Wiederentdeckter Roman über Wien in NS-Zeit: Mela Hartwigs „Inferno“

Wien (APA) - Mela Hartwigs Roman „Inferno“ führt in einer fremde Zeit. Er beschreibt die Lage in Wien vom „Anschluss“ Österreichs an Nazi-De...

Wien (APA) - Mela Hartwigs Roman „Inferno“ führt in einer fremde Zeit. Er beschreibt die Lage in Wien vom „Anschluss“ Österreichs an Nazi-Deutschland bis zu Befreiung bzw. Untergang. Auch die expressive, mitunter pathetische Sprache, mit der das festgehalten wird, ist uns heute fremd: Der Roman wurde 1946-48 in London geschrieben und bisher nie veröffentlicht. Dank des Droschl Verlags ist er nun zu lesen.

Der Droschl Verlag hat mit „Bin ich ein überflüssiger Mensch?“ (2001), „Das Weib ist ein Nichts“ (2002) und „Das Verbrechen“ (2004) bereits einige Bücher der in Vergessenheit geratenen Autorin publiziert. 1893 in Wien geboren, war sie Schauspielerin, Schriftstellerin und Malerin und nach ihrer Heirat mit dem sich in seiner Arbeit ebenfalls als NS-Gegner positionierenden Rechtsanwalt Robert Spira den Verfolgungen der Nationalsozialisten aus politischen wie rassischen Gründen gleichermaßen ausgesetzt. 1938 musste man den „Anschluss“, Enteignung und Verfolgung miterleben, konnte sich jedoch ins Londoner Exil retten, wo sich Mela Hartwig mit Virginia Woolf anfreundete. Ein gemeinsamer Besuch 1948 in Österreich machte dem Ehepaar jedoch klar, dass ihre Rückkehr unerwünscht war. 1967 starb Mela Hartwig in London, kurz darauf nahm sich ihr Mann das Leben.

„Inferno“ macht rasch klar, warum die Nazis Hartwig nach ihrem 1936 in einem Exilverlag erschienenen Buch „Das Wunder von Ulm“, das die „Auseinandersetzung zwischen dem Judentum und Deutschland“ vor einem mittelalterlichen Hintergrund thematisierte, besonders im Auge hatten, und warum die Autorin von renommierten Verlagen Absagen wie die folgende erhielt: „Sie wissen, sehr verehrte gnädige Frau, daß das Weltbild des deutschen Lesepublikums und besonders der deutschen Frau heute ein anderes ist als die Lebensanschauung, die aus Ihrem Werk spricht.“

Hauptfigur Ursula führt unmittelbar in die Zerrissenheit, die Mela Hartwig wohl selbst verspürte. Sofort nach dem „Anschluss“ ist die Familie gespalten: Ihr Vater ist ein Gegner der nationalsozialistischen Ideologie, ihr Bruder ein fanatischer Anhänger. In der Malerschule, die die 18-Jährige besucht, wird sie mit Spitzeln und Parteigängern, die die Kunst nur als Vehikel der Ideologie betrachten, konfrontiert. Darf sie ihren eigenen, zeitkritischen Zugang zur Kunst verraten, nur um sich selbst nicht zu exponieren? Sie macht aber auch Bekanntschaft mit Regimegegnern, die sich vorsichtig im Verborgenen sammeln und austauschen.

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Die Beziehung zu ihrem aktiv im Widerstand tätigen Freund führt rasch zu gefährlichen Situationen und Entscheidungen. Im Versuch einer Doppelexistenz spürt sie aber auch die Faszination, die von der neuen Bewegung ausgeht, und der man so leicht erliegen kann. Erst allmählich wird sie sicher, dass gewalttätige Übergriffe keine bedauerlichen Einzelfälle von Fanatikern, sondern konsequente Ausübung einer brutalen Ideologie sind. Der Roman kulminiert in apokalyptischen Untergangsbildern. Und Ursulas Bruder bezahlt seine Verblendung gleich bei der ersten militärischen Offensive mit dem Tod.

(S E R V I C E - Mela Hartwig: „Inferno“, Mit einem Nachwort von Vojin Sasa Vukadinovic, Droschl Verlag, 216 S., 20 Euro)


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