“Lazzaro Felice“: Großes Kino, märchenhaft
Alice Rohrwacher schafft mit ihrem dritten Film ein typisch italienisches Meisterstück voll neorealistischer Poesie.
Innsbruck –Italiens Landschaft muss oft als europäischer Sehnsuchtsort herhalten. Auch der Film „Lazzaro Felice – Glücklich wie Lazzaro“ entführt uns zunächst in eine fast mythische ländliche Idylle, gedreht ein wenig südlich der Toskana rund um Terni und Viterbo.
Der durch einen Fluss abgeschiedene Ort nennt sich passenderweise Inviolata, unangetastet. Dort lebt der junge Mann Lazzaro (Wirtschaftsstudent Adriano Tardiolo in seiner ersten Rolle). Er ist der „gute Junge“, hilft selbstlos allen anderen Dorfbewohnern bei der Arbeit, eine Art italienischer Forrest Gump. Die Bewohner leben in einer zeitlosen vorindustriellen Vergangenheit. Zunächst gibt nur die einzige, geteilte Glühbirne Hinweise auf die Zeit. Doch die Menschen leben als so genannte „Halbpächter” auf dem Land der Tabak-Produzentin Marchesa Alfonsina De Luna.
Basierend auf einer wahren Geschichte in den 1980ern, lässt sie die abgeschiedene Gemeinschaft auch nach der Abschaffung der Naturalpacht in Unwissenheit über ihre Rechte. Mit ihrem Sohn Tancredi kommt sie alljährlich zur Sommerfrische. Er und Lazzaro freunden sich an.
Es ist eine Welt, wie wir sie aus dem Neorealismus kennen: Die Armut ist wie ein Naturzustand, schön und schrecklich zugleich. Pier Paolo Pasolini hätte seine Freude gehabt an der ruralen Unschuld des Jünglings Lazzaro. Doch dann gibt Alice Rohrwacher ihrem dritten Film eine magische Wendung, die eher an Fellini erinnert. Während Lazzaro durch einen Sturz in einen langen Schlaf fällt, werden die Bewohner aus ihrer Unwissenheit und Unschuld gerettet. Es ist eine Zäsur, die zugleich einen gesellschaftlichen Übergang markiert.
Regisseurin Alice Rohrwacher: „,Lazzaro Felice‘ ist die Geschichte eines unscheinbaren Heiligen, der keine Wunder vollbringt, über keine besonderen Fähigkeiten verfügt, keine magischen Kräfte besitzt, eine Geschichte ohne Special Effects. Eine Geschichte, die von der Möglichkeit des Gutseins erzählt. Es ist ein politisches Manifest, ein Märchen über die Geschichte Italiens der letzten fünfzig Jahre, ein Lied.“
Lazzaro wacht Jahrzehnte später auf und findet das Dorf verlassen vor. Alle anderen leben nun, sichtbar gealtert, in der Peripherie der Stadt. Nur er ist derselbe unschuldige Junge.
Rohrwacher belebt hier einen magischen Realismus, der an die goldene Zeit des italienischen Kinos erinnert. Unter Mithilfe ihrer Schauspieler-Schwester Alba Rohrwacher in einer Nebenrolle erzählt sie eine wunderbare Außenseiter-Geschichte, schnörkellos wie einst bei de Sica.
Die Moral ist dabei lediglich Hintergrund einer konkreten Geschichte ohne Elends-Naturalismus, aber mit viel Gefühl für Ungerechtigkeit und meisterhaft-märchenhaftem World Building. Visuell begeistert die Kameraarbeit von Hélène Louvart mit warmen Farben und Lichtstimmungen, auf körnige 16 mm gebannt.
Die stilistische Poesie kommt ohne Überhöhung aus. Alice Rohrwacher hat mit „Lazzaro Felice“ ein großes Film-Märchen geschaffen, das dem italienischen Kino Hoffnung gibt.
Der Film gewann den Preis für das beste Drehbuch im Wettbewerb des Cannes Filmfestivals und eröffnete in Anwesenheit von Alice Rohrwacher die Viennale. (maw)
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