Fast 4,2 Millionen deutsche Vollzeitbeschäftigte mit Niedriglohn
Berlin (APA/AFP/dpa) - Knapp 4,2 Millionen Vollzeitbeschäftigte in Deutschland arbeiten für einen Lohn, der weniger als zwei Drittel des mit...
Berlin (APA/AFP/dpa) - Knapp 4,2 Millionen Vollzeitbeschäftigte in Deutschland arbeiten für einen Lohn, der weniger als zwei Drittel des mittleren Stundenlohns beträgt. Das waren im vergangenen Jahr auf ganz Deutschland gerechnet 2.139 Euro im Monat, für den Osten galt eine Schwelle von 1.733 Euro, geht aus einer Antwort der Regierung auf Anfrage der Linksfraktion im Bundestag hervor.
Die Beschäftigten machten mehr Überstunden. Zu niedrigen Löhnen arbeiten demnach vor allem Frauen und Ostdeutsche. Die Vize-Fraktionsvorsitzende Susanne Ferschl forderte daher am Freitag „im Interesse der Menschen, des sozialen Zusammenhalts und der politischen Stabilität“ einen Mindestlohn von mindestens 12 Euro. Zuerst hatte die „Bild“-Zeitung am Freitag über die Zahlen berichtet.
Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigten stieg den Angaben zufolge von 1999 bis 2017 nur geringfügig um 1,6 Prozent: von 21,61 Millionen auf 21,95 Millionen. Rund jeder Fünfte dieser Gruppe arbeitete demnach für einen Lohn unter der sogenannten Niedriglohnschwelle - die Zahl stieg von 3,84 Millionen 1999 auf 4,17 Millionen im Jahr 2017.
Bei den Frauen beträgt der Anteil der Niedriglöhner den Angaben zufolge rund 27 Prozent, bei den Männern sind es rund 16 Prozent. In Ostdeutschland lag der Anteil der vom Niedriglohn betroffenen demnach mit 33,6 Prozent im Jahr 2017 doppelt so hoch wie in Westdeutschland mit 16,7 Prozent. In Mecklenburg-Vorpommern liegt die Quote demnach sogar bei 39,5 Prozent, in Sachsen bei 37 Prozent.
„Die Erfolgsmeldungen am Arbeitsmarkt verkehren sich bei genauerer Betrachtung in ihr Gegenteil“, kritisierte Ferschl. „Wenn jeder fünfte Vollzeitbeschäftigte zum Niedriglohn schuftet, dann muss Politik handeln.“ Der Befund sei nicht nur für alle betroffenen Beschäftigten eine individuelle Katastrophe, er berge auch gesellschaftlich gewaltigen sozialen und politischen Sprengstoff.
Im vergangenen Jahr haben die Beschäftigten in Deutschland nach einem Medienbericht so viel Mehrarbeit geleistet wie seit 2007 nicht. Sie häuften 2,127 Milliarden Überstunden an - doch nur die Hälfte der zusätzlich geleisteten Stunden sei vergütet worden, rund eine Milliarde Stunden sei unbezahlt geblieben, geht nach einem Bericht der „Rheinischen Post“ (Freitag) aus der Antwort der deutschen Regierung auf eine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag hervor. Demnach hat die Zahl der Überstunden von Voll- und Teilzeitbeschäftigten im Vergleich zu 2016 um rund elf Prozent zugenommen.
Durchschnittlich habe jeder abhängig Beschäftigte im Jahr 2017 jeweils knapp 27 bezahlte und unbezahlte Überstunden gemacht, insgesamt entspreche das etwa 0,6 pro Woche. Im ersten Halbjahr 2018 lag die Zahl der Überstunden den Angaben zufolge bereits bei 1,1 Milliarden.
Die Linken-Arbeitsmarktpolitikerin Jessica Tatti sieht dringenden Handlungsbedarf. „Die Zahlen sind skandalös und legen offen, dass sich viele Arbeitgeber auf dem Rücken ihrer Beschäftigten bereichern“, sagte sie dem Blatt. Für Unternehmen zahle sich das aus. Allein im Jahr 2017 hätten sie über 36 Milliarden Euro gespart, weil die Beschäftigten Überstunden zum Nulltarif geleistet hätten.
Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund ist alarmiert. „Die Zahl der geleisteten Überstunden hat in 2017 ein unerträgliches Maß erreicht und bedeutet ein hohes gesundheitliches Risiko für die Beschäftigten“, sagte DGB-Chef Reiner Hoffmann der Zeitung. Ein regelrechter Skandal sei die Tatsache, dass die Hälfte der Überstunden nicht bezahlt werde.