Die Gute Geschichte: In der Herberge Geborgenheit finden

Die Fluchtgeschichte eines Syrers, der im Hospiz sein (letztes) Zuhause gefunden hat.

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Herr A. und Carina Walzthöni, Mitarbeiterin im Hospiz.
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Innsbruck — Herr A. ist Patient auf der Hospiz- und Palliativstation. Der junge Mann ist vor einem Jahr von Syrien nach Österreich geflüchtet. In vielen Gesprächen erzählte er immer wieder von den schrecklichen Bildern, die er mitansehen musste. Kinder und Erwachsene, die am Ende ihrer Kräfte waren, Menschen, die verstarben und Menschen, die von der vertrauten Heimat Abschied nehmen mussten. Wenige Wochen nachdem Herr A. die gefährliche Flucht nach Österreich überlebt hatte und sich in Sicherheit wog, wurde bei ihm Krebs diagnostiziert. Die Erkrankung ist schon sehr weit fortgeschritten und hat sich im Körper bereits ausgebreitet - Heilung nicht mehr möglich.

Herrn A. wurde bewusst, dass seine Lebenszeit begrenzt ist. Er hat trotz seiner kurzen Aufenthaltsdauer in Österreich ein beeindruckendes, gutes soziales Umfeld. Jeden Tag bekommt er Besuch von unterschiedlichsten Menschen. Gemeinsam wird, wie es in seiner Tradition üblich ist, täglich gekocht und meist zusammen gegessen. Die Freude und der Spaß am gemeinsamen Essen, tiefe Gespräche und Emotionen zu zulassen sind ein Ritual. Die Herzlichkeit und Wärme zwischen den Menschen zeugen von unbeschreibliche Nächstenliebe. „In unsere Gesellschaft ist das gemeinsame Essen meist in den Hintergrund gerückt und Stress bestimmt unseren Alltag. Diese Menschen haben mir die Wichtigkeit und Bedeutung des gemeinsamen Essens aufgezeigt", sagt Carina Walzthöni, die Herrn A. im Hospiz begleitet.

Vor allem in der Nacht hatte Herr A. anfangs häufig Alpträume, war unruhig und sehr traurig allein zu sein. Durch viele Gespräche, Zuwendung und vertrautes Personal des Hospizes konnte die Angst gelindert werden. „Als ich mich näher mit seiner Biografie beschäftigte, fand ich heraus, dass er gerne was unternimmt. Im interdisziplinären Team wurden unterschiedliche Ausflüge geplant. Jedes Mal ist er dankbar für das Ereignis. Er kann für einige Stunden einfach seine Erkrankung vergessen", freut sich Walzthöni.

Das Hospizteam bezeichnet er als seine Schwester und Brüder. Das heißt in seinem Land nicht Krankenschwester, sondern ein Teil seiner Familie zu sein. „Ein Stück Heimat zu sein, ist ein unsagbares Geschenk und berührt und ehrt mich wahnsinnig. Heimat hat etwas Geborgenes, ist Gemeinschaft und bedeutet angekommen zu sein. Immer wieder denke ich über Herr A. nach. Er hat mir aufgezeigt, dass jeder Einzelne großes in unserer Arbeit leistet. Der hospizliche Auftrag ist es, Herberge und Heimat zu sein", steht für Walzthöni fest. (TT)


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