Tempelbau zu Berlin rückt Hinduismus in Deutschland ins Licht

Berlin (APA/dpa) - Über Moscheen und den Islam in Deutschland wird viel geredet, über Tempel und Hinduismus kaum. Dabei entsteht in einem Pa...

  • Artikel
  • Diskussion

Berlin (APA/dpa) - Über Moscheen und den Islam in Deutschland wird viel geredet, über Tempel und Hinduismus kaum. Dabei entsteht in einem Park in der Hauptstadt Berlin einer der größten Hindu-Tempel Europas.

Der Weg zum Elefantengott liegt in Richtung Baumarkt. An der Berliner Hasenheide, einem Park im Stadtteil Neukölln, bietet sich ein ungewöhnlicher Anblick: Zwischen den Blättern ragt der 17 Meter hohe goldgelb-weiße Turm eines Hindu-Tempels empor. Der Tempel soll einmal einer der größten Europas werden. Noch wird gebaut.

Gerade arbeitet der indische Architekt J. Ravishankar im Schneidersitz auf dem Baugerüst an einer Schutzgöttin aus Zement. Pro Figur braucht er zwei Tage, erzählt er. 200 sollen es werden. Die Gemeinde muss sich beeilen. Nach jahrelangen Verzögerungen soll der Rohbau bis Jahresende stehen, die Eröffnung ist 2019 geplant.

Über Moscheen wird viel geredet, über Tempel kaum. Das liegt sicher auch an den Dimensionen der Religionen. In Deutschland gibt es Schätzungen zufolge mehr als 4,4 Millionen Muslime, aber nur 100.000 Hindus, darunter viele Tamilen, die in den 80er Jahren wegen eines Bürgerkriegs kamen.

150 x Jahres-Vignette 2022 zu gewinnen

TT-ePaper gratis ausprobieren, der Gratiszeitraum endet nach 4 Wochen automatisch.

In Berlin sollen es um die 7.000 Hindus sein, aus Ländern wie Indien, Sri Lanka und Bangladesch. In mehreren deutschen Städten gibt es schon Tempel, darunter bereits einen im Neuköllner Ortsteil Britz.

Der nach London wohl größte in Europa steht seit 2002 in einem Gewerbegebiet im Ruhrgebiet im Nordwesten Deutschlands. Zehntausende Hindus pilgern im Sommer zum Tempelfest nach Hamm-Uentrop. Für die Stadt ist der Sri-Kamadchi-Ampal-Tempel auch eine Touristenattraktion. Die Gemeinde ist als Religionsgemeinschaft anerkannt. Der Oberbürgermeister Thomas Hunsteger-Petermann (CDU) setzte sich dafür ein. „Wir sind mit dem Tempelverein seit Jahrzehnten in gutem Kontakt, übrigens ebenso wie mit vielen muslimischen Gemeinden“, sagt er. Die Akzeptanz sei hoch. Vor knapp drei Jahren wurde in Hamm das damals bundesweit erste hinduistische Grabfeld geschaffen.

Gehört der Hinduismus also zu Deutschland? Anders als beim Islam und der bleischweren Integrationsdebatte („Gehört der Islam zu Deutschland?“) verbinden Deutsche mit dieser Religion und ihrem Ursprungsland Indien eher Wellness, Folklore und softe Klischees. Als da wären: Yoga, Meditation, Bollywood, Hippie-Kultur, indische Computerexperten. Dass Hare-Krishna-Jünger die Fußgängerzonen bevölkerten und viel über die Bhagwan-Bewegung geredet wurde, ist schon einige Jahre her. Misstrauen gab es anfangs auch in Hamm, das habe sich aber gelegt, heißt es bei der Stadt.

In Bremen erkundete neulich eine für die Hindus heilige Kuh, ob sich ein Gelände für einen Tempel eignet. Priester aus Indien sangen und beteten dazu mit nacktem Oberkörper in der heiligen Sprache Sanskrit. Die Kuh pinkelte auf die Wiese. Zur Freude der Gemeinde, das sei ein gutes Zeichen. Noch ein Phänomen aus jüngerer Zeit: Unter den Flüchtlingen, die seit 2015 nach Deutschland kamen, sind auch ein kleiner Teil Hindus aus Afghanistan.

Wer sich bei Religionswissenschaftlern umhört, erfährt: „Den“ Hinduismus gibt es ohnehin nicht, sondern es ist ein Sammelbegriff für verschiedene Religionen aus 3.000 Jahren. In traditioneller Ausrichtung gilt der Glaube als liberal. Für Deutschland stimmt Experten zufolge grundsätzlich das Klischee, dass der Hinduismus friedliebend ist.

Der Berliner Tempel an der Hasenheide soll mit einer Fläche von 32 mal 27 Metern noch größer werden als der in Hamm. Das ist verglichen mit deutschen Kirchen immer noch klein. Der Tempel ist dem elefantenköpfigen Hindu-Gott Ganesha gewidmet. Der steht für Energie und Weisheit. „Wir haben gedacht, Deutschland braucht einen freundlichen Gott“, sagt Tempel-Vizepräsident Vilwanathan Krishnamurthy. Der Tamile kam 1975 aus dem indischen Bangalore als Gastarbeiter nach West-Berlin. Damals war er Schweißer, heute ist er in Rente und hilft Flüchtlingen.

Der Tempel ist sein Lebenswerk. Schon 2007 war Spatenstich, gebaut wird seit 2010. Dass er immer noch nicht fertig ist, bekümmert ihn. Das liege an der Finanzierung. Gebaut wird mit Spenden und ehrenamtlichem Engagement. Das Parkgelände hat der Verein als Erbpacht bekommen, noch bevor der Berliner Immobilienboom einsetzte und auch Neukölln erfasste. Amtssprache ist Deutsch, Integration und kultureller Austausch werden zufolge groß geschrieben. „Wir wollen dem Staat etwas geben, weil er uns alles gegeben hat.“ Neulich sei eine türkische Schülerin mit ihrer Klasse da gewesen. Die habe ihm erst nicht die Hand geben wollen, aber zum Abschied umarmt, erzählt Krishnamurthy.

Dieser Kurs der Gemeinde kommt an in Neukölln. Berlins berüchtigter Bezirk kann angesichts der Kriminalität von arabischen Clans auch mal gute Multikulti-Nachrichten gebrauchen.


Kommentieren