“Kindeswohl“: Das Dilemma mit den Gefühlen

In Richard Eyres Verfilmung von Ian McEwans Bestseller „Kindeswohl“ muss Emma Thompson als Familienrichterin über Leben oder Tod eines Jugendlichen entscheiden.

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© Filmladen

Von Peter Angerer

Innsbruck –Der Historiker Jack Maye (Stanley Tucci) weiß, wie man einen Hörsaal füllt. Er preist die antiken Hochkulturen, die durch das Christentum zerstört wurden. Geschmeichelt sammelt er Lacher ein, registriert aus dem Augenwinkel die Avancen einer jungen Kollegin.

Diese Euphorie möchte er mit seiner Frau teilen, doch Fiona (Emma Thompson) arbeitet als Familienrichterin an einem eigenen Text, weshalb Jacks Plan für die kommenden Tage („Fi, was hältst du davon, wenn ich eine Affäre beginne?“) beinahe untergeht. Fiona muss über das Schicksal siamesischer Zwillinge entscheiden, von denen einer mit seinem Herzen beide Körper am Leben erhält und bald am Ende seiner Kräfte angelangt sein wird. Während die Eltern beide Babys behalten wollen, verlangen die Ärzte die chirurgische Trennung, um zumindest das lebensfähige Baby zu retten.

Tatsächlich steht anderntags auf den Titelseiten der Boulevardmedien: „Richterin Maye lässt Kind töten!“ Für solche Fälle gibt es am High Court in London einen diskreten Ausgang, um Konfrontationen zu vermeiden.

Zuvor muss die Richterin noch zwei Anrufe erledigen. Bei einem Schlosser ordert sie ein neues Schloss, einen befreundeten Anwalt beauftragt sie mit einem privaten Streitfall. Wir ahnen, um welchen es sich handelt, als sie Jack einen Koffer vor die Füße wirft. Das ist kein schlechter Start für eine Komödie über eine effektive Frau und einen Agnostiker, der in seinem Tagebuch die ehelichen Intimitäten notiert, als könnte Vernachlässigung irgendwann eine Rolle spielen. Aber Richard Eyres „Kindeswohl“ ist keine Komödie, schlimmer noch, der großartige Stanley Tucci verschwindet mehr oder weniger aus dem Film.

Nach „Am Strand“ (über das Scheitern einer Ehe nach sechs Stunden) ist „Kindeswohl“ der zweite seiner Romane, die der britische Autor Ian McEwan zuletzt selbst für das Kino adaptiert hat. Das eheliche Dilemma ist freilich nur das Vorspiel für ein moralisches. Der an Leukämie erkrankte Adam (Fionn Whitehead) wird die nächsten Tage nicht überleben, weil seine Eltern (Ben Chaplin, Eileen Walsh) die für die Behandlung notwendige Bluttransfusion verweigern.

Für Zeugen Jehovas ist die Kontaminierung mit fremdem Blut eine Todsünde. So stehe es in der Bibel, sagt der tiefgläubige Vater.

Fiona studiert medizinische und religiöse Fachliteratur, dabei ist der Fall ganz einfach. Nach dem 1989 erlassenen britischen „Children Act“ – das ist auch der Originaltitel von Buch und Film – sind Kinder und Jugendliche zu schützen. Die Richterin besucht den Patienten, dem noch einige Monate bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres fehlen und der daher unter die Obhut des Staates fällt. Eine Sichtweise, die Fiona dem Jungen zu vermitteln versucht, könnte die zur Opferung ihres Sohnes bereiten Eltern in einem ungünstigen Licht erscheinen lassen.

Vielleicht liegt es am spröden Drehbuch, vielleicht an den inkompatiblen Stilen von Ehekomödie, Gerichtsthriller und existenziellem Drama, dass Erschütterung und emotionale Konflikte in „Kindeswohl“ eine Behauptung bleiben. Immerhin ist Emma Thompson als Sängerin und Pianistin zu sehen.


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