Weihnachten ohne Streit? So bleibt der Familienfriede erhalten

Stress, Streit und Sorgen: Gerade beim Weihnachtsessen kann es mit dem Familienfrieden schnell vorbei sein. Auch das Herzinfarkt-Risiko ist am Heiligen Abend besonders hoch. Psychologin Karin Urban hat Tipps parat.

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Am Weihnachtstisch können nicht nur die Lebkuchenmänner schnell in Streit geraten. Respekt und Achtung sind dann gefragt.
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Von Deborah Darnhofer

Innsbruck –Es soll das Fest der Liebe sein. Alle sitzen am gedeckten Tisch, die Nudelsuppe dampft, der Christbaum leuchtet und alle haben gute Laune. Der Weihnachtsfrieden wird von Film und Werbung gerade so schön befeuert. Er kann aber schnell dahin sein.

„Die Weihnachtszeit ist auch krisenbehaftet“, meint Psychologin Karin Urban, Leiterin des Tiroler Zentrums für Ehe- und Familienfragen. So verzeichnet die telefonische Hilfe für Kinder und Jugendliche „Rat auf Draht“ auch gerade besonders viele Anrufe. „Je näher der Heilige Abend rückt, desto mehr Kinder und Jugendliche spüren die Anspannung zuhause“, berichtet Birgit Satke, Leiterin des Telefonnotdienstes, in einer Presseaussendung.

Doch nicht nur Kinder sind betroffen. Schwedische Forscher haben herausgefunden, dass Weihnachten sogar lebensbedrohlich sein kann. Das Herzinfarkt-Risiko sei in dieser Zeit besonders hoch, schreiben sie in der Weihnachtsausgabe des British Medical Journal. Die Mediziner hatten mehr als 280.000 Herzinfarkte analysiert. Demnach steige das Risiko am Heiligen Abend um 37 Prozent. Eindeutige Gründe für das erhöhte Herzinfarkt-Risiko lassen sich aus den Daten nicht schließen. Doch die Forscher weisen vorsichtig auf emotionalen Stress, Alkoholkonsum und belastende Gefühle wie Wut und Trauer hin.

Der Weihnachtsfrieden ist für viele eine unerfüllte Sehnsucht. Tante Erna redet kein Wort mit Onkel Franz, die Tochter spielt beim Essen trotzig mit dem Handy. Der Opa erzählt seine Geschichte zum hundertsten Mal. Mama und Papa streiten in der Küche.

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„Weihnachten ist oft überfrachtet mit hohen Erwartungen, Idealbildern, aber auch Befürchtungen und Ängsten“, erklärt die Innsbrucker Psychologin. Werbung und Fernsehen suggerieren harmonische Bilder. Auch die Erinnerungen an die eigene Kindheit spielen eine große Rolle. Doch: „Jeder sollte beim Weihnachtsessen hohe Erwartungen herunterschrauben“, lautet Urbans wichtigster Ratschlag. Dabei gehe es um eine Anpassung an die eigene Realität. „Ideale sind nicht erfüllbar“, gibt die Psychologin zu bedenken. Zufriedenheit könne nicht auf diesen einen Tag fokussiert werden. Lieber sollten sich alle fragen: Wie kann für unsere Familie in unserer eigenen Situation ein schönes und gutes Fest gefeiert werden? Das ginge schon bei der Planung los: Müssen etwa alle Verwandten eingeladen werden? Sollen Tante und Onkel wirklich nebeneinander sitzen und der Ex-Mann mit seiner neuen Freundin mitfeiern?

Kinder, deren Eltern sich getrennt haben, „brauchen besondere Zuwendung, denn häufig werden an den Feiertagen Wunden aufgerissen, die als längst verheilt gelten. Es ist daher wichtig, die Kinder mit ihren Gefühlen nicht allein zu lassen“, meint Satke. Mit den Ex-Partnern am Weihnachtstisch zu sitzen und so tun, als ob nichts wäre, könne nach hinten losgehen. „Das spüren die Kinder, auch kleine nehmen die Atmosphäre schon wahr. Gerade bei Trennungen oder Patchwork-Familien darf man auch neue Formen des Feierns finden“, will Urban beruhigen.

Flexibel sein, nicht unter Druck setzen lassen und Feiern frühzeitig ansprechen, rät sie und etwa an Heiligabend mit einem Familienteil, am nächsten Tag mit dem anderen Teil feiern. Sind die Lieben am Tisch versammelt, sollten länger schwelende Familienkonflikte ausgespart werden. „Was ich dir schon immer einmal sagen wollte, lieber Onkel …“, sollte man sich besser für später aufheben, raten die Expertinnen. Wenn das Fest und der Stress vorbei sind, könne man entspannter reden.

Damit am Weihnachtstisch eine gute Unterhaltung zustande kommt, sind Respekt und Achtung voreinander ganz wichtig. „Richtiges Interesse ist gefragt. Was interessiert mich am Opa oder was interessiert ihn?“, sagt Urban. Auch der letzte Urlaub, Skitag oder ein anstehender Ausflug können für guten Gesprächsstoff sorgen. Hilft alles nichts und bricht Streit aus, sei Offenheit angebracht. „Die Meinungsverschiedenheit direkt ansprechen und fragen, ob man es auf später vertagen kann. Hilfreich ist auch, sich einzugestehen, dass man nicht übereinstimmt.“ Harmonie müsse schließlich nicht bedeuten, dass alle einer Meinung sind.

Nützliche Nummern

142 (tägl. 0—24 Uhr): vertrauliche kostenlose Telefonseelsorge.

147 (tägl. 0—24 Uhr): „Rat auf Draht" für Kinder und Jugendliche.

0512/580871 (ab 9 Uhr, nicht erreichbar: 20.12. bis 7.1.): Zentrum für Ehe- und Familienfragen.


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