Segeln gegen die Drogensucht: Tirolerin nahm Sohn mit auf See
Auf See gibt es keine Drogen und keine Dealer. Eine alleinerziehende Tirolerin brachte ihren 16-jährigen Sohn auf ein Segelboot und segelte einfach los. Über ihren Kampf, ihr Kind aus dem Drogensumpf zu retten, schrieb sie nun ein Buch.
Innsbruck — Klein, zierlich, drahtig-sportlich: Das ist der Eindruck, den man gewinnt, wenn Franziska Krafft den Raum betritt. Eine komplett „normale", sympathische Mama. Nichts deutet auf ihre schwierige Vergangenheit hin, auf ihren Kampf um ihre Familie. Es sei einfach einiges schiefgelaufen, erzählt sie im Interview. Dabei hatte in Kraffts Leben nichts darauf hingedeutet, dass es so kommen könnte. Kein schwieriges Milieu. Beide studiert, drei Kinder, viel draußen, gute Wohnverhältnisse, Bio-Kost für die Familie — alles „normal" quasi. Nach der Scheidung zog ihr Ältester mit 13 Jahren zum Vater nach Frankfurt. Es dauerte nicht lange und er geriet mitten in der Pubertät auf die schiefe Bahn. Jonas ging nicht mehr zu Schule, kiffte, begann zu dealen. Landete in U-Haft und wurde behördlich mit 16 Jahren in den Entzug gesteckt. Dann begann der Kampf der Mutter um ihren Sohn. Sie kaufte ein Segelboot und überredete das Jugendamt, ihr den Sohn für zwei Monate im Sommer 2017 aufs Schiff mitzugeben. Aus dem Versuch wurde eine neue Chance.
Wie geht es Jonas heute — ein Jahr nach der Segelreise?
Franziska Krafft: Er hat jetzt ein Jahr Handelsschule geschafft. Die letzten beiden Jahre waren nicht immer einfach, es gab Aufs und Abs, aber keine großen Rückschläge. Das ist für die ganze Familie gut und ein Erfolg. Aber es ist nicht so, dass man sich zurücklehnen und sagen könnte: „So, alles geheilt, jetzt haben wir es geschafft." Das spielt es einfach nicht, Jonas hat noch einen langen Weg vor sich, muss sein Leben erst noch richtig finden. Aber er hat seinen Platz in der Familie wiedergefunden und es geht ihm gut. Wir waren heuer im Sommer auch wieder in der gleichen Besetzung für zwei Monate am Segelboot.
Wie kommen Sie als Bergfex auf die Idee, Ihr Kind ausgerechnet auf ein Segelboot zu packen — die Idee einer abgelegenen Hütte läge da doch näher, oder?
Krafft: Ja, schon, aber von einer Hütte könnte man abhauen. Ich bin als Kind schon einmal gesegelt, allerdings mit einem ganz kleinen Boot. Eine wirkliche Ahnung vom Segeln hatte ich nicht, aber ich war damals mit dem Rücken an die Wand gestellt und brauchte eine Idee, um Jonas aus dem Sumpf rauszubringen. Ich dachte einfach, das mit dem Boot könnte funktionieren. Nur wir auf dem Boot und um uns das Meer, keine Drogen, keine Dealer, keine Außeneinflüsse von anderen Leuten, kein WLAN, kein Handy, keine Fluchtmöglichkeit. Das waren meine Gedanken. Was geht und was nicht, bestimmen das Boot, das Wetter, der Wind und sonst niemand.
Wie hat Ihr Umfeld, wie hat Jonas auf diese Idee anfangs reagiert?
Krafft: Meine Idee löste bei vielen Kopfschütteln aus, was ich auch verstehe, schließlich bin ich keine erfahrene Seglerin. Jonas hatte ich lange nichts davon gesagt, ich wusste ja praktisch bis zum Schluss nicht, ob es überhaupt möglich ist, dass ihn das Jugendamt mitlässt. Als er es dann erfahren hat, hat er sich gefreut. Er wusste aber nicht wirklich, was es bedeutet, auf einem kleinen Schiff zwei Monate unterwegs zu sein.
Hatten Sie keine Angst, dass es eskalieren könnte oder er versucht abzuhauen?
Krafft: Natürlich, davor wurde ich ja ausdrücklich gewarnt. Ich hatte immer ein Auge auf ihn, aber er konnte sich frei bewegen, auch auf Land, wenn wir wo angelegt hatten. Wir hatten nach und nach seine Medikamente abgesetzt und er hat Sachen am Boot gelernt: Fenderknoten, Angeln usw. Anfangs war er sehr lethargisch, aber als er langsam wacher wurde, begann er sich auch wieder für das Leben zu interessieren. Mit jeder Aufgabe am Schiff wuchs er, Vertrauen war unsere Basis. Aber es waren viele kleine Schritte, die wir machen mussten. Wir mussten uns wiederfinden.
Hatten Sie nach der Reise Angst vor dem Alltag mit seinen Gefahren?
Krafft: Klar. Ich weiß mittlerweile ja, dass es überall Drogen gibt — egal, ob in einem Bergdorf oder in der Stadt. Wir Eltern hängen da immer ein bisschen nach, sind naiv. Fakt ist, dass Kiffen unter Jugendlichen heute sehr verbreitet ist, dass es praktisch die breite Mehrheit zumindest mal ausprobiert. Das ist so. Es wird total verharmlost. Wenn man als Eltern Glück hat, wird nur probiert. Wenn man Pech hat, dann kommt eine Abwärtsspirale. Als Mama denkt man ja immer an so Dinge wie Zähneputzen, genug Wasser trinken, gesunde Jause und so. In Wahrheit geht es um ganz andere Themen: Internet, Handy, Drogen. Unsere Elterngeneration ist hier extremen Außeneinflüssen ausgesetzt. Die Familie zusammenzuhalten, ist eine Herausforderung.
Haben Sie sich manchmal Vorwürfe wegen der Sucht gemacht?
Krafft: Da geht einem viel durch den Kopf, es hätte einiges anders laufen können. Aber was bringt's? Ich denke, so etwas kann jeder Familie passieren. Sicher kann man sich nie sein. Also habe mich dazu entschlossen, nach vorne zu schauen, die Tür offen zu halten, meinem Kind zu zeigen: Ich bin da. Ich liebe dich. Egal, was ist.
Viele Mamas haben Pläne für Ihr Kind — etwa Matura, gute Ausbildung usw. Haben Sie noch welche?
Krafft: Von dem Gedanken, zu wissen, was das Beste für meine Kinder ist, habe ich mich schon lange verabschiedet. Ich wünsche mir nur, dass sie glücklich werden und ihren eigenen Weg finden.
Das Gespräch führte Liane Pircher
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