Philip Zimbardo 2 - Täter sind meist einsam und isoliert

Wien (APA) - Wenn Menschen, vor allem Jugendliche, töten oder zu Amokläufern werden, stellt sich danach immer die Frage nach dem „Warum“. Ph...

Wien (APA) - Wenn Menschen, vor allem Jugendliche, töten oder zu Amokläufern werden, stellt sich danach immer die Frage nach dem „Warum“. Philip Zimbardo sieht eine Begründung vor allem in der sozialen Isolation der Täter und setzt sich dafür ein, bereits vorher zu überlegen, wie es etwa an Schulen gelingen kann, alle Kinder und Jugendlichen zu integrieren.

APA: Was kann die Ursache oder der Auslöser sein, wenn vermeintlich „unauffällige“ Jugendliche töten?

Zimbardo: In den USA gibt es durch den Zugang zu Massenvernichtungswaffen einen Unterschied. Wenn ein Teenager in Österreich eine Person tötet, sind es in den USA 20 Todesopfer oder mehr, weil der Täter dort eine Maschinenpistole hat. In den USA werden Schusswaffen seit jeher glorifiziert, das ist Teil der Kultur. Jedenfalls sind solche Schützen nahezu immer jung und männlich. Meistens sind es relativ einsame und isolierte junge Burschen, die kaum Freunde, kaum soziale Bindungen haben. Oft haben sie Depressionen. Manche entwickeln dann Fantasien: Was kann ich tun, um jemand zu sein? Damit die Leute wissen, wer ich bin?

In den USA liest jedes Kind über solche „Shooters“. Der Schütze wird berühmt, die Menschen kennen seinen Namen. Es passiert überall - in großen Städten und kleinen Orten am Land. Es gibt in den USA auch das „Going postal“ genannte Phänomen, eine Bezeichnung für Amokläufe am Arbeitsplatz. Das ist keine so eine spezifische Umgebung, wie ein Gefängniskeller, sondern eine viel breitere soziale Situation, in der die Menschen gefangen sind. Die Medien spielen hier auch eine sehr große Rolle, das wurde nie so richtig anerkannt. Die reißerischen Schlagzeilen bleiben bei den Leuten hängen. Nach 9/11 machten die Medien mit ihren Titelseiten den Menschen mehr Angst vor Terrorismus als es die Terroristen selbst taten.

APA: Was kann getan werden, um solche Taten verhindern?

Zimbardo: Das ist schwierig. Es sind relativ wenige Jugendliche, die töten oder vergewaltigen. Aber wenn sie es tun, ist es extrem dramatisch, dann beeinflussen sie sich gegenseitig. In vielen Fällen gab es Warnsignale, es heißt nachher oft: „Er war ein Einzelgänger“ oder „Er hatte kaum Freunde“. Wir beschäftigen uns viel zu wenig damit, was wir schon weit davor tun können, um so ein Verhalten zu verhindern. Mit Zuschreibungen wie „seltsam“ in einem negativen Sinn sollte man vorsichtig sein. In Schulen müsste man soziale Fähigkeiten fördern und dafür sorgen, dass niemand ausgeschlossen wird.

APA: Welche Rolle spielen Soziale Medien?

Zimbardo: Wir sollten sie „asoziale Medien“ nennen. Die Menschen sind durch diese neuen Technologien zwar auf der ganzen Welt miteinander verbunden und Nachrichten verbreiten sich in Mikrosekunden. Aber es sind fast immer negative Nachrichten. Der menschliche Verstand reagiert viel schneller auf Negatives, weil das möglicherweise eine Bedrohung darstellt. Ich glaube, die Medien wissen das instinktiv - positive Geschichten sind selten auf dem Titelblatt. Das ist auch ein Problem, das ich jetzt mit meinem Helden-Projekt habe.

APA: Wo liegt der Fokus Ihrer aktuellen Arbeit?

Zimbardo: Ich forsche zur Psychologie der Zeitwahrnehmung. Und fast 50 Jahre nach dem Gefängnis-Experiment mache ich es nun umgekehrt: Ich schaue mir an, was passiert, wenn man ganz gewöhnliche Menschen in positive Situationen bringt. Könnte man sie zu Helden machen? Es gab bis jetzt kaum psychologische Forschung zum Heldentum. Meine Vision ist, dass Menschen Mitgefühl in heroische Taten umsetzen. Das ist meine Mission.

(ZUR PERSON: Philip Zimbardo wurde 1933 in New York City geboren. Er ist emeritierter Professor der Psychologie an der Stanford University in Palo Alto und Autor mehrerer Bestseller. 1971 wurde er mit seinem „Stanford Prison Experiment“ zur Erforschung menschlichen Verhaltens unter den Bedingungen des „echten“ Gefängnislebens bekannt. 1975 gründete er die Shyness Clinic in Kalifornien, um Kindern und Erwachsenen bei Schüchternheit zu helfen. Heute forscht Zimbardo außerdem zu psychologischer Zeitwahrnehmung, arbeitet für seine Non-Profit-Initiative „Heroic Imagination Project“ und hält international zahlreiche Vorträge zu seinen Forschungsgebieten.)

(Das Gespräch führte Nicole Rennhofer/APA.)

(S E R V I C E - www.heroicimagination.org)