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Islam in Tirol: „Gescheit sind viele, wenige im Bilde“

Bei der Besichtigung des bosnischen Gebetsraums stellten die 25 Besucher auch kritische Fragen.

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Besuch in der Moschee in Innsbruck.
© TT/Julia Hammerle

Von Alexandra Plank

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Innsbruck – Im Innsbrucker Gewerbegebiet versteckt, gleich neben dem Bahndamm, befindet sich das Gebäude des Bosniakischen Kulturzentrums. Ein Moscheebesuch steht heute auf dem Programm, initiiert von Magdalena Modler-El Abdaoui, Fachreferentin für interreligiösen und interkulturellen Dialog im Haus der Begegnung.

„Bei der Verwendung der Gebetsketten geht es vor allem darum, sich zu versenken.“
M. Modler-El Abdaoui (Fachreferentin)

Hausherr Samir Redzepovic begrüßt uns, er ist auch islamischer Fachinspektor für alle Schulen in Tirol. In der Nachbarschaft befinden sich die Aleviten, sie zählen sich zu den Schiiten, dieser Richtung des Islams hängt weltweit nur eine Minderheit an. 85 Prozent der Muslime weltweit sind Sunniten. „Früher waren in unserer Straße auch noch die Buddhisten angesiedelt, wir haben immer von der Religionsmeile gesprochen“, sagt der Imam. Was ist das, wollen die 25 interessierten Besucher an diesem wunderschönen Herbsttag interessiert wissen. Redzepovic erzählt eine Anekdote, es wird nicht die letzte bleiben. Als er in Schwaz in der Schule unterrichtete, fragte ihn ein Mann am Gang, wer er sei. Er gab zur Antwort, dass er die islamische Religion unterrichte. Da meinte der Pfarrer: „Ach, Sie sind ein muslimischer Pfarrer, ich bin der katholische Imam.“

Imam Samir Redzepovic zeigt den Koran ...
© TT/Julia Hammerle
... und die große Gebetskette.
© TT/Julia Hammerle

Zuerst geht es in den Aufenthaltsraum und die Besucher, überwiegend Frauen, erklären, warum sie an der Veranstaltung teilnehmen. Neugier ist ein Motiv, einige Lehrerinnen sind darunter, sie berichten, dass ihnen mehr Hintergrundinformationen zum Umgang mit muslimischen Schülerinnen und Schülern wichtig sei. Eine Krankenschwester erzählt, dass ihr im Umgang mit Muslimen schon manches Fettnäpfchen passiert sei. Eine Studentin bringt es auf den Punkt: „Alle sind gescheit, wenn es um den Islam geht, aber nur wenige im Bilde.“

Das Frauenbild im Islam erweist sich als ein heißes Eisen. Der Imam erläutert, dass die Bedeckung von Mann und Frau beim Gebet, aber auch das Tragen des Kopftuchs in der Öffentlichkeit im Koran festgehalten sei. „Vollverschleierte Frauen sind eher eine kulturelle Sache, damit hat auch die islamische Glaubensgemeinschaft ihre Schwierigkeiten“, so Redzepovic. Während man über das Ausmaß der Verhüllun­g diskutieren könne, werde die Genitalverstümmelung abgelehnt. „Es gibt einen eindeutigen Beschluss aller Imame Österreichs, dass dieses Vorgehen nicht im Koran steht.“

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Der Imam ist deutschsprachig, das Freitagsgebet wird aber auf Arabisch durchgeführt. Redzepovic predigt auf Arabisch und Bosnisch. „Das mache ich, damit mich auch ältere Personen verstehen, die nicht gut Deutsch können.“ Auf den Einwurf einer Frau, dass auch viele Jugendliche nicht mehr Arabisch können, sagt der Religionsinspektor: „Daher ist es mir sehr wichtig, dass im islamischen Religionsunterricht die Bedeutung der Suren genau behandelt wird.“ Vor dem Betreten der Moschee müssen alle die Schuhe ausziehen. Die Gläubigen nehmen zuvor noch eine Waschung vor. Die Füße, die Arme bis zu den Ellbogen, das Gesicht, die Hände und ein Guss auf den Kopf ist vorgeschrieben.

In Innsbruck beten die Männer vorne und die Frauen weiter hinten, ein­e Vermischung ist nicht üblich. „Wir schauen all­e nach Mekka. Gläubige sollen fünfmal am Tag bete­n. Wer arbeitet, hat aber die Möglichkeit, das am Abend nachzuholen“, erklärt uns der Imam.

In Summe soll man eine Stunde pro Tag für den Schöpfer reservieren. „Ich erkläre das den Kindern meist so: Ihr bekommt 24 Euro geschenkt und gebt einen Euro zurück. Das heißt: Gott schenkt dir 24 Stunden und du gibst ihm eine Stunde als Dankeschön zurück.“

Es gibt auch Gebetsketten, die eine ähnliche Funktion haben wie die Rosenkränze. „Es geht dabei vor allem darum, sich zu versenken“, sagt Modler-El Abdaoui. Meist kommt die Kette nach dem Gebet zur Lobpreisung Gottes zur Anwendung. Mit dem Aufkommen des politischen Islams wurde das Wort Dschihad, oft als „Heiliger Krieg“ übersetzt, von bestimmten Kreisen missbräuchlich verwendet, so Modler-El Abdaoui. Eigentlich gehe es darum, die eigenen dunklen Seiten zu bekämpfen. „Warum sind wir Christen für die Muslime allesamt Ungläubige?“, will eine ältere Dame wissen, die viel in arabischen Ländern unterwegs ist. „Die Christen sind bei den Muslimen hoch angesehen, ebenso wie die Juden, sie werden als Schriftbesitzer und Weltreligion geehrt“, erklärt der Imam.

Muslime in Tirol

Anzahl: In Tirol gibt es mit Stand 2018 gezählte 47 islamische Vereine und Moscheen in Tirol. Unser Bundesland liegt damit im Mittelfeld. Man geht von rund 42.000 Muslimen (2012) aus. Statistiken sind schwierig, die Religionszugehörigkeit wird seit 2001 nicht mehr erfasst.

Glauben:

Laut einer von Juli 2016 bis März 2017 in Österreich durchgeführten Umfrage zur Religiosität gelten 42 Prozent der befragten Muslime in Österreich als hochreligiös.

Interreligiös:

Das Haus der Begegnung bietet Besuche von religiösen Stätten an. Infos unter hdb.dibk.at oder per Newsletter.

Die zwei Stunden vergehen zu rasch. Schüchtern fragt ein Teilnehmer, ob man in der Moschee klatschen dürfe. „Natürlich, und ich möchte auch für Sie klatschen, wer mich zwei Stunden aushält, hat Applaus verdient.“ Bei aller Ernsthaftigkeit, mit der man sich mit Religionen befassen sollte: Humor steht über jeder Kultur und jeder Religion.

Der Waschraum.
© TT/Julia Hammerle

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