Klangspuren Schwaz: Avantgarde-Muzak und Geburtstagskuchen
Schwaz (APA) - Zum 25-Jahresjubiläum der „Klangspuren“ in Schwaz hat das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck (TSOI) am Donnerstagabend über...
Schwaz (APA) - Zum 25-Jahresjubiläum der „Klangspuren“ in Schwaz hat das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck (TSOI) am Donnerstagabend überwiegend erwartbare Musik-Grenzüberschreitungen präsentiert. Einige Kompositionen kamen der Idee von Avantgarde-Muzak bedenklich nahe, wiederum andere Werke glänzten mit Humor und Ideenreichtum. In der Pause gab es schwer verdaulichen Geburtstagskuchen.
Die „Klangspuren Schwaz“ haben sich in der kleinen Tiroler Stadt über die Jahrzehnte etabliert. Anfangs waren in der Bevölkerung nicht alle mit den ungewöhnlichen Klängen einverstanden und noch weniger haben sie verstanden. Mittlerweile sei man aber zur „Familie“ geworden, war der einhellige Tenor bei den Eröffnungsreden. Das „Kind“ mit dem Namen „Neue Musik“, das sich manchmal etwas ungewöhnlich ausdrückt und kryptisch wirkt, wird also so akzeptiert, wie es eben nun einmal ist.
Überraschend klar artikulierte es sich aber beim Eröffnungsstück von Charles Ives „A Symphony: New England Holidays - Decoration Day“ aus dem Jahr 1912. In den fast schon romantisch anmutenden Klängen, die nur stellenweise zaghaft in avantgardistischere Gefilde vordrangen, ließ es sich gut schwelgen und entdecken. Tatsächlich überraschend fand man in dem Werk Andeutungen von Marschmusik. Das letzte Stück des Abends, „A Symphony: New England Holidays - Fourth of July“, machte schließlich ernst mit der Überlagerung von Disparatem. Am Ende spielten die Musiker des Tiroler Symphonieorchesters Innsbruck gegeneinander, Lied-Fragmente lagen übereinander und führten zu einer hörenswerten Kakophonie mit Katharsis-Tauglichkeit.
Mit dem Stück „void für Schlagzeugduo und Orchester“ von Rebecca Saunders, diesjährige „Composer in Residence“, sprang das Symphonieorchester mit der Unterstützung der Schlagwerker Dirk Rothbrust und Christian Dierstein dazwischen mitten hinein in die zeitgenössische Neutönerei. Mit vielen Leerstellen ließ sich das stark perkussiv geprägte Stück nicht darauf ein, Melodie-Narrationen oder gar eine Klimax zuzulassen. So blieb dem Zuhörer nur die Konzentration auf einzelne Elemente oder Geräusche und die Erkenntnis, dass vom Werk danach wenig hängen blieb und die vermeintlich neue Musikwelt der Komposition auf seltsame Weise vertraut klang. Das nachfolgende Stück von Joanna Wozny, „any greater distance“, überschritt dann schließlich endgültig die Grenzen hin zur Avantgarde-Hintergrundmusik mit geringem Nachhall nach dem Verklingen des letzten Tons.
Die rund 14 Minuten überstand man aber glücklicherweise gut und mit einigermaßen hohem Aufmerksamkeitslevel, weil sich das TSOI zuvor souverän und mit angemessenem Spielwitz durch das fantastische Werk „Birthday-Musik mit gutem Orchester“ aus der Feder des Tiroler Universalgenies Werner Pirchner gespielt hatte. Dadurch wurde nur zu gut sicht- und hörbar, was der „Neuen Musik“ an diesem Abend so oft fehlte: Humor und Selbstironie. Zu oft schreitet man offenbar mit heiligem Ernst zum Kompositionstisch.
Zuletzt, nach der Ives-Kakophonie, gab es wohlwollenden Applaus mit einzelnen Bravo-Rufen. Ebensolche hatte sich im Laufe des Abends auch schon Rebecca Saunders abgeholt. Die Begeisterung nach Pirchner war außerdem etwas größer als nach der Komposition von Wozny. Am Ende blieb die Gewissheit, dass dort, wo viel Licht ist, auch viel Schatten ist. Die „Neue Musik“ ist ganz sicher nicht tot oder uninteressant, aber sie hat es sich zum Teil etwas zu gemütlich in einem Avantgarde-Standesdünkel eingerichtet.
( S E R V I C E - Infos zum Festival unter https://www.klangspuren.at/klangspurenschwaz/)
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