Astronomie-Kongress: 3000 Forscher und drei große Fragen

Österreich war zwölf Tage lang das Zentrum des Universums, präziser ausgedrückt, der Erforschung davon. Der Astronomie-Kongress drehte sich um neue Teleskope, alte Sterne und Leben in anderen Welten.

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Das Very Large Telescope: In Chile wird von der Erde aus mit diesem Observatorium der Weltraum beobachtet.
© Y. Beletsky (LCO)/ESO

Von Matthias Christler

Wien –Mit hoher Wahrscheinlichkeit „Nein“. Das ist die Antwort auf eine Frage, die sich wohl jeder Mensch schon einmal gestellt hat: Wird es bald Kontakt zu außerirdischen Wesen geben? Während in Wien zwölf Tage lang insgesamt 3000 Forscher zur Generalversammlung der Internationalen Astronomischen Union zusammengetroffen sind, haben Kollegen aus Oxford diese „Bombe“ platzen lassen. Sie errechneten, dass die Anzahl anderer Zivilisationen überschätzt wird und sollte es doch welche geben, dann sind sie für eine Kontaktaufnahme zu weit weg. Also kein Treffen mit E. T. oder Mr. Spock.

Thomas Posch vom Institut für Astrophysik (Universität Wien), das den heute zu Ende gehenden Kongress mitveranstaltet hat, will sich die Studie erst im Detail ansehen. Er kann jetzt schon sagen: „Wenn das zutrifft, wäre das für manche Forscher schon ein Dämpfer.“ Bei anderen fundamentalen Fragen der Astronomie sind die Forscher optimistischer.

Die Exoplanten: Das Weltraumteleskop TESS wird demnächst im All nach Exoplaneten suchen.
© NASA

Wo ist die zweite Erde? Die ersten Planeten außerhalb unseres Sonnensystems, Exoplaneten genannt, wurden in den 80er-Jahren entdeckt. Inzwischen ist die Zahl auf mehrere tausend angestiegen. Auf einigen davon könnten Voraussetzungen für Leben herrschen. „Bei der Auffindung Hunderter Exoplaneten halfen auch Forscher aus Österreich mit“, erklärt Posch.

Ermöglicht wurde das durch den Beitritt Österreichs zur Europäischen Astronomieorganisation ESO vor genau zehn Jahren. Davor hätte man hierzulande oft in Einzelkämpfermanier forschen müssen. Durch die ESO kann man auf die leistungsfähigsten Teleskope der Erde an vier Standorten in Chile zurückgreifen – unter anderem das „Very Large Telescope“, das derzeit höchstentwickelte Observatorium der Welt, besteht aus vier Spiegeln mit je 8,2 Metern Durchmesser. Damit konnten unter anderem die ersten direkten Bilder eines Exoplaneten gemacht werden.

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Das „Very Large Telescope“ soll 2024 vom „Extremely Large Telescope“, an dem derzeit gebaut wird, übertroffen werden. Dessen Hauptspiegel wird einen Durchmesser von 39 Metern haben und damit noch weiter und genauer ins Universum blicken können. Es soll dabei helfen, weitere, auch kleinere, Exoplaneten zu finden, und die chemische Zusammensetzung der Atmosphäre zu bestimmten. Und damit Antworten auf die Frage liefern, wo die zweite Erde ist.

Das James-Webb-Teleskop: In einigen Jahren soll das James-Webb-Teleskop den Ursprung des Universums erforschen.
© NASA

Vor wenigen Wochen wurde außerdem das Weltraumteleskop TESS per Rakete ins All gebracht. Damit sucht die NASA nach Exoplaneten. „Beim Kongress war schon zu bemerken, dass Exoplaneten und die Suche nach dieser zweiten Erde die Community sehr beschäftigt. Es wird fieberhaft danach gesucht. Und im Moment ist die Erwartungshaltung sehr groß.“ Das hängt auch mit einem weiteren, im Bau befindlichen Projekt zusammen, das eigentlich eine andere Frage klären soll.

Wie entstand das Universum? Das James-Webb-Weltraumteleskop wird nach derzeitigem Stand in drei Jahren seine Reise starten und an einem Ort, 1,5 Millionen Kilometer von der Erde entfernt, seinen Dienst aufnehmen. Es wird der Nachfolger des Hubble-Weltraumteleskops. Auch Österreich ist an dem Projekt beteiligt, dessen Herzstück ein 25 Quadratmeter großer, extrem dünner, glatter, goldener Spiegel ist. Dieser ist so konzipiert, dass er Lichtstrahlen einfängt, die von den allerersten Sternen und Galaxien ausgesendet wurden. Die Forscher erhoffen sich dadurch Rückschlüsse auf die Entstehung des Universums. Das ist die primäre Aufgabe.

Doch das Webb-Teleskop, das schon in den 90er-Jahren geplant wurde, zu einer Zeit, als Exoplaneten noch nicht so ein großes Thema waren, wird auch bei der Suche nach diesen Objekten hilfreich sein. Es könnte auch so genannte „Bio­signaturen“, also mögliches Leben auf fremden Planeten, entdecken. So sieht derzeit der Plan aus. Auf dem Kongress wurde das Mega-Projekt zum Teil kontrovers diskutiert. Manche meinen, dass ein Großteil der Forschungsgelder verschlungen und dafür kleinere, hoffnungsvollere Projekte vernachlässigt werden. Posch fasst es so zusammen: „Das Webb-Teleskop ist ein Riesenprojekt mit derzeit noch nicht ganz klarem Ausgang. Im Moment ist die Erwartungshaltung jedenfalls sehr groß.“

Der Spiegel: Der 25 Meter große Spiegel des Teleskops ist so konstruiert, dass er Licht der ersten Planeten einfängt.
© nasa

Das führt zurück zu der wahrscheinlich spannendsten Frage und den Erwartungen, die von den Forschern aus Oxford ja gedämpft wurden.

Sind wir alleine im Universum? Die Oxford-Wissenschafter rund um Anders Sandberg schreiben in ihrer Studie, dass man nicht überrascht sein solle, wenn man keine Anzeichen für anderes intelligentes Leben finden werde. Sie überarbeiteten bereits vorhandene Modelle, die auf Schätzungen basieren, und ermittelten daraus ihre Ergebnisse. Dass die Menschheit alleine ist in der Milchstraße, liegt bei ihren Berechnungen bei einer Wahrscheinlich zwischen 53 und 99 Prozent – je nachdem wie pessimistisch oder optimistisch die Schätzungen eingegeben wurden. Die Forscher haben weiters für das ganze sichtbare Universum Berechnungen angestellt. Die Chance, dass dort keine Außerirdischen leben, liegt zwischen 39 und 85 Prozent.

Thomas Posch meint dazu: „Die Suche nach extraterrestrischer Intelligenz (SETI) blieb bislang erfolglos, obwohl man umgekehrt unsere Zivilisation relativ leicht auch aus sehr großer Entfernung mit radioastronomischen Methoden nachweisen könnte.“ Doch bislang hat niemand Kontakt aufgenommen. Wird das je passieren? Ob diese oder auch die anderen spannenden Fragen nun definitiv beantwortet werden oder eben offen bleiben, sei für ihn jedoch nur ein Teil der Astronomie: „Es gibt derzeit so vieles, das uns Astronomen fasziniert. Zum Beispiel die Gravitationswellen.“

Das sind die von Albert Einstein vorhergesagten Wellen, die entstehen, wenn Schwarze Löcher Millionen Lichtjahre von der Erde entfernt verschmelzen. Dass man diesen Effekt, der winzig klein ist, messen kann, gilt als eine der wichtigsten astronomischen Leistungen der vergangenen Jahre und Jahrzehnte. „Es ist erstaunlich“, sagt Posch dazu. Oder, wie ein Außerirdischer mit spitzen Ohren dazu sagen würde: Faszinierend.


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