„Parasol Peak“: Manu Delagos hochalpines Klangspiel

Vom Parasol-Wald bis auf die Spitze auf über 3000 Metern: Für sein neues Album und den dazugehörigen Film „Parasol Peak“ hat sich der Hang-Virtuose Manu Delago samt Ensemble und Film-Crew auf eine Bergexpedition durch die Tiroler Alpen begeben.

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Sieben Musiker im klanglichen Höhenrausch: Samt Instrumenten waren sie auf Expedition auf der Mieminger Kette und in den Stubaier Alpen. Mehr Eindrücke davon gibt es in der Bildergalerie.
© Klemens Weisleitner

Von Anja Larch

Innsbruck — Im Einklang mit der Natur sein bekommt mit Manu Delagos neuestem Clou eine ganz eigene Bedeutung. Zusammen mit sechs weiteren Musikern hat sich der Tiroler auf in die Berge seiner Heimat gemacht, mit Alpinausrüstung, Klettersteigset — und Instrumenten im Gepäck. In verschiedenen Höhenlagen hat das Septett dann innegehalten und, umgeben von Wald, Felsen, Bächen, Schnee und Bergpanoramen, sieben Musikstücke plus einen Bonustrack eingespielt. Diese Live-Aufnahmen sind zum neuen Album des Perkussionisten geworden, und zum Film „Parasol Peak".

Vom Weg zum Kunstwerk

Mit seinem letzten Soloalbum "Metromonk" (2017) hat sich Delago klanglich auf die Reise vom Berg in die Stadt gemacht, in "Parasol Peak" geht er den umgekehrten Weg hinauf auf Gipfel — diesmal auch physisch. Die Idee, das neue Album auch im Gesamten als Video zu konzipieren, sei in ihm seit dem Musik-Video zu „Freeze" gewachsen, das in den Kalkkögeln entstand, erklärt Delago im Gespräch mit der TT. „Wieder in die Berge zu gehen und diesmal die Musikstücke mit Bewegung zu verbinden, war wie ein natürlicher Prozess für mich", führt er aus. Die vielen Studio-Sessions und Konzertreisen als Liveband-Mitglied von Björk und der Sitar-Virtuosin Anoushka Shankar hätten den leidenschaftlichen Bergsteiger, der aktuell in London lebt, „zurück zu seinen Wurzeln" gezogen. Dort, auf der Mieminger Kette und in den Stubaier Alpen, hat er die neuen Songs ebenso komponiert wie musikalisch umgesetzt.

Der Trailer zum Film:

Sieben Musiker an sieben Orten

Sieben Etappen auf ansteigenden Höhen peilte das Septett auf seinem gebirgigen Weg an: Unter anderem die Wankspitze, den Rinnensee und den Alpeiner Ferner. Vier Tage lang wurde im September 2017 gedreht, zwei Tage vorher fingen die Musiker, die auch körperliche Fitness an den Tag legen mussten, mit dem Einüben der Stücke an. Deren Namen wurden inspiriert von den realen Orten, die die sieben auf ihrer Reise bespielten; zugleich erhielten die Orte durch die Songtitel fiktive Namen.

"Parasol Woods" auf 923 Metern Höhe macht den Auftakt, erstes Bild dazu ist ein Parasol am Waldboden. Der sei laut Delago erst am Ende des Drehs so ins Zentrum gerückt, dass er titelgebend wurde: "So selten wie er vorkommt, steht er für das Besondere, das man in der Natur entdecken kann."

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Am "Alpine Brook" auf 1576 Metern sitzt die Gruppe dann an einem Gebirgsbach und zu den Cello-, Trompeten- und Melodica-Tönen kommen Klänge von aufeinandergestoßenen Steinen und solchen, die ins Wasser platschen. "Die natürliche Umgebung war für mich eine Möglichkeit, perkussive Soundquellen in die Musik einfließen zu lassen", erzählt Delago. Auch das Streichen von Jazzbesen auf Baumstämmen, das Klappern von Klettersteig-Karabinern auf Stahlseilen und sogar Metall-Kaffeebecher-Klopfen auf den Kletterhelm wird auf dem Album und im Film zu Musik.

Performen unter Extrembedingungen

Ein Cello einen Steig entlang an einer Felswand hinaufzutragen, ist das eine, dass es ebendort so virtuos gespielt werden kann, glaubt man erst, wenn man es sieht. Unter solch extremen Bedingungen hatte noch keiner der Musiker, von denen fünf aus Tirol, einer aus der Steiermark und einer aus New York kommen, sein Instrument gespielt. "Auf einem Klettersteig waren wir zum Beispiel komplett vertikal aufgestellt und hatten keinen Blickkontakt", beschreibt Delago, "nebenbei war es ganz gut, darauf zu achten, nicht abzustürzen." Auch für die Film- und Ton-Crew war die Aufnahme herausfordernd. Vor jedem finalen Dreh galt es einen Aufstieg samt Equipment zu bewältigen und die Orte für Audio und Kamera vorzubereiten.

Regisseur Johannes Aitzetmüller drehte sogar schon in der Antarktis, so gefordert wie „Parasol Peak" habe ihn aber noch kein Projekt: „Mit insgesamt 15 Leuten in solchen Höhen zu arbeiten und die unberechenbaren Wetterverhältnisse waren extrem herausfordernd", denkt er zurück. Die niederen Temperaturen hätten oft nicht mehr als zwei Takes zugelassen, da sich die Instrumente verstimmten oder nicht mehr bespielbar waren. Dazu kam ein für den Spätsommer untypischer Kälteeinbruch mit Schneefall. Auch der Nebel, der sich vom zweiten bis zum sechsten Song atmosphärisch durchzieht, sei nicht geplant gewesen und habe ihn gezwungen, das Konzept, an dem ein halbes Jahr lang mit Delago gefeilt wurde, spontan umzuwerfen. „Wenn ich jetzt aber den fertigen Film sehe, habe ich umso mehr das Gefühl, etwas wirklich Einzigartiges geschaffen zu haben", resümiert er.

Die Natur als Dirigent

Die Musik, die am Waldboden, auf Fels und im Schnee entstanden ist, erklingt die meiste Zeit in gewohnt subtiler Delago-Manier. Sehr besonders an „Paradise Peak" ist allerdings, dass die Natur mitmusiziert. Am „Alpine Brook" gibt das Bachrauschen den Bass vor, in den sich Klangscheiben, Calabash, Cello, Posaune, Trompete und mobiles Glockenspiel langsam einfügen, bevor mit Helmgurt-Klicken und Karabiner-Rutschen am Stahlseil zum nächsten Song und Ort übergegangen wird. Am „North Cluster" auf 1913 Metern gibt — mit den Bläsern zusammen, die erhaben von unten aufgenommen an moderne Alphornisten erinnern — der Wind den Ton an. Die Flöte wiederum, die hier über allem steht, ertönt sanft wie Vogelgezwitscher.

Respektvoll mit der Natur umzugehen und ihre eigenen Klänge nur zu umspielen, keinesfalls zu übertönen, war Delagos großes Anliegen. Je weiter die Musiker in die Höhe stiegen, desto ruhiger sei es um sie geworden. Und desto unaufdringlicher klingen die Stücke. Auf sein zentrales Instrument, das Hang, verzichtet Delago auf „Parasol Peak" zunehmend, spielt es am Ende dafür mit Fulminanz: Nach und nach erklimmen alle sieben Musiker den „Parasol Peak" auf 3003 Metern, und mit dem emotionalen Gipfel der Akteure rückt auch der melodische Höhepunkt des Albums näher. „Am Ende war es ein unglaubliches Gefühl, oben anzukommen und alle Herausforderungen überstanden zu haben. Die Expedition war für uns als Gruppe eine intensive verbindende Erfahrung", erinnert sich Delago. Mit der Zwanglosigkeit der Musik, wieder ganz vom Hang geführt, nimmt auch die Kamera am Ende Fahrt auf und zeigt die umliegenden Gipfel, über die, wie bestellt, die Sonne streift.

Am 6. September feiert "Parasol Peak" Tirol-Premiere in Innsbruck:

Im Leokino gibt es eine Vorführung um 19.30 Uhr und eine weitere um 21.15 Uhr.

Offiziell veröffentlicht werden Film und Album am 7. September.

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Sieben Musiker im klanglichen Höhenrausch: Samt Instrumenten waren sie auf Expedition auf der Mieminger Kette und in den Stubaier Alpen. Mehr Eindrücke davon gibt es in der Bildergalerie.

Sieben Musiker im klanglichen Höhenrausch: Samt Instrumenten waren sie auf Expedition auf der Mieminger Kette und in den Stubaier Alpen. Mehr Eindrücke davon gibt es in der Bildergalerie.

© Klemens Weisleitner

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