Songs in Dur, die traurig klingen

Me + Marie legen mit „Double Purpose“ ihr zweites Album vor, das trotz feinem alpenländischen Akzent internationaler kaum sein könnte.

Dreckig, düster und doch harmonisch: die neue LP der Südtirolerin Maria de Val und des Schweizers Roland Scandella ist da.
© Tibor Bozi

Von Barbara Unterthurner

Innsbruck –Er kommt aus dem Engadin, sie aus dem Gadertal. Sie spricht Ladinisch, er Rätoromanisch. Für ihre gemeinsame Musik treffen sich Roland Scandella und Maria de Val in Berlin und im Englischen. Das Duo Me + Marie legt zwei Jahre nach seinem gefeierten Debüt „One Eyed Love“ ein neues Album nach. Und „Double Purpose“ presst erneut viel wilden Indierock in elf Songs voller Energie.

Ein Sound, der einen schon gedanklich in den Wilden Westen versetzt. Zumindest in die düstere Atmosphäre des klassischen Italo-Western. Immerhin geben die beiden Melodiengenie Ennio Morricone auch als wichtige Inspirationsquelle an. Fürs Album gab es keine weiteren Vorgaben: Der Longplayer sollte düster klingen. Besonders spannend ist dabei die minimalistische Instrumentierung: Beide sind Drummer, das hört man. Auch weil sie sich auf das Grundlegende konzentrieren: Schnickschnack bleibt außen vor, eine verzerrte Grunge-Gitarre und die wundervoll harmonischen Stimmen sind des Albums treibende Kräfte.

Dabei kommen die beiden eigentlich aus entgegengesetzten Richtungen: Maria de Val (eigentlich Maria Moling) war Gründungsmitglied des hochgelobten Südtiroler Trios Ganes, das mit seinen ladinischsprachigen, sphärischen Pop-Nummern die Musikwelt im Sturm eroberte. Ein Projekt, aus dem sich de Val allerdings 2018 zurückzog.

Auch um mit Me + Marie voll durchzustarten. Roland Scandella hatte sie noch als Musik­redakteur beim Schweizer Radio kennen gelernt, er verliebte sich (nicht nur) in ihre Stimme und die beiden gründeten das Duo. Ein Paar waren sie schon vor der Bandgründung. Auch er ist musikalisch kein unbeschriebenes Blatt: Als Solo-Künstler oder mit der Band Nau war Scandella vor allem auf Schweizer Bühnen unterwegs. Und sang dort auch auf Rätoromanisch, ähnlich wie seine spätere Gesangspartnerin de Val bei den Ganes. Aus diesem „Heimatsound-Ding“ wollten die beiden aber raus. Und das, obwohl das erste Album mit „Hai Eu Less“ noch einen sehr exotischen Sprenkel in die ansonsten englischsprachige Liedsammlung hereinbrachte.

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Beim neuen Album erinnern nur noch die feinen Akzente an einen nicht ganz lupenreinen englischen Hintergrund. Obwohl der Sound, produziert von Kurt Ebelhäuser, nicht nur aufgrund der Sprache internationale Ausrichtung aufweist. Bereits die Besetzung (de Val am Schlagzeug und Scandella an der Gitarre) erinnert an Outlaw-Duos wie The White Stripes oder The Kills. Live – gerade waren Me + Marie übrigens als Support von Calexico unterwegs – wird das Duo von zwei weiteren Musikern unterstützt. Bis Ende des Jahres sind sie im deutschen Sprachraum unterwegs.

Natürlich um ihr neues Album zu promoten. Auf das sich das Publikum bereits mit den Vorabsingles (und -videos) „Another Place To Go“ und „Sad Song To Dance“ einstellen konnte. Gerade das letztgenannte, und zugleich der Opener, überzeugt mit einer klaren Struktur, straighten Riffs und eben diesem „Dur, das traurig klingt“ – so beschreiben die beiden den Song. Beim titelgebenden „Double Purpose“ treten die stimmlichen Harmonien in den Vordergrund, was für den gewissen Gänsehautmoment sorgt. Eine Atmosphäre, die das Duo, so sagen es die Konzertberichte, auch live herüberbringt; schade, dass demnächst kein Livetermin in Tirol ansteht, bei dem man sich davon überzeugen könnte.

Grunge-Rock Me + Marie. Double Purpose. Capriola/Sony


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