200 Jahre „Stille Nacht“: Die Geschichte eines Weihnachtslieds

Am Heiligen Abend 1818 sangen Josef Mohr und Franz Xaver Gruber zum ersten Mal ihr Weihnachtslied in Oberndorf. Tiroler Sänger trugen „Stille Nacht“ hinaus in die Welt, wo es bis heute die Menschen auf allen Kontinenten bewegt.

Schnee, ein Christbaum und "Stille Nacht": So stellen sich viele das Weihnachtsfest vor.
© iStock

Von Monika Schramm

Innsbruck – Ein Glöcklein klingelt hell. Die Tür zur Stube geht auf. Dutzende Kerzen tauchen den Raum in warmes Licht, während sich die flackernden Flammen in den glänzenden Kugeln spiegeln. Kurz ist es ganz still, dann klingen die ersten Akkorde – und alle stimmen in „Stille Nacht“ ein. Für einen kleinen Moment scheint es, als würde die ganze Welt inne halten. Alle Sorgen sind vergessen. Ein warmes Gefühl der Geborgenheit breitet sich aus. Das Gefühl von Weihnachten. Und auch wenn die Kindertage lang vorbei sind, „Stille Nacht“ holt ihn zurück, den Zauber der Weihnachtsnacht.

Ob ihn die Oberndorfer an jenem Heiligen Abend 1818 gespürt haben, als das Lied zum ersten Mal erklang? Wahrscheinlich. Denn auch 200 Jahre später hat „Stille Nacht“ nichts von seiner Kraft, die Menschen zu berühren, verloren. Dabei steckt dahinter kein Haydn und kein Mozart. Ein Hilfspfarrer aus Salzburg und ein Lehrer aus Oberösterreich haben in kurzer Zeit das wohl bekannteste Weihnachtslied geschaffen. Und Tiroler haben es hinaus in die weite Welt getragen.

Ein Gedicht wird zum Lied

Bereits 1816 verfasst Josef Mohr die Textzeilen. Der 24-Jährige hat gerade seine erste richtige Stelle als Hilfspfarrer in Mariapfarr angetreten – der Heimatgemeinde seines Vaters, den er wohl nie getroffen hat. Der ist im Krieg gefallen. Aber der Großvater lebt noch, als der junge Mohr in die Gemeinde kommt. Anfang 1816 stirbt er jedoch mit 86 Jahren – der Enkel versieht ihn selbst mit den Sterbesakramenten.

In diesem Jahr tritt Franz Xaver Gruber seinen Dienst als Schullehrer in Arnsdorf und Kantor und Organist in Oberndorf an. Ein Jahr später beginnt Mohr dort seinen Dienst als Hilfspriester. Die beiden werden Freunde, musizieren oft gemeinsam. Am 24. Dezember 1818 gibt der Hilfspriester sein zwei Jahre altes Gedicht dem Freund. „Mit dem Ansinnen eine heirauf passende Melodie für 2 Solostimmen samt Chor und für eine Guitarre-Begleitung schreiben zu wollen“, schreibt Gruber am 30. Dezember 1854 in seiner „Authentischen Veranlassung zur Composition des Weihnachtsliedes ‚Stille Nacht, heilige Nacht!‘“.

jobs.tt.com: Suchen und gefunden werden

Laden Sie Ihren Lebenslauf auf jobs.tt.com hoch und werden Sie von Top-Arbeitgebern aus Tirol gefunden.

Der Legende nach deshalb, weil Kirchenmäuse den Blasebalg der Orgel angenagt hatten und das Instrument deshalb zur Christmette nicht einsatzbereit war. Historisch belegt ist der Ausfall der Orgel aber nicht. Wahr ist, dass Gruber die Zeilen sofort vertont. Die „einfache Komposition“, wie der Lehrer sie nennt, gefällt Mohr. Und noch am selben Heiligen Abend tragen Mohr, der Tenor und Gruber, der Bass, der selbst die Gitarre spielt, das Lied in der Kirche vor. Und es „fand allgemeinen Beifall“, schreibt Gruber 36 Jahre später. Wahrscheinlich spielen sie das Lied aber nicht in der Mette, sondern erst danach bei einer damals üblichen Krippenandacht.

Ein Orgelbauer bringt „Stille Nacht“ nach Tirol

Vermutlich geben Gruber und Mohr ihr Weihnachtslied an Freunde und Kollegen weiter, die Noten und Text abschreiben. Wie auch Grubers erstes Notenblatt sind nicht alle Abschriften erhalten. Die älteste ist wohl im Liederbuch von Blasius Wimmer, seit 1818 Lehrer und Organist in Waidring, zu finden gewesen. Doch das 1819 begonnene Buch ist verschollen.

Einer, der eine Abschrift „Stille Nacht“ bekommt, ist der Tiroler Orgelbauer Carl Mauracher. Der Zillertaler repariert Anfang der 1820er-Jahre mehrere Orgeln im Salzburger Land – auch die in Arnsdorf. 1825 ist er in Oberndorf, um – nach Grubers Plänen – eine neue Orgel zu bauen. Der Priester und der Tiroler werden Freunde. Und so nimmt wohl Mauracher das Weihnachtslied mit in die Heimat.

Kriege und schlechte Ernten haben im Laufe der Jahre ihre Spuren hinterlassen. Nun besteht endlich Hoffnung auf Frieden. Aber die Winter sind für Tiroler Bergbauern ein Problem. Die meisten sind quasi arbeitslos. Deshalb sind sie in der kalten Zeit als Händler unterwegs. Auf den Weihnachtsmessen in Europa verkaufen sie warme Handschuhe, Bettwäsche, hochwertige Öle – und singen. So auch die Familie Strasser aus Laimach bei Hippach.

Die Familie Strasser und „Stille Nacht“

1831 sind Anna, Josef, Amalie und Caroline mit ihrem Vater Lorenz auf der Leipziger Weihnachtsmesse. Die vier Geschwister singen, um auf ihren Stand aufmerksam zu machen. Eines ihrer Lieder: „Stille Nacht“. Das hört auch der Organist der katholischen Gemeinde. Er bittet die Zillertaler, es in der Kapelle der Pleißenburg bei der Christmette zu singen. Ob sie das während des Gottesdienstes oder im Hof der Pleißenburg tun, ist nicht belegt. Sicher ist: Im folgenden Jänner singen die Geschwister während der Pause eines Konzerts im Leipziger Gewandhaus ein Ständchen – und bekommen für ihre „Tyroler National-Lieder“ eine ausgezeichnete Kritik in der Allgemeinen Musikzeitung.

Im Herbst kehren die Strassers nach Leipzig zurück und geben richtige Konzerte. Zwar steht „Stille Nacht“ beim Auftritt im größten Hotel der Stadt nicht auf dem Programm, aber ein anonymer Leserbrief-Schreiber wünscht es sich in der Leipziger Zeitung am Konzerttag. Wohl 1834 wird das Lied zum ersten Mal gedruckt – in der „Zillertaler Version“, die bis heute in Deutschland gesungen wird. Strophe 3, 4 und 5 des Originals fehlen, die Strophen 1, 6 und 2 werden in dieser Reihenfolge gesungen. Der Verleger August Robert Friese produziert ein Heft vier „ächten Tyroler-Liedern“, die er dem Quartett „abhört“. Sprich, er schreibt sie so auf, wie die Geschwister sie singen. 1835 stirbt Amalie und die Strassers treten nicht mehr auf. Aber andere Tiroler „Nationalsänger“ tragen die „Stille Nacht“ weiter.

Die Familie Rainer: Von Fügen bis nach New York

Noch viel weiter reist eine andere Tiroler Familie: die Familie Rainer aus Fügen. Ihre Karriere beginnt der Überlieferung nach bereits 1822. Als Kaiser Franz I. und Zar Alexander I. auf ihrem Weg nach Verona im Fügener Schloss Halt machen, singen die vier Geschwister Maria, Felix, Anton und Joseph vor den hohen Herrschern. Dass sie da auch „Stille Nacht“ gesungen haben, ist wohl eine Legende. Bis 1839 kommen die Zillertaler viel herum: Sie treten in Deutschland, Russland un Großbritannien auf. Mehr als einmal singen sie für König George IV. – und auch vor Kronprinzessin Victoria. Die 18-Jährige hält das sogar in ihrem Tagebuch fest – nicht nur schmeichelhaft.

Text und Musik zu "Stille Nacht", aufgeschrieben von Josef Mohr etwa um 1820.
© APA/Salzburg Museum

1839 taucht ein Amerikaner im Zillertal auf. Er will die „Rainer Family“ in die USA holen. Um Marias Sohn Ludwig wird eine neue Gruppe gebildet. Mit seiner Cousine Helene, seiner späteren Ehefrau Margarethe Sprenger und Simon Holaus machen sie sich auf einem Paketboot auf die Reise nach Übersee – Stürme inklusive. Die Legende besagt, dass das Quartett am Heiligen Abend 1839 vor dem Alexander Hamilton Memorial am Friedhof der Trinity Church in New York „Stille Nacht“ singen. Sicher ist, dass sie zu Weihnachten in New York Konzerte geben. Möglich ist, dass die Tiroler „Stille Nacht“ im Repertoire haben. Ob die Geschichte stimmt? Wer weiß.

Vier Jahre tourt die Rainer Family durch die USA. Skandal inklusive. Denn die 16-Jährige Helene – in der amerikanischen Presse Miss Eleanor genannt – verliebt sich in den Manager der Gruppe. Heimlich heiratet sie John W. Mills – und singt nicht mehr mit. Ein irischer Bursch wird engagiert, heißt es in dem Buch „Stille Nacht. Ein Lied mit Geschichte“ von Tina Breckwoldt. Der muss aber nach seinem Stimmbruch aufhören. 1841 kommen dann Franz Rainer und Johann Sprenger aus dem Zillertal nach.

Welthit und Friedensbotschaft

Viele verschiedene Gruppen der Tiroler Nationalsänger verbreiten „Stille Nacht“ in ganz Deutschland. Schließlich kommt das Lied auch am preußischen Hof an. König Friedrich Wilhelm IV. interessiert sich für das Lied. 1854 schickt die Berliner Hofmusikkapelle schließlich eine Anfrage an das Erzstift St. Peter in Salzburg. Denn Komponist und Autor sind bis dahin unbekannt. Vermutet wird, dass der Bruder Joseph Haydns, Johann Michael, der Verfasser ist. Schließlich erreicht die Anfrage Franz Xaver Gruber. Erst jetzt wird dem Schullehrer bewusst, welche Bedeutung „Stille Nacht“ erreicht hat. Er verfasst die bereits genannte „Authentische Veranlassung“. Dazu legt er ein Notenblatt der Originalkomposition und den Text.

„Stille Nacht“ erobert immer weiter die Welt – und trägt die Botschaft des Friedens mit sich. Im Ersten Weltkrieg singen die Soldaten am 24. Dezember 1914 in den Schützengräben von Ypres in Flandern gemeinsam das Lied – vermutlich jeder in seiner Sprache. Für kurze Zeit wird kein Blut vergossen, stattdessen spielen sie gemeinsam Fußball.

In 300 Sprachen und mehr soll „Stille Nacht“ mittlerweile übersetzt sein. Nachprüfen lässt sich das kaum. Fest steht: Fast jeder kennt das einfache Lied mit dem schlicht-schönen Text. Die Peanuts singen es, die Simpsons auch. Am Salzburger Landestheater läuft das eigens in Auftrag gegebene Musical „Meine Stille Nacht“. Die Weihnachtsbriefmarken der Post zieren „Stille Nacht“-Motive. Tobias Moretti und Heio von Stetten haben Mohr und Gruber in „Das ewige Lied“ (1997) gespielt, dazu gibt es noch mehr Filme und Dokus. Zum Jubiläum sind dazu noch etliche Bücher erschienen.

Auch 200 Jahre nach seiner Entstehung bewegt „Stille Nacht“ die Menschen. Wenn am Heiligen Abend die Glöcklein klingeln und zur Bescherung rufen, wird es wieder in Stuben rund um die Welt erklingen und seinen Zauber verbreiten.


Kommentieren


Schlagworte