Ikone des deutschen Films - Hanna Schygulla wird 75

Berlin/Wien (APA/dpa) - Ihr Name ist untrennbar mit Rainer Werner Fassbinder verknüpft, als eine von wenigen deutschen Schauspielerinnen sch...

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Berlin/Wien (APA/dpa) - Ihr Name ist untrennbar mit Rainer Werner Fassbinder verknüpft, als eine von wenigen deutschen Schauspielerinnen schaffte Hanna Schygulla es bis nach Hollywood. Bis heute ist sie dem Film verbunden - vor und hinter der Kamera. Ihre neuen Filmprojekte realisiert sie nun mit jungen Flüchtlingen. Am 25. Dezember wird Schygulla nun 75 Jahre alt.

„Es geht in meinem Alter im Leben nicht mehr ums Beschenkt-werden, sondern darum, dass man selbst etwas in die Welt setzt, was bereichern könnte und etwas in Bewegung bringt“, so die Filmschaffende, die selbst nach dem Krieg als Flüchtlingskind nach München kam. Die Flucht aus Schlesien, die Kindheit in Bayern und die frühe Lust am Anderssein, das Verhältnis zum Vater nach der Heimkehr aus Kriegsgefangenschaft - ein Fremder, der sie nicht in den Arm nehmen kann: Das hat sie geprägt.

So habe sie „in der Luft gehangen“, sagte sie einmal - ein Gefühl, das sie zeit Lebens begleitete. Sie pendelt zwischen dem Buben, den ihr Vater gern gehabt hätte, der schönen Prinzessin, dem Flüchtlingskind und dem Münchner Kindl, dem Dickkopf und der Tagträumerin; später dann zwischen der intellektuellen Romanistik- und Germanistik-Studentin und der „Vorstadt-Marilyn“. Schon früh hatte sie ihren eigenen Kopf. „Ich bin als Kind gern aus der Rolle gefallen, bevor ich später in die Rollen gefallen bin.“

Dabei war der Weg zur Schauspielerei nicht unbedingt vorgezeichnet. Fassbinder war es, der sie an sein Theater holte - in seinen Filmen wurde sie zum Star. „Er war sicherlich für meinen Lebenslauf der entscheidendste Mann - denn ohne ihn wäre ich gar keine Schauspielerin geworden. Ich war ja schon von der Schauspielschule abgegangen. Da hat er sich an mich erinnert.“

Nach 20 Filmen mit ihm - darunter „Effi Briest“, „Die Ehe der Maria Braun“ und „Lili Marleen“ - arbeitete Hanna Schygulla mit europäischen Regiegrößen wie Volker Schlöndorff, Jean-Luc Godard, Carlos Saura, Ettore Scola und Andrzej Wajda und Marco Ferreri, der ihr den Darstellerpreis in Cannes einbrachte.

Von den 90ern an trat Schygulla, die einen Großteil ihres Lebens in Paris verbrachte und derzeit zwischen der französischen Hauptstadt und Berlin pendelt, auch als Chansonsängerin auf. Später stand die vielfach mit Preisen ausgezeichnete Schauspielerin selbst hinter der Kamera, unter anderem drehte sie unter dem Titel „Traumprotokolle“ Kurzfilme, die in New York und Berlin gezeigt wurden.

Zwischen Traum und Wirklichkeit, traumtänzerisch, tranceartig - und doch hellwach und präsent: Der Schygulla-Effekt. Damit zog sie die Menschen in den Bann - Frauen und Männer. Mit dem Schriftsteller Jean-Claude Carriere war sie 13 Jahre zusammen. Mit ihm wollte sie ein Kind. Er nicht. Er bekam es mit einer anderen, als es für sie zu spät war.

Nicht immer stand für Hanna Schygulla die Karriere vorne. Über etwa zwei Jahrzehnte pflegte sie ihre Eltern - und verzichtete dabei auf Rollen, etwa in „Blue Velvet“. „Sie sind in der Zeit vor, während und nach der Katastrophe der Weltkriege im Leben zu kurz gekommen“, sagt sie über Vater und Mutter. „Das wollte ich, so gut ich konnte, zum Ende noch ausgleichen.“

Seit einigen Jahren ist sie dabei, sich von ihrer langjährigen Wahlheimat Paris nach Berlin zu orientieren - „wobei ich den zweiten Fuß noch nicht nachgezogen habe“. „Ich habe an Berlin gedacht, weil Berlin eine Stadt im Aufbruch ist und viel Provisorisches hat - und hoffentlich noch behält. Deshalb habe ich da die Möglichkeit zu einem Neuanfang gesehen“, sagt sie. „Jetzt muss ich mich umsehen, wie ich da verankern kann.“ Den Geburtstag werde sie „ganz unaufwendig“ feiern, „im kleinen Kreis“, mit denen, „die ich jetzt zu meinen Berliner Freunden zähle“.

Und was ist mit dem Alter? Schygulla trägt ihre graue Mähne mit Gelassenheit - Färben ist für sie keine Lösung. „Es ist eine Herausforderung, gerne älter zu werden“, sagt sie. Liebte sie früher das Tagträumen, sagt sie jetzt: „Ich versuche, mehr und mehr im „Hier und Jetzt“ zu sein.“ Dazu zitiert sie Fassbinder, der in Widmungen oft geschrieben habe: „Das Leben ist so kostbar, genau jetzt.“


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