18.479-mal in Kufstein Schutz gesucht: Gewalt an Frauen bleibt Thema

Die Kufsteiner Frauen- und Mädchenberatungsstelle Evita setzt ein Zeichen gegen Gewalt. Die Zahlen der 10-Jahres-Bilanz sprechen für sich.

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© Evita

Kufstein –Seit gestern weht am Oberen Stadtplatz in Kufstein eine blaue Fahne. „Nein zu Gewalt“ und „frei leben“ ist darauf zu lesen. Aber was bedeuten diese Begriffe eigentlich? Gewalt hat viele Gesichter und oft ist es Frauen nicht bewusst, dass sie bereits Opfer davon sind, weiß Christine Wright-Kainer, GF der Frauen- und Mädchenberatungsstelle Evita. Seit 10 Jahren werden in der Kufsteiner Kriseneinrichtung Frauen und Mädchen kostenlos psychologisch, juristisch und administrativ betreut und beraten. Allein in diesem Jahr nahmen 245 Klientinnen dieses Angebot in Anspruch.

Die Bankomatkarte abnehmen, den Umgang mit Bekannten verbieten, Drohungen aussprechen – „Gewalt hat mit Grenzüberschreitung zu tun. Mit dem Wort können viele zunächst wenig anfangen. Sie kennen nur Angst, Druck und Not. Mit Gewalt verbinden sie ein blaues Auge. Dass bereits Schwellen überschritten wurden, muss man ihnen erst aufzeigen“, meint Wright-Kainer. Neben der körperlichen sei es immer wieder die psychische, sexuelle oder ökonomische Gewalt, die den Frauen das Leben schwermache, dieses sogar gefährde.

In heiklen Situationen werden die Hilfesuchenden in einer zentral gelegenen Notwohnung in Kufstein untergebracht. 147 Frauen und 106 Kinder haben seit der Eröffnung im August 2008 dort Schutz gefunden. Die Aufenthaltsdauer war zunächst auf sechs Monate begrenzt, heute reicht diese Zeit oft nicht aus. Die Lage am Wohnungsmarkt habe sich derart verschärft, dass es immer wieder aussichtslos sei, für Klientinnen und ihre Kinder eine leistbare Unterkunft zu finden. „Die Frauen sind meist nicht berufstätig und alleinerziehend. Viele haben einen Migrationshintergrund und sind im Bezirk nicht verwurzelt. Sie haben also keine Familie oder Freunde, bei denen sie unterkommen können“, erklärt die klinische und Gesundheitspsychologin Wright-Kainer.

Seit der Eröffnung 2008 wurden bei Evita 18.479 Nächtigungen verzeichnet. Während die Beratungsstelle überwiegend österreichische Staatsbürgerinnen aufsuchen, sei „Migration ein großes Thema“ bei Klientinnen in der Frauennotwohnung. „Bei Frauen aus Syrien oder Afghanistan ist das noch nicht im Kopf verankert, dass Gewalt verboten ist und es dafür Gesetze gibt. Wir arbeiten eng mit den Asylheimen zusammen, dort werden Frauen und Kinder immer wieder geschlagen. Das wird eine große Herausforderung in der Integrationsarbeit. Auch bei uns hat es Jahrzehnte gedauert, bis Gewalt überhaupt ein Thema war“, sagt die zweite Evita-Geschäftsführerin Brigitt­e Winkler.

Allein in diesem Jahr suchten 17 Frauen mit 11 Kindern die Notunterkunft auf. Sie kamen nicht nur aus dem Bezirk Kufstein, sondern auch aus dem Raum Schwaz und Kitzbühel. Finanziert wird die Einrichtung hauptsächlich aus öffentlichen Geldern. Etwa die Hälfte des mit 150.000 Euro pro Jahr bezifferten Budgets stammt vom Land, ein Viertel vom Bund. Die Stadt Kufstein beteiligt sich mit sieben Prozent, 20 umliegende Gemeinden teilen sich gerade einmal 1,4 Prozent. „Wir versuchen immer wieder, andere Gemeinden zu überzeugen, schließlich kommen die Frauen auch aus ihren Gebieten“, hofft Winkler einmal mehr auf Unterstützung.

Auf Spenden sei die Einrichtung jedenfalls angewiesen. Mit der blauen Fahne beteiligen sich Evita und die Stadt Kufstein an der internationalen Kampagne „16 Tage gegen Gewalt“, sie wollen damit ein Bewusstsein schaffen. Wright-Kainer plädiert: „Gewalt ist kein rein privates Thema, man kann sich Hilfe holen.“ (jazz)


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