Blick von außen

Niederlage besiegelte den Anfang

Vor 100 Jahren wurde nach dem Ende der Monarchie die Republik ausgerufen.
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Die Republik Österreich begeht zur Zeit das hundertjährige Jubiläum als eigenständige neue Staatsgründung. Bei allen Feiern heutzutage: Das war damals gar nicht so gedacht.

Von Michael Gehler

Die militärische Niederlage im Herbst 1918 förderte die Auflösung der Habsburgermonarchie. Tschechen, Kroaten, Serben und Slowenen sowie Polen konstituierten eigene Staaten. Ungarn beendete die Realunion mit Österreich. Kaiser Karl hatte noch in einem „Völkermanifest“ den Umbau der Monarchie in einem Bundesstaat zugesagt, was aber nicht mehr verfing, sondern den Zerfall nur noch beschleunigte.

Ein neuer Staat

Am 21. Oktober 1918 waren die überwiegend deutschsprachigen Abgeordneten des im Jahre 1911 zuletzt gewählten Reichsrats im niederösterreichischen Landhaus in Wien als provisorische Nationalversammlung zusammengetreten. Von 516 waren noch 208 Vertreter übrig: 65 Christlichsoziale mit Jodok Fink, 38 Sozialdemokraten mit Karl Seitz, 100 Deutschliberale und Großdeutsche mit Franz Dinghofer an der Spitze sowie fünf Unabhängige. Neun Tage später – in der eigentliche Geburtsstunde – wählten sie einen Staatsrat als Exekutivausschuss, der eine Staatsregierung unter dem Sozialdemokraten Karl Renner für das restliche deutschsprachige Gebiet berief. Er war ein Glücksfall: Als bloßer Leiter der Staatskanzlei übernahm er den Kabinettsvorsitz, bezeichnete sich selbst als Staatskanzler, lehnte revolutionäre Gewalt ab und trat für politische Kompromisse im Sinne einer Großen Koalition ein.

„Deutschösterreich“

Es kursierten heute unvorstellbare Bezeichnungen für den neuen Staatsnamen: „Deutsches Bergreich“, „Deutschmark“, „Deutsches Friedland“ oder „Treuland“. „Österreich“ wurde gemieden. Großdeutsche und Sozialdemokraten verstanden darunter die Monarchie, während Christlichsoziale mit ihr noch sympathisierten. Ihnen verdankte es der Name Österreich, nicht komplett unterzugehen, sondern im Staatstitel noch aufzutauchen.

Parallel-Regierungen

Neben der Regierung Renner waren gleichzeitig noch Kaiser Karl und sein Ministerpräsident Heinrich Lammasch im Amt. Am 31. Oktober wurden die Staatsfarben Rot-Weiß-Rot und ein vorläufiges Staatswappen, ein mit Hämmern versehener Stadtturm im Roggenkranz bestimmt – später folgte ein Adler mit Mauerkrone, gesprengten Ketten sowie Hammer und Sichel in den Fängen. Den am 3. November 1918 noch von der kaiserlichen Regierung abgeschlossenen Waffenstillstand von Villa Giusti nahm die Nationalversammlung nicht einmal mehr zur Kenntnis. Das Haus Habsburg hatte keinen Kredit mehr.

Kaiserlicher Amtsverzicht

Am 11. November 1918 verzichtete der zunächst widerwillige Karl auf „jeden Anteil an den Staatsgeschäften“. Eine von ihm unterzeichnete Erklärung in Schloss Schönbrunn sollte die Entscheidung anerkennen, „die Deutschösterreich über seine künftige Staatsform trifft“. Das Volk habe „durch seine Vertreter die Regierung übernommen“. Lammasch wurde entlassen und Karl übersiedelte auf Schloss Eckartsau. Im Feldkircher Manifest vom 23./24. März 1919 widerrief er den Verzicht. Die Habsburgergesetze vom 3. April antworteten mit Landesverweis und Vermögensentzug. Zwei Restaurationsversuche in Ungarn sollten scheitern.

Infolge eines einstimmig angenommenen Beschlusses der Provisorischen Nationalversammlung wurde die Republik „Deutschösterreich“ am 12. November 1918 um 15 Uhr von der Parlamentsrampe an der Wiener Ringstraße vor einer riesigen Menschenmenge ausgerufen. Die Proklamation erfolgte durch Dinghofer im Beisein von Renner, Seitz und Prälat Johann Nepomuk Hauser. Ein Gesetz vom gleichen Tag über die Staats- und Regierungsform sah vor: „Deutschösterreich“ sollte eine „demokratische Republik“ (Artikel 1) und „Bestandteil der Deutschen Republik“ (Artikel 2) sein.

Mit der Ausrufung der Republik und des Anschlusses wurde die nationale zur sozialen Revolution weitergetrieben. Wahlrechtsgrundsätze wurden festgelegt, die auf der Verhältniswahl und dem allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Stimmrecht aller Staatsbürger „ohne Unterschied des Geschlechts“ beruhten. Die ersten Urnengänge mit Frauenwahlrecht erfolgten am 16. Februar 1919 noch vor Großbritannien (1928) und Frankreich (1944). In die konstituierende Nationalversammlung zogen am 4. März erstmals acht Frauen ein: Anna Boschek, Emmy Freundlich, Adelheid Popp, Gabriele Proft, Therese Schlesinger, Amalie Seidel und Maria Tusch für die Sozialdemokraten sowie Hildegard Burjan für die Christlichsozialen. 1927 kam mit Olga Rudel-Zeynek und ihrer Wahl zur Bundesratspräsidentin erstmals weltweit eine Frau an die Spitze eines Parlaments. Achtstundentag, Arbeitslosenversicherung, Arbeiterurlaub, Arbeiterkammern, Betriebsräte, Mieterschutz und die Verbesserung des Kollektivvertragsrechts sowie Jugend- und Frauenschutz wurden durch die Sozialstaatsordnung von Ferdinand Hanusch geregelt. Am 1. Oktober 1920 nahm man unter maßgeblicher Mitwirkung von Hans Kelsen die Verfassung an.

„Deutschösterreich“ erhob Ansprüche auf die deutschsprachigen Gebiete der Monarchie. Südtirol wurde aber bereits seit dem 3. November 1918 von italienischen Truppen besetzt und 1920 annektiert. Die mehrheitlich deutsch besiedelten Gebiete Böhmens und Mährens waren von der Tschechoslowakei okkupiert und kamen, wie die Sudetengebiete, an die neue Republik in Prag. Kärntner Gebiete und Unterdrauburg wurden Slowenien und das Kanaltal mit Tarvis Italien zugeschlagen. Die Untersteiermark schloss sich dem neuen Staat der Slowenen, Kroaten und Serben, dem späteren Jugoslawien, an. „Deutsch-Westungarn“ (Burgenland) wurde dagegen 1921 Österreich zugesprochen. Das Gebiet von Ödenburg blieb jedoch aufgrund einer umstrittenen Volksabstimmung bei Ungarn.

Das Anschluss-Verbot

Die Siegermächte untersagten den Anschluss wie auch den Staatsnamen „Deutschösterreich“. Drei Tage war Staatstrauer angesagt. Die konstituierende Nationalversammlung hatte am 6. September 1919 öffentlich gegen den zu erwartenden Friedensvertrag protestiert, der dem „deutschösterreichischen Volk“ das Selbstbestimmungsrecht und den „Herzenswunsch“, die „wirtschaftliche, kulturelle und politische Lebensnotwendigkeit“ der „Vereinigung mit dem deutschen Mutterlande“, verweigere. Die ökonomischen und finanziellen Bedingungen seien „undurchführbar“ und „politisch verhängnisvoll“. Damit war die Vorstellung von der „Lebensunfähigkeit“ Österreichs geboren, was sich als zählebiger Mythos erweisen sollte.

Alle Proteste halfen nichts. Am 10. September 1919 musste Renner als Leiter der österreichischen Delegation in Saint-Germain-en-Laye, einem Vorort von Paris, das „von Gier und Hass“ gelenkte „Friedensdiktat“ unterzeichnen. Wie alle besiegten Staaten wurde Österreich nicht angehört. Nur schriftliche Eingaben waren erlaubt. Eine Kriegsmitschuld, das Anschluss-Verbot sowie Reparationen wurden auferlegt. Der von den Siegermächten geforderte Staatsname „Republik Österreich“ und ihre Unabhängigkeit von Deutschland mussten – andernfalls kein Friede – hingenommen und die auferlegten Änderungen von der Nationalversammlung mit einem neuen Gesetz über die Staatsform vom 21. Oktober 1919 beschlossen werden. Darin wurde auch festgelegt, dass Österreich kein Rechtsnachfolger des Kaiserreichs ist.

Mit der Ratifizierung des Friedensvertrags – in Österreich als Staatsvertrag bezeichnet – wurde Artikel 88 Realität: Die Unabhängigkeit von Deutschland sollte „unabänderlich“ sein. Im Artikel 80 des Versailler Vertrages musste das Deutsche Reich die Eigenständigkeit Österreichs anerkennen und sich verpflichten, diese „unbedingt zu achten“. Die so zu ihrem eigenen Glück gezwungene Republik Österreich verdankte ihre Existenz allein dem Verlangen der Sieger, v. a. Frankreichs, ein neues übermächtiges Deutschland zu verhindern. Der legendäre Publizist Hellmut Andics sprach vom „Staat, den keiner wollte“ und der Wiener Historiker Thomas Angerer vom „Fremdfundament der österreichischen Unabhängigkeit“.

Anschluss und Ende Österreich 1938

Renner formulierte noch 1920 eine Nationalhymne „Deutschösterreich, du herrliches Land“, die den nicht mehr staatsoffiziellen Landesnamen beibehalten sollte. Sie wurde nicht offiziell. Die „Sozialdemokratische Arbeiter-Partei Deutschösterreichs“ führte jedoch ihre Bezeichnung weiter. Sie träumte von einer gesamtdeutschen sozialistischen Revolution, die ganz anders kommen sollte, nämlich als nationalsozialistisch-völkische Vereinnahmung 1938 mit dem vorläufigen Ende Österreichs. Das fiel gar nicht so schwer, denn es war 1918 ein Staat wider Willen gewesen. Eine Erfolgsgeschichte wurde er erst viel später.