Die gute Geschichte: „Alle haben geglaubt, wir sind bereits tot“

Nach einem Murenabgang stand eine siebenköpfige Familie vor dem Nichts. Die Caritas-Soforthilfe hinterließ gleich doppelt positive Spuren.

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Christl Stadlberger mit dem Foto ihrer damaligen Familie.
© Suitner

Navis –Die geborene Naviserin Christl Stadlberger (damals Hurth) musste in ihrem Leben bereits mehrere Schicksalsschläge verkraften – einen davon im Jahr 1975. Die damals fünffache Mutter errichtete gerade gemeinsam mit ihrem Mann ein neues Wohnhaus, als am Abend des 29. Juli nach einem Unwetter eine große Mure in Navis abging. Die junge Familie war zu diesem Zeitpunkt während der Bauphase in einem Nebenhaus des Gasthauses Schönblick in Innernavis untergebracht. Christl hat gerade für ihren Mann und Schwager, die zuvor auf der Baustelle waren, gekocht – ihre fünf Kinder waren bereits im Bett, als die Mure haushoch in das Wohngebäude eindrang: „Wir waren bis zum Hals im Dreck. Im Kinderzimmer hat nur noch die Hand meiner Tochter Gertrud herausgeschaut.“ Christls Mann hat mit bloßen Händen die Terrassen-Türe eingeschlagen, um die Kinder aus dem Zimmer zu holen: „Meine Kinder waren voller Schlamm.“

Da das Haus, in dem die Familie vorübergehend wohnte, von den Schlammmassen umzingelt war, konnten auch die anderen Nachbarn nicht helfen: „Alle haben geglaubt, wir sind bereits tot“, blickt die heute 72-jährige Pensionistin auf diese schreckliche Nacht zurück. Doch wie durch ein Wunder gelang es ihrem Mann, alle Kinder zu befreien und die Familie zum benachbarten Klausnhof in Sicherheit zu bringen. „Albert Peer aus der Nachbarschaft brachte meinen Mann sofort ins Spital, weil er sich die Schlagadern beim Einschlagen der Terrassen-Türe aufgeschnitten hatte.“

Mitten unterm Hausbau stand die junge Familie plötzlich vor dem Nichts: „Mein Bruder Seppl hat in den Schlammmassen noch eine Muttergottes und die Brieftasche mit dem Monatslohn meines Mannes gefunden, dafür bin ich heute noch sehr dankbar.“

Vorerst kam die Familie beim Halder-Hof, später bei Christls Mutter Katharina, die sie sehr unterstützt hat, unter. Die Nachbarn brachten Kleidung, Pfarrer Laimer beschaffte Möbel für das im Rohbau befindliche Familienhaus, Monsignore Karl Singer ermöglichte in St. Michael einen Familienurlaub und von der Caritas erhielt die Familie Soforthilfe: „Die Caritas hat mir sofort 10.000 Schilling ausbezahlt. Das habe ich nie vergessen.“ Als Christl Stadlberger Jahre später gefragt wurde, ob sie für die Caritas haussammeln gehen würde, sagte sie sofort zu: „Ich wollte etwas zurückgeben und Menschen helfen, die in ähnlichen Situationen sind, wie wir damals waren. Bereits meine Großmutter und Mutter sagten immer zu mir: ‚Geben macht nicht arm.‘“ Seit 1995 ist die 72-Jährige als Caritas-Haussammlerin unterwegs und will diesen ehrenamtlichen Dienst für Menschen in Not auch künftig noch lange ausführen. (TT)

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