Mit Metal gegen den Klimawandel: The Ocean veröffentlicht neue Platte
Wien (APA) - Die Beschäftigung mit komplexen Abläufen war schon immer ein Steckenpferd von Robin Staps: Der deutsche Musiker, der mit seiner...
Wien (APA) - Die Beschäftigung mit komplexen Abläufen war schon immer ein Steckenpferd von Robin Staps: Der deutsche Musiker, der mit seiner Metalband The Ocean zu den progressivsten Vertretern des Genres gehört, hat sich mit der Erdgeschichte ebenso auseinandergesetzt, wie er das Christentum äußerst kritisch abklopfte. Nun füllt er mit „Phanerozoic“ eine Lücke von 500 Millionen Jahren.
So viel Zeit liegt nämlich zwischen den Platten „Precambrian“ (2009) und „Heliocentric“ (2010) - jedenfalls aus der Perspektive der ihnen zugrunde liegenden Konzepte. „Das Prekambrium endet nun mal vor knapp 500 Millionen Jahren, während ‚Heliocentric‘ mit einem Originaltext der Bibel beginnt“, so Staps. „Diese Zeit wollte mit irgendetwas gefüllt werden - jedenfalls hat es sich so für mich angefühlt.“ Wobei er nach dem direkten Vorgänger „Pelagial“, auf dem er sich mit unterschiedlichen Schichten des Meeres auseinandersetzte, durchaus freier zu Werke gehen wollte.
„Ich habe tatsächlich nach dem Album darüber nachgedacht, etwas ohne Überbau zu schreiben“, erläuterte Staps im APA-Interview. „Es ist ja oft so, dass man sich als Musiker zwischen These und Antithese bewegt.“ Ganz ohne Thema ging es zwar diesmal auch nicht - „ein völlig konzeptfreies Punkrock-Album, das würde einfach nicht passen“ -, allerdings empfinde der Gitarrist die neuen Stücke als „lockerer“. „Es ist eine Sammlung von Songs, aber trotzdem gibt es einen Überbau. Die Leute würden sich sonst wohl denken: Hä?“, lachte Staps.
Entstanden sind die Lieder wie üblich bei Sommeraufenthalten am Meer. „Ich mag die Abgeschiedenheit. Jedenfalls bin ich nicht der Typ, der sich auf Tour im Bus mit der Gitarre hinsetzt und Riffs aufnimmt. Dafür brauche ich einen freien Kopf und weiten Horizont.“ In seiner Berliner Heimat gebe es zu viele Ablenkungen, hat Staps doch auch mit dem von ihm gegründeten Label Pelagic Records reichlich zu tun. „Aber dort, in dem kleinen Häuschen, funktioniert es wunderbar. Das Meer ist allgegenwärtig und hat eine extrem inspirierende Wirkung. Das habe ich dort ein bisschen als Ritual etabliert.“
Über einen Mangel an neuen Reizen und Einflüssen könne er sich deshalb aber nicht beklagen. „Es gibt bei mir einen Speicher: Darin nehme ich alle Erfahrungen auf und prozessiere sie. Wenn ich dann schreibe, wird das verarbeitet. Das ist ja ein unbewusster Prozess. Inspiration ist immer noch etwas, das ich nicht ganz verstehe. Auf der einen Seite kommt in diese Blackbox etwas hinein, und auf der anderen Seite kommt etwas neues heraus. Da spiegeln sich Einflüsse, die Dinge werden aber neu miteinander vermengt.“ Dass aber auch er Rockmusik nicht neu erfinden kann, darüber ist sich Staps im Klaren. „Es gibt halt nichts Neues unter der Sonne.“
Und doch ist der musikalische Ansatz, die Vermengung harter Riffs mit komplexen Songstrukturen und oft orchestralen Arrangements, bei The Ocean nach wie vor mehr als reizvoll. Zusätzlich gibt es die inhaltliche Komponente, bei der nun eben das Phanerozoikum abgehandelt wird. Konkret bei der am Freitag erscheinenden Platte „Phanerozoic I: Palaeozoic“ das Erdzeitalter Paläozoikum - ein zweiter Teil zu Mesozoikum und Känozoikum folgt als Doppelalbum voraussichtlich 2020. „Das ist natürlich ein furchtbar riesiger Zeitraum“, ist sich Staps bewusst. „Die Texte handeln indirekt von der Entstehung des Lebens, aber es werden auch Dinge eingewoben, die persönliche Bedeutung für mich haben.“
Schreibe man Musik über eine Zeit ohne Menschen, „musst du etwas Menschliches reinbringen, sonst hat es keine Relevanz“, betonte Staps. „Mein textlicher Ansatz ist das Thema Zeit gewesen, und zwar die Wahrnehmung sowie Reflexion davon.“ Dabei bedient er sich auch der Idee der „Wiederkunft des Gleichen“, dass sich bestimmte Entwicklungen also wiederholen. „Es geht um Dinge, auf die wir keinen Einfluss haben, die wir nicht verändern können, und der Frage, wie wir damit umgehen. Bestimmte Sachen wiederholen sich, egal ob man sich Lebensspannen von Einzelnen anschaut oder das Phanerozoikum als Ganzes.“
Verbunden wird das in Stücken wie „Permian: The Great Dying“ auch mit Themen wie dem Klimawandel. In dieser Hinsicht hätten die Songs durchaus eine politische Perspektive. „Ich verfolge diese Diskussion schon sehr lange und finde es erschreckend, wie da immer noch Dinge geleugnet werden, die sehr offensichtlich sind“, echauffierte sich Staps. Phänomene des Massensterbens habe es bereits mehrfach in der Erdgeschichte gegeben, und selbst wenn diese andere Ursachen gehabt haben: „Sie zeigen eine Sache sehr deutlich: die Konsequenzen.“
Auch am Ende des Perm vor rund 250 Millionen Jahren habe es eine deutlichen Temperaturanstieg gegeben. „Das war zwar eine völlig andere Sache, aber wir können uns anschauen, was daraufhin passiert ist: 90 Prozent des Lebens sind von der Erde verschwunden. Das, was wir heute sehen, ist durchaus vergleichbar, was das Ausmaß des Anstiegs betrifft. Dass darüber noch so viel Spekulation geführt wird, irritiert mich sehr. Es wird dann alles schön geredet. Was lange ein Schreckensszenario war, nämlich eine Erwärmung von zwei Grad, ist ja ein heute nicht mehr erreichbares Ziel.“ Mit dem neuen Album haben The Ocean jedenfalls ein lautstarkes Statement abgeliefert, das durchaus nachdenklich macht.
(Das Gespräch führte Christoph Griessner/APA)
(S E R V I C E - www.theoceancollective.com)
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