Modefotografin Prader: „Noch dünner heißt tot“
Kampagnen mit Jean Paul Gaultier oder Wolfgang Joop machten Inge Prader zu einer der bekanntesten Modefotografinnen Österreichs. Ein Gespräch über Ideale und Authentizität.
Von Barbara Unterthurner
Innsbruck – Anthony Hopkins, Isabella Rossellini oder Dennis Hopper. Inge Prader hatte schon viele Prominente vor ihrer Linse. Und als Modefotografin viele Models; auch wenn sie Teil vom Business ist, sieht die Fotografin manche Tendenzen kritisch. Geäußert hat sie diese Kritik vor Kurzem im Tiroler Wei sraum im Rahmen ihres Vortrags „Fashion and more – Abbildungen einer Scheinwelt“. Mit der TT sprach die gebürtige Osttirolerin über falsche Schönheitsideale und ihre fotografische Rückkehr zu den Wurzeln.
Wie bekommt man als Fotograf seine eigene Handschrift?
Inge Prader: Man entwickelt sich als Mensch und kreativ ständig weiter. Irgendwann kommen die Persönlichkeit und eigener Stil dazu. Wohl eher zufällig.
An welchen Vorbildern haben Sie sich orientiert?
Prader: Vornehmlich an den großen Namen wie Helmut Newton, Steven Meisel, Bruce Weber, die schon zu meiner Anfangszeit als Fotografin international arbeiteten. Um so eine Größe zu werden, musste man damals in die großen Metropolen pilgern. Heute hat sich viel verändert durch die Digitalisierung oder Globalisierung.
Bringt die Digitalisierung also Vorteile für zeitgenössisches Kunstschaffen?
Prader: Ja, die Welt wurde kleiner. Heutzutage kann man fast von überall aus die große Karriere schaffen. Viele junge Künstler kehren auch wieder zurück nach einer Zeit im Ausland. Ich glaube, es ist nicht mehr zwingend nötig, physisch anwesend zu sein.
Was passiert, wenn die Welt nur noch über Bilder rezipiert wird?
Prader: Dazu passt wohl der Spruch von Humboldt: „Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung derer, die die Welt nie angeschaut haben.“ Das philosophische Problem dahinter: Wie sehr kann der Mensch virtuelle Welten emotional wahrnehmen und verarbeiten?
Wie hat sich Fotografie in dieser digitalisierten, globalisierten Welt verändert?
Prader: Die künstlerische Fotografie hat sich stark verändert. Die kommerzielle Fotografie, in der ich zu 90 % zu Hause bin, hat sich vom Workflow her verändert. Auch von der Ästhetik her, weil die Möglichkeiten der digitalen Bearbeitung ganz anders sind. Die Technik hat somit auch die Bildsprache verändert.
Welche Veränderungen sollten hinterfragt werden?
Prader: In erster Linie das tradierte Schönheitsideal. Es gab in den letzten zwanzig Jahren immer eine Tendenz, in der Frauen immer jünger, immer schlanker und immer größer inszeniert wurden. Diese Tendenz ist meiner Meinung nach sehr fragwürdig, weil sie sich absolut negativ auf junge Frauen und deren Essverhalten auswirkt.
Gibt es konkrete Negativbeispiele, die Sie miterlebt haben?
Prader: Ein Schlüsselerlebnis war die Zusammenarbeit mit Wolfgang Joop, wo ich auch hinter die Kulissen der Prêt-à-porter-Schauen blicken konnte. Laufstegmodels können nicht retuschiert werden, sie müssen also noch dünner sein als Studiomodels. Wenn diese Mädchen sich backstage umziehen, ist es erschreckend. Denn das Model wird hier zum Objekt: Nicht das Kleid wird nach dem Mädchen gemacht, sondern das Mädchen nach dem Kleid.
Wie ist der Laufstegtrend zu anderen Extremen erklärbar?
Prader: Jean Paul Gaultier etwa holte die extrem füllige Beth Ditto auf den Laufsteg, aber das ist ein Kuriosum. Da geht es um den Celebrity-Faktor, ums Auffallen. Das ist aber nicht der Durchschnitt. Ähnlich ist das Argument, dünne Models gab es schon immer. Dann kramt man Twiggy hervor, die in den Siebzigern schon extrem dünn war. Aber sie war damals das Kuriosum – das ist das Entscheidende. Heute ist es umgekehrt. Die Frage ist, wohin sich das entwickelt; ich meine, noch dünner heißt dann tot.
Was kann die Öffentlichkeit, die Politik dagegen tun?
Prader: Ich persönlich engagiere mich in einem Verein gegen diese Schönheitsideale. Von der letzten Frauenministerin kam die Idee, dass Fotos in Magazinen mit einer Art Ampel gekennzeichnet werden, je nach Grad ihrer Retusche: Grün für nicht retuschiert, Rot für schwerst retuschiert. Leider in dieser brutalen Werbewelt keine praktikable Lösung.
Sind die erlebten Negativerlebnisse Grund für Ihre „Flucht“ in andere Genres?
Prader: Ich würde es eher mit „Prioritäten setzen“ beschreiben als mit „Flucht“. Diesen großen Druck der Werbeagenturen möchte ich mich im Alter nicht mehr aussetzen. In Buchprojekten wie meinem letzten Kochbuch ist das Arbeiten viel freier. Eine große Leidenschaft sind außerdem Porträts. Mich reizt es, auch bei Menschen, die oft fotografiert wurden, ein Bild zu finden, das neu ist.
Welches Bild zeigen Sie von Ihrer Heimat in Büchern wie „Grauvieh Tirol“ oder „Wie schmeckt Osttirol“?
Prader: Das war ein großer Luxus für mich, weil ich keine schönen Bücher über Osttirol kenne. Natürlich gibt es klassische Bergfotografie, ich strebte aber jeweils ein Porträt meiner Heimat an. Ein Jahr lang habe ich Menschen, Produkte, junge Leute, die Tradition kultivieren, fotografiert. Ein Dogma war es, nicht zu schönen. Werbebilder von Tirol sind oft idealisiert, zu sehr den Klischees entsprechend. Das ist wie bei den Models: Es entsteht eine Scheinwelt, die nicht die Realität ist. Ich wollte ein authentisches, realistisches Bild zeigen, das auch in Tirol nicht immer schön ist – ich aber dennoch schön finde.
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