Pressestimmen zur Rückzugsankündigung Merkels 3

Berlin (APA/dpa/AFP) - „Magyar Idök“ (Budapest):...

Berlin (APA/dpa/AFP) - „Magyar Idök“ (Budapest):

„Sie vertraute vielleicht zurecht darauf, dass der deutschen Gesellschaft nach dem Zweiten Weltkrieg dermaßen das Gehirn gewaschen (...) und ihr bis zur vierten Generation ein künstliches Schuldbewusstsein eingeimpft wurde, dass man ihr praktisch ohne jeden Widerstand die ‚Willkommenskultur‘ würde reinwürgen können. (...) Doch damit hat sie den Bogen überspannt. (...) Die völlig stille Mehrheit begann zur AfD zu strömen, das heißt, sie ließ sich auf die größte Revolte ein, zu der ein Volk mit einer verstümmelten Seele in einem kranken Land überhaupt fähig ist: dass es für die Normalität stimmt. (...)

An Merkel zeigt sich, wohin der vielfache Verrat führt. Gerade noch hat sie (den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor) Orban in Sachen Europäertum, Demokratie, offene Gesellschaft, Solidarität und wer weiß was noch belehrt. Jetzt packt sie schön ihre Sachen und kehrt vielleicht in die ehemalige DDR zurück. Beim gegenwärtigen Stand der Dinge bereitet sich bereits der nächste aufs Kofferpacken vor: (Frankreich Präsident Emmanuel) Macron. Die normale Welt hat die Tür aufgetreten.“

„Politiken“ (Kopenhagen):

„Nachdem Merkel 13 Jahre lang mit allem von der Eurokrise über die wachsende russische Aggression bis hin zu Donald Trump ein europäischer Anker und gemeinsam mit Frankreich eine treibende Kraft in der EU war, ist es um die deutsch-französische Dynamik mittlerweile schlecht bestellt. Merkel steckt fest.

Für Europa ist jetzt wichtig, dass Deutschland einen neuen Anführer bekommt, der die europäische Dynamik wiederbeleben kann, über all den ‚Mein-Land-zuerst‘-Agenden steht und gleichermaßen europäisch und deutsch denkt. Das vermochte Angela Merkel viele Jahre lang über weite Strecken. Und das ist genau das, was Europa braucht.“

„Hospodarske noviny“ (Prag):

„Die deutsche Politik wird nicht mehr so sein wie früher. Angela Merkel hat erklärt, dass sie sich im Dezember nicht erneut für das Amt der Vorsitzenden ihrer konservativen Partei bewerben wird. (...) Merkel wollte, dass der Wechsel an der Spitze geplant und schrittweise vollzogen wird. Doch die Situation in ihrer eigenen Partei ist ihr außer Kontrolle geraten. Das ist für Europa eine schlechte Nachricht. Die deutsche Politik der letzten Jahre war so schon unvorhersehbar genug.

Man mag über die Kanzlerin denken, was man will, aber die Europäische Union braucht ein stabiles und vorhersehbares Deutschland als ihren Motor, idealerweise im Tandem mit Frankreich - und darum hat sich Merkel mit unterschiedlichen Ergebnissen bemüht. (...) Ausgerechnet eine der wenigen unerwarteten Entscheidungen der Kanzlerin, die es gewohnt ist, alles gründlich vorzubereiten, hat am Ende dazu geführt, dass ihr die Situation außer Kontrolle geraten ist - es war die wenig durchdachte, aber menschliche Geste, die deutschen und die europäischen Grenzen für Hunderttausende Flüchtlinge zu öffnen.“

„Nesawissimaja Gaseta“ (Moskau):

„Höchstwahrscheinlich hat Merkel den Parteivorsitz nach 18 Jahren unter dem Druck des konservativen Flügels abgegeben. Aber es ist zu früh, von einem Abschied von der Kanzlerschaft zu sprechen, weil der sich erst mit der Bundestagswahl 2021 vollziehen soll. Fürs erste ist die Tatsache wichtig, dass Merkel sich entschlossen hat, Kanzlerin zu bleiben.“

„Ouest-France“ (Rennes):

„Was sich beim Parteitag der CDU im Dezember abspielen wird, wird also ausschlaggebend sein. Wie alle rechten, europäischen Parteien ist die CDU gespaltener Meinung darüber, wie man dem Auftauchen einer nationalistischen, xenophoben und identitären Kraft an ihrer rechten Seite die Stirn bieten soll. Muss man dieser Gesinnung den Hof machen, so wie die bayerische CSU von Innenminister Horst Seehofer es in den letzten Monaten versucht hat und dabei viele Federn gelassen hat? Oder muss man sich davon distanzieren? Die Zweitplatzierte hinter Angela Merkel, Annegret Kramp-Karrenbauer (...), ist für die zweite Option.“

„Corriere della Sera“ (Mailand):

„Wir werden Angela Merkel nachtrauern. Die Deutschen, die sie seit 2005 als Kanzlerin hatten, haben die schlimmste Wirtschaftskrise eines Jahrhunderts unbeschadet überstanden. Und wir Europäer, die ihr Zögern erlebt haben, aber auch ihre Fähigkeit, immer das Richtige zu machen, wenn es angebracht war und es keine Alternative gab: Sei es die Griechenlandkrise oder die Flüchtlingskrise im Jahr 2015. Jetzt, wo ihre Dämmerung begonnen hat, zeichnet sich Merkel als historischer Gigant in diesem Stückchen des Jahrtausends ab.“

„Lidove noviny“ (Prag):

„Vielleicht kommt eine Zeit, in der wir auf Angela Merkel nostalgisch zurückschauen werden wie heute auf Kaiser Franz Joseph - als Verkörperung der Stabilität in einem Sturm der Unruhe. Eine solche Vorhersage mag auf den ersten Blick utopisch erscheinen, denn viele Menschen werfen Merkel heute Destabilisierung vor, indem sie die Türen für die Migrationskatastrophe geöffnet hat. Doch man kann nicht darüber hinwegsehen, dass die westliche Welt von Instabilität in einer weiter gefassten Sichtweise erschüttert wird.

Betroffen sind auch Länder, die von der Migrationswelle 2015 verschont geblieben sind. Es ist eine Wellenbewegung, die in Großbritannien für den Austritt aus der EU gesorgt, in den USA Donald Trump ins Weiße Haus getragen und in Italien die gesamte politische Szene umgewälzt hat. (...) Eines Tages werden wir uns vielleicht an Angela Merkel als Verkörperung der Sicherheit in alten Zeiten erinnern.“