„Introduzione all‘oscuro“: Beethoven, Brahms und Hurch

Wien (APA) - Nach dem Tod seines „extravagantesten Freundes“ reist der argentinische Regisseur Gaston Solnicki in „manischem Kummer“ nach Wi...

Wien (APA) - Nach dem Tod seines „extravagantesten Freundes“ reist der argentinische Regisseur Gaston Solnicki in „manischem Kummer“ nach Wien, auf den Spuren seines verstorbenen Kameraden Hans Hurch. „Introduzione all‘oscuro“ untersucht zärtlich das schmerzliche Loch, das der Viennale-Direktor hinterließ. Am morgigen Freitag ist das Werk im Gartenbaukino in Anwesenheit des Regisseurs zu sehen.

Wir erfahren nicht viel über das Leben des verstorbenen Hans Hurch in Solnickis („Kekszakallu“, 2016) neuem Dokumentarfilm. Der argentinische Regisseur hat ein viel höheres Anliegen. Wir bekommen einen Eindruck vom rebellischen Geist seines verloren gegangenen Kameraden, während sich der Regisseur auf die Suche nach jenen Dingen macht, die er am meisten mit ihm verbindet. Er schnuppert an der schwarzen Seide, die Hurch für seine Anzüge benutzte, die er trug bis sie praktisch auseinanderfielen. Er frühstückt in seinem Stammcafe, dem Cafe Engländer, das einen Kaffee nach dem ehemaligen Festivaldirektor benannt hat. Wenn man hier einen „Hurch“ bestellt, dann bekommt man einen dreifachen Espresso. Die Kamera positioniert uns direkt gegenüber dem Regisseur, der dann eine Kaffeetasse in seinem Mantel verschwinden lässt - ein Stück von Hans.

Er besucht ein Gemälde, das Hurch sehr mochte, das Porträt der „Familie Schönberg“ im Museum für Moderne Kunst, gemalt während der Künstler Richard Gerstl eine Affäre mit der Frau von Arnold Schönberg hatte. In einem Schreibwarengeschäft versucht Solnicki mit der Hilfe einer Angestellten genau die Art von Kugelschreiber zu finden, die Hurch in seinen vielen Korrespondenzen mit dem argentinischen Filmemacher verwendet hat. Der geborene Oberösterreicher, so erzählt uns Solnicki, griff immer zu Postkarten, anstatt E-Mails zu schreiben.

Er besucht das Gartenbaukino, wo Hurch werkte, und dessen Grab auf dem Wiener Zentralfriedhof, wo zum Zeitpunkt der Dreharbeiten eine kleine Holztafel in aberwitzigem Kontrast zu den fast barocken Grabsteinen um ihn herum, für Koryphäen wie Beethoven und Brahms, steht. Der Hans befindet sich in guter Gesellschaft, aber - und das will Solnicki sagen - auch die Komponisten.

Der Argentinier interessiert sich nicht so sehr für die Biografie seines verlorenen gegangenen Freundes, sondern konzentriert sich in seiner fast schon slapstickartigen, zärtlich wunderlichen und unsentimentalen Trauerarbeit auf jene Dinge, die aus der Welt stammen, in der Hans Hurch lebte. Nach einer Komposition von Salvatore Sciarrino benannt, verkörpert „Introduzione all‘oscuro“ gleichzeitig ein Gefühl der Abwesenheit und Präsenz, mit sanften, aber mitreißenden Klängen und Bildern des großartigen, portugiesischen Kameramanns Rui Pocas („Zama“). Solnicki besucht nicht einfach die alten Lieblingsplätze seines Freundes, er reagiert rhythmisch in Bildern und Tönen auf Hurchs Stimme, die während der Bearbeitung seines früheren Films über Solnickis Familie „Papirosen“ (2011) aufgenommen wurde. „Nicht pervers genug“ hört man Hurch an einer Stelle sagen. „Wenn ich einen Film über meine Familie machen würde, dann wäre der sehr pervers.“

All diese Momente werden spielerisch mit Bildern vom Heldenplatz am Nationalfeiertag verknüpft. Hier, an einem Ort, der aufgeladen ist mit politischer Geschichte, spielen Kinder mit Panzern und Waffen. Das hat nichts mit Hans zu tun, weil es in dem Film fast genauso sehr um Wien wie um seine eigene Geschichte. Es ist ein Reisebericht von jemandem, der trauert, und den Menschen, den er verloren hat, in jedem Ding, an jedem Ort, in jedem Lied sucht. „Introduzione all‘oscuro“ ist ein sehr liebevolles Porträt und ein Tribut an ein gut gelebtes Leben.

(S E R V I C E - „Introduzione all‘oscuro“ läuft bei der Viennale am 2. November um 15.30 Uhr im Gartenbaukino. www.viennale.at/de/film/introduzione-alloscuro)