1918/2018 - Älter als die Republik: Rudolf Seewald erinnert sich

Dornbirn (APA) - Rudolf Seewald wurde mitten in den Wirren des Ersten Weltkrieges, am 1. Dezember 1916, in Lustenau in eine wohlhabende Fabr...

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Dornbirn (APA) - Rudolf Seewald wurde mitten in den Wirren des Ersten Weltkrieges, am 1. Dezember 1916, in Lustenau in eine wohlhabende Fabrikantenfamilie hineingeboren. Selbst in der Zwischenkriegszeit fehlte es dem späteren Rechtsanwalt und Autor an nichts. Politisch rechnete sich der 102-Jährige stets den Christlichsozialen zu. Sympathien hegte er für den Ständestaat, mit den Nazis konnte er nichts anfangen.

Das erste, woran Seewald sich bewusst erinnert, waren Inflation und Währungsumstellung zu Beginn der 1920er-Jahre. „Das Geld war einfach kaputt und man brauchte eine neue Währung, die wieder einen Wert hat“, das hatte der noch nicht einmal Zehnjährige verstanden. „Aus Krone und Heller wurden Schilling und Groschen. Das war für mich schon sehr einprägsam“, sinniert der 102-Jährige im APA-Gespräch.

Unmittelbare Auswirkungen auf sein Leben hatten diese für viele Österreicher kargen Jahre aber nicht: „Meine Eltern hatten eine Stickereifabrik in Lustenau und waren sehr wohlhabend.“ Den Börsenkrach 1929 spürte man zwar auch im elterlichen Betrieb, „sie haben ihn aber leicht überwunden“. Seewald, der einen Bruder und drei Schwestern hatte, wurde ins private Jesuiten-Internat „Stella Matutina“ in Feldkirch geschickt.

Mit dem aufkeimenden Nationalsozialismus und dem Wunsch der Deutsch-Nationalen nach einer Vereinigung mit dem Deutschen Reich hatte der Heranwachsende nichts am Hut. „Wir waren Christlichsoziale. Für uns war Österreich ein selbstständiger, souveräner Staat. Warum sollten wir mit Deutschland zusammengehen?“, fragt er sich rückblickend. Dass man die Bundeskanzler des Ständestaates, Kurt Schuschnigg und Engelbert Dollfuß, später als Austrofaschisten bezeichnete und „nach dem Krieg niedergemacht hat, genauso wie die deutschen Faschisten“, ist für ihn „völlig ungerecht“. „Die beiden waren dringend notwendig, auf andere Weise konnte man sich nicht gegen die deutschen Faschisten zur Wehr setzen“, meint er. Einige Jahre sei es ihnen ja gelungen, die Anschlussbestrebungen zu bekämpfen.

Zur Zeit des „Anschlusses“ im März 1938 war Seewald als Student in Wien. „Ich sah die deutschen Geschwader sehr niedrig über die Wiener Innenstadt fliegen und wusste, jetzt sind wir einkassiert.“ Dass ein Einmarsch der Deutschen nicht mehr zu vermeiden war, war dem damals 22-Jährigen schon zuvor klar geworden. „Die Politik war damals sehr unruhig. Bei uns in Lustenau und Dornbirn hat es eine starke NS-Bewegung gegeben. Die haben mit Papierböllern einen Riesenkrach gemacht. Das hat zwar keinen Schaden angerichtet, aber sie haben lautstark gezeigt: Wir wollen zu Deutschland.“

„Als Hitler gekommen ist, haben die Leute wie verrückt gejubelt. Da waren sie begeistert“, erzählt Seewald. Manche hätten sich in der Kolonne nach vorne bis an Hitlers Auto gequetscht und ihm die Hand geküsst. „Und dann groß damit geprahlt. Das war eine einzige Jubel-Trubel-Heiterkeit“, wundert sich der 102-Jährige auch nach vielen Jahrzehnten. Gefährdet sah er sich indes nicht. Man habe in Lustenau einfach versucht, nicht aufzufallen. „Dabei hätten wir auffallen müssen, weil wir eben nicht begeistert waren“, überlegt Seewald.

Die Auswirkungen der Machtübernahme der Nationalsozialisten auf die jüdische Bevölkerung Österreichs erlebte der damalige Jusstudent nur wenige Tage nach dem „Anschluss“ als Zeuge. „Die Uni war zugesperrt, und ich bin mit meinen Unterlagen in den Votivpark gegangen“, erzählt Seewald. Dort habe er sich auf die einzig freie Bank neben zwei Männer gesetzt, die sich unterhielten. Kurz darauf seien SA-Männer auf sie zugekommen, hätten zuerst ihn gemustert und sich dann vor die beiden Männer gestellt. Einer der SA-Männer machte eine Bewegung mit dem Daumen, „so nach dem Motto: Haut ab, aber sofort! Die beiden sind sofort aufgesprungen und wie zwei geprügelte Hunde davongeeilt“, erinnert sich Seewald. „Ich hab mich so geschämt, dachte mir: Was für ein Skandal!“ In einem ersten Impuls wollte er sich bei den zwei Männern entschuldigen, traute sich dann aber nicht. „Ich war ein Feigling“, räumt Seewald ein.

Auch an die Pogromnacht im November 1938 erinnert er sich. Er sei am Morgen des 10. November vom Ruckerlberg in Graz in die Innenstadt spaziert. „Da lagen auf einmal lauter zerbrochene Fensterscheiben auf der Straße, zahlreiche Schaufenster waren eingeschlagen“, berichtet er. Was passiert war, habe er entweder von anderen Passanten erfahren oder aus der Zeitung, genau könne er sich nicht erinnern. Er habe das zur Kenntnis genommen, „aber nicht akzeptiert, in gar keiner Weise. Ich sah, das Volk war vollkommen aufgepöbelt von der NS-Regierung.“

Schon bald nach dem Ausbruch des Krieges und kurz nach Beendigung seines Jusstudiums wurde Seewald im Mai 1940 zur Wehrmacht eingezogen. Gut drei Jahre lang kämpfte er in Russland und Italien, bevor er schwer verwundet wurde, sein „verkrüppeltes Bein“ zeugt noch heute davon. Kurz zuvor hatte er in einer Kriegstrauung seine erste Frau geheiratet, die aus Biberach an der Riß in Deutschland stammte. In das dortige Lazarett ließ er sich verlegen, insgesamt ein Jahr verbrachte er in Biberach.

Danach wurde er einer „Krüppelkompanie“ in Innsbruck zugeteilt. Als die Franzosen in Lustenau einmarschierten, war er gerade auf Urlaub in seinem Elternhaus und verfolgte das Geschehen auf der Durchzugsstraße mit eigenen Augen. „Ich habe nicht gejubelt, das hätte mein Stolz als Soldat nicht zugelassen. Aber ich habe mich gefreut, bis in die tiefste Seele.“ Für ihn sei der Krieg endlich vorbei gewesen, gemeinsam mit seinem Schwager habe er die Waffen vergraben.

Nach dem Krieg eröffnete Seewald seine eigene Rechtsanwaltskanzlei in Dornbirn, die er bis Ende der 1970er-Jahre führte. Seine Kinder Ursula und Wolfgang wurden geboren, das Leben nahm seinen Lauf. In den 1970er-Jahren verstarb seine erste Frau, Seewald heiratete erneut und begann zu schreiben. Neun Bücher veröffentlichte er, das letzte 2016. In den Publikationen beschäftigte sich der Pensionist mit seinen Erlebnissen als Soldat und als Rechtsanwalt, mit seiner Leidenschaft Astronomie und mit spirituellen Themen. Noch heute lebt Seewald in seinem eigenen Haus, nach einem Radunfall vor einigen Jahren ist er allerdings auf fremde Hilfe angewiesen.

Eines kann Seewald bis heute nicht verstehen. „Dass die Leute nach dem Krieg bestritten haben, von den KZs gewusst zu haben. Ich bestreite das.“ Schon vor dem „Anschluss“ habe zumindest jeder Erwachsene in Österreich gewusst, dass es in Dachau ein Konzentrationslager gibt. „Nach dem Einmarsch haben wir sogar allmählich mitbekommen, dass es noch viele andere gibt“, führt Seewald an. Dass dort politische Gegner des Regimes, Juden und Verbrecher interniert waren, sei auch bekannt gewesen. „Nur wie dort gemordet wurde, das wussten wir nicht. Das hätte unseren Vorstellungsrahmen überstiegen.“

(Das Gespräch führte Alexandra Stockmeyer/APA)

(A V I S O - Im Jahr des Republikjubiläums veröffentlicht die APA in loser Folge Gespräche mit Menschen, die „älter als die Republik“ sind. Die bisherigen Meldungen finden Sie im AOM.)


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