Israelis sehen Hisbollah-Tunnels an Grenze zu Libanon (noch) gelassen

Kiryat Shmona (APA) - Der niederländische Holocaust-Überlebende Josef Abas (77) kam Mitte der 1950er Jahre nach Israel, weil er das Gefühl h...

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Kiryat Shmona (APA) - Der niederländische Holocaust-Überlebende Josef Abas (77) kam Mitte der 1950er Jahre nach Israel, weil er das Gefühl hatte, dass sich der Judenmord wiederholen könnte. Jetzt ist er von Feinden Israels umzingelt. Nördlich, westlich und östlich des nordisraelischen Kibbutz Misgav Am sitzt die Hisbollah-Miliz. Abas zeigt auf eine große Staubwolke. Dort zerstöre Israels Armee einen Hisbollah-Tunnel.

„Die Leute aus Tel Aviv sagen mir: Du bist verrückt, wie kannst Du hier leben“, erzählt Abas in Deutsch mit niederländischem Akzent. Er selbst fühle sich hier sicherer. In Tel Aviv wisse man nicht, woher die Gefahr komme, sagt er mit Blick auf Bombenanschläge in der Metropole. „Hier wissen wir es: Von der anderen Seite des Zauns. Und wir sind nie allein“, verweist er auf die Armeepräsenz in der auf über 842 Meter Seehöhe gelegenen Siedlung mit rund 300 Bewohnern, die Weintrauben, Hühner, Avocados und Zitrusfrüchte anbauen. Auch Abas Kollege Bezalel Lev Tov betont: „Hier ist es sicherer als in Tel Aviv.“

Die Entdeckung des Tunnels durch die israelische Armee sei ein großer Erfolg, sagt Abas. Die am Montag begonnene Militäraktion an der neun Meter hohen Betonmauer sei dabei erst der Anfang, schließlich habe die israelische Armee noch weitere Tunnel identifizieren können. „Die Tunnel waren das größte Geheimnis, das sie (die Hisbollah-Miliz, Anm.) hatten. Aber unsere Armee hat sie entdeckt“, freut sich Abas, der deutschsprachigen Reisegruppen den Kibbutz am nördlichsten Ende Israels zeigt.

Freilich ist nicht zu übersehen, dass die mit dem Iran verbündete schiitische Extremistenmiliz Israel in den vergangenen Jahren immer näher gerückt ist. „Ich weiß nicht, aber es sieht nicht gut aus. Sie bringen die ganze Zeit mehr und mehr Sachen her“, verweist er auf die rege Bautätigkeit auf der anderen Seite der Grenze.

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In Misgav Am zeigt sich, wie die sich die Gewichte in der Region in den vergangenen Jahren verschoben haben. Lev Tov zeigt in Richtung Westen, wo auf einem Hügel ein großes UNO-Gebäude steht. „Wir nennen sie United Nothing (Vereinigtes Nichts, Anm.), weil sie nichts tun“, kritisiert er die Vereinten Nationen. Früher sei dort eine israelische Stellung gewesen. Ganz nahe an der UNO-Stellung sind zwei unscheinbare Gebäude zu sehen, neben denen eine große weiße Fahne weht. Sie bedeutet aber das Gegenteil von Kapitulation. Hier an der israelischen Grenze trage die Hisbollah nämlich weiß, wird der österreichischen Journalistengruppe erklärt.

Blickt man nach Norden, sind zahlreiche Gebäude an einem Berghang zu sehen. Es handelt sich um christliche Dörfer, die aber in den vergangenen Jahren unter Kontrolle der Hisbollah geraten sind. Rohbauten, die immer näher an die Grenze rücken, zeugen von den Bemühungen der Terrormiliz, sich in der Region festzusetzen. „Im ersten Stock wohnen Leute, im Erdgeschoss lagern die Waffen“, sagt Lev Tov.

Von den wiederkehrenden kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Israel und dem Libanon war der Kibbutz weitgehend verschont geblieben. Der letzte tödliche Zwischenfall liegt zwei Jahre zurück und hatte einen eher banalen Hintergrund. Weil Bäume der landwirtschaftlichen Kooperative über die Grenze gewachsen seien, habe die israelische Armee eine Einheit geschickt, um sie zu entfernen. Scharfschützen hätten den Kommandanten erschossen, erzählt Abas.

Nur eine halbe Stunde Fahrt über eine kurvige Bergstraße entfernt liegen die Golanhöhen, die Israel seit dem Jahr 1967 besetzt halten. Über die rostigen Schützengräben auf 1.165 Meter Seehöhe kraxeln heute Touristen aus verschiedenen Ländern, das Lokal heißt „Coffee Annan“, benannt nach dem früheren UNO-Generalsekretär Kofi Annan.

Der Blick hinunter auf Syrien zeigt ein friedliches Bild. Seit dem Sommer ist das Gebiet wieder fest in den Händen der Regierungstruppen, doch ist Israel besorgt, dass sich dort ähnlich wie an der libanesisch-israelischen Grenze die Hisbollah festsetzen könnte. Dann hätte man es auch an der nordöstlichen Grenze mit der Miliz zu tun, die von der israelischen Regierung als Instrument des iranischen Erzfeindes angesehen wird.

Ein israelischer Sicherheitsexperte berichtet auf den Golanhöhen davon, dass die Hisbollah Freiwillige in der Grenzprovinz Daraa anwerbe, um Kämpfer gegen Israel zu haben. Außenamtssprecher Emanuel Nahshon ist noch deutlicher. „Es hat eine Reihe von Versuchen gegeben, eine zweite Front auf den Golanhöhen zu eröffnen“, sagt er gegenüber österreichischen Journalisten mit Blick auf die Hisbollah. Der syrische Präsident Bashar al-Assad „ist nicht willens und fähig, die Iraner zu stoppen“, warnt Nahshon.

Könnte der wachsende internationale Druck, etwa die neuen Sanktionen der USA gegen das Atomprogramm, Teheran dazu verleiten, über die Hisbollah eine Art „Entlastungsangriff“ auf Israel zu starten? „Das ist nicht unmöglich“, sagt Nahshon. Doch Israel habe klar gemacht, dass es dann das Nachbarland ins Visier nehmen werde. „Wenn uns die Hisbollah angreift, wird nicht nur Hisbollah den Preis zahlen, sondern der Libanon“, warnt der Sprecher. „Am Ende könnte das die Zerstörung des Libanon bedeuten. Und wir könnten uns vielleicht nicht auf darauf beschränken“, fügt er in Anspielung auf den Iran hinzu.

Das gut beschützte 300-Seelen-Kibbutz Misgav Am wird wohl auch in diesem Fall eher auf der sicherer Seite liegen. Es ist aber gut möglich, dass in seiner unmittelbaren Umgebung die ersten Weichen für einen heißen Krieg zwischen Israel und dem Iran gestellt werden könnten.

(Die Besuche wurden vom israelischen Außenministerium organisiert.)


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