Wenn der oberste Türsteher gewinnt
Gregor Bloéb lässt im Wiener Akademietheater als „Der Kandidat“ herzhaft den Populisten heraushängen. Ein flotter Abend, der banal verendet.
Von Stefan Musil
Wien –„Wer ist das schon? Eine Nebenrolle aus einer Komödie von Carl Sternheim; eine ulkige Charge, die plötzlich wahnsinnig wird und sich einbildet, sie dürfe die Hauptfigur sein.“ So lässt man im Programmheft Thomas Mann zitieren, was der deutsche Dramatiker Carl Sternheim über Adolf Hitler gesagt hat. Eine Charge ist auch Herr Russek, Sternheims kaum gespielter „Kandidat“, den er sich 1913/14 von Gustave Flaubert geborgt hat. Er hat Flauberts politische Komödie übersetzt, bearbeitet und ins Wilhelminische Berlin transferiert. Regisseur Georg Schmiedleitner und Dramaturg Florian Hirsch haben sich diesen Kandidaten jetzt in unser Heute, ins Zeitalter der Populisten, geholt.
Dass das Leben, erst recht die Politik, ein Glücksspiel ist, ein immer gleicher Kreislauf, zeigt die Bühne von Volker Hintermeier: ein hinterleuchteter Ring, der sich mal schräg, mal gerade drehen lässt. Der dazu knackt und rumpelt, als würden Roulettekugeln rollen. Darüber hängt ein kreisrunder Spiegel, von Scheinwerfern gesäumt, der sich ebenfalls kippen lässt. Auch so weit, dass sich das Publikum, hell beleuchtet, darin gespiegelt sieht. Faites vos jeux! Machen Sie Ihr Spiel!
Schnell fegt das Stück über die Akademietheaterbühne. Man erlebt eine grelle, spitze Farce, in der die Figuren wie Puppen geführt werden. Ein körperliches, stark choreografiertes Theater, in dem die Bewegungen von zwei Musikern im Hintergrund mit Geräuschen und Klängen synchronisiert werden.
Im Zentrum steht natürlich der Kandidat, dem Gregor Bloéb, an der Spitze eines durchgehend tollen Ensembles, großartige Kontur gibt. Er ist der immens dumpf scheinende, offenbar nur in Gelddingen firme Multimillionär, der sich mit Anfang vierzig bereits zur Ruhe gesetzt hat.
Nun fühlt er sich verführt, in die Politik zu gehen. Dafür muss er sich einhämmern, dass er ein erzkonservativer Kandidat ist. Er verwechselt schon einmal „völkisch“ mit „volksnah“. Er switcht vom liebevollen Vater zum Monster um, das seine Tochter (Christina Cervenka) schlägt, weil die sich in den falschen, den Medienunternehmer Grübel (Florian Teichtmeister), verliebt hat. Aus Karrieregründen soll sie den vertrottelten Sohn (Valentin Postlmayr) des alten Grafen (Bernd Birkhahn) heiraten.
Dank Lügen und Erpressung kann der Kandidat eine kapitale TV-Duell-Niederlage gegen den Rivalen (Dietmar König) in einen Erdrutschsieg ummünzen. Den Weg dazu weisen ihm der Redakteur Bach, den Sebastian Wendelin messescharf zeichnet, und die clevere Anwältin (Sabine Haupt). Darüber freut sich auch Russeks exaltiert untreue Gattin (Petra Morzé).
Es ist ein Abend, der in seiner Slapstick- und comicartigen Überdrehung gut zu gehen scheint, pointiert die Verlogenheit der (populistischen) Politik vorführt, bis er am Ende in die Niederungen banaler Polemik abgleitet. Bloéb tritt plötzlich als gefährlich klarer Politiker vor, ein Volksverführer, der „oberste Türsteher des Landes“, der entscheidet, wer rein und raus darf, der die Demokratie aussetzen möchte. Das ist des Gutgemeinten doch zu viel, da sticht der Aktualisierungszeigefinger die Luft raus.
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