationen auszupacken. Im Gegenzug dürfte er auf ein geringeres Strafmaß hoffen.


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