Wendlinger feiert 50. Geburtstag: „Unfall ein Teil meines großen Ganzen“

Formel 1, AMG-Markenbotschafter, Familienvater: Karl Wendlinger hatte eine bewegte PS-Karriere, die der Kufsteiner zu seinem 50. Geburtstag am Donnerstag mit der TT noch einmal Revue passieren ließ.

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Aktuell ist Jubilar Karl Wendlinger als AMG-Markenbotschafter unterwegs.
© imago

Was wünscht man sich zum 50. Geburtstag?

Karl Wendlinger: Eigentlich nicht viel. Alles soll so weitergehen wie bisher, und natürlich Gesundheit für die Famili­e und sich selbst.

Ihr Pressesprecher Christian Kuda hat einmal erzählt: Früher haben Sie zu wenig gesprochen, da musste er Sie anstupsen. Danach haben Sie zu viel gesprochen und er musste Sie erneut anstupsen. Haben Sie sich mit den Medien schwergetan?

Wendlinger (lacht): Das Reden war nie so meins, das muss ich schon zugeben. Aber das war mehr bei fremden Menschen so und vor allem am Beginn in der Formel 3. Was natürlich für die Selbstvermarktung nicht ideal war. Da hätte ich mehr machen können, aber so war es halt einfach. Mit der Erfahrung ist alles besser geworden. Der Unfall (1994, Anm.) in Monaco hatte eine Wesensveränderung zur Folge, wie mir ein Arzt gesagt hat. Seither rede ich mehr.

Stichwort Monaco-Unfall – diese Verbindung wird beim Thema Karl Wendlinger und Formel 1 schnell hergestellt. Ärgert Sie das, wenn man Sie auf das eine Ereignis reduziert?

Wendlinger: Das ist ein Teil meines großen Ganzen und da komme ich nicht aus. Ganz so schlimm ist die Reduktion eh nicht. Aber klar, es war das Aufsehenerregendste in meiner PS-Karriere.

Wendlinger als Mercedes-Junior mit dem späteren deutschen Rekordweltmeister Michael Schumacher.
© imago/Passage

Bei unserem Interview vor ein paar Jahren meinten Sie, die Bilder verschwinden immer mehr.

Wendlinger: Damit meinte ich vor allem die Bilder vom Krankenhaus-Aufenthalt usw. An den Crash selbst habe ich ja keine Erinnerung. Es ist bald 25 Jahre her und es mag komisch klingen, aber der Unfall bewegt mich nicht mehr großartig.

Was auch seine Vorteile hat. Monaco stellt für Sie keinen negativen Ort dar.

Wendlinger: Der Ort, die Stell­e – das spielt keine Rolle. Das alles beschäftigt mich nicht.

Gehen wir zurück ins Jahr 1994: Zwei Wochen vor Ihrem schweren Unfall starben der Salzburger Roland Ratzenberger und Ayrton Senna (BRA) am schwarzen Imola-Wochen­ende. Wäre das Ganze zu verhindern gewesen?

Wendlinger: An Imola kann ich mich gut erinnern. Am Freitag hatte sich Rubens Barrichello (Jordan, Anm.) mit über 225 km/h überschlagen. Ihm war nichts passiert, darum sagte man im Fahrerlager: „Schaut her, in der Formel 1 kann dir nichts mehr passieren.“ Einen Tag später stirbt Roland Ratzenberger (Simtek, Anm.) und danach Ayrton Senna (Williams, Anm.). Trotzdem hat man Gründe gefunden, die es anders laufen hätten lassen können: Bei Ratzenberger brach der Frontflügel an der falschen Stelle, bei Senna war es der Reifen, der ihn traf. So hast du es wahrgenommen.

Die Motorsport-Karriere von Karl Wendlinger

Formel-1-Karriere: 41 Starts, 14 WM-Punkte, drei Teams: Leyton (1991), March (1992), Sauber (1993–95).

Weitere PS-Highlights: 1996: 24-h-Rennen Le Mans: Platz 2; 2000: 24-h-Rennen Daytona: Gesamtsieg; 2002: DTM (Audi) Platz 5 (Donington); 2003: 24-h-Rennen Nürburgring: Platz 2; 2004–09: Siege in Donington, Magny Cours, Mugello, Monza, Zolder, Silverstone, Oschersleben, Brünn, Adria.

Welche Gedanken gehen einem da als Fahrer durch den Kopf?

Wendlinger: Du hast nicht viel Zeit gehabt, darüber nachzudenken, hast auch mit niemandem gesprochen. Du warst schockiert von den Meldungen, aber alleine mit deinen Gedanken. Danach war ja schon Monaco und von da an war ich selbst nicht mehr dabei.

Im Dezember 1994 saßen Sie wieder im Formel-1-Boliden. Es folgten 1995 nur noch sechs Rennen. Hätte Ihnen eine Pause von einem Jahr geholfen? Oder anders gefragt: Hätten Sie ein Jahr pausieren können?

Wendlinger: Die Chance auf die Formel 1 gab es nur in dem Moment: jetzt oder gar nicht. Was viel erstaunlicher war, bei den Testfahrten im Dezember hat alles gepasst, ich war konkurrenzfähig und bekam eine neue Chance bei Sauber. Im Februar 1995 sitze ich wieder im Boliden und nichts geht mehr. Ich konnte mich keine drei Sekunden konzentrieren, die Automatismen griffen nicht mehr, alles war durcheinander. Zusätzlich war da noch Heinz-Harald Frentzen (Teamkollege, Anm.) in Überform.

Wann kam im Cockpit wiede­r ein Gefühl der Normalität auf?

Wendlinger: Erst 1997 in der Tourenwagen-Serie kam alles zurück und ich konnte endlich wieder mein Limit erreichen.

Ich erinnere mich noch an Ihren vierten Platz in Montreal, 1992, im grünen March. War das Ihre Sternstunde?

Wendlinger: Das Gute daran war, dass ich den vierten Platz nicht geerbt habe, sondern dass ich so schnell war. Aber da hatte ich nichts zu verlieren. Am Anfang der Saison in Kyalami (ZAF, Anm.) kam ich an und man sagte mir: „Du hast ein altes Auto, ihr habt nicht getestet – du wirst dich nicht qualifizieren. Aber schön, dass du da bist.“ Da habe ich mir gedacht: „Jetzt probier’ ich es einmal.“ Auf einmal war ich Siebter nach dem Qualifying. Da habe ich gesehen, wie schnell ich war. Trotzdem hat mir ein wenig das Selbstvertrauen gefehlt.

Wendlinger mit Gerhard Berger und dem Salzburger Roland Ratzenberger.
© gepa

Obwohl Sie Formel 1 gefahren sind?

Wendlinger: Das ist eine Typ-Frage. Wenn ich mir heute so manchen jungen GT-Piloten anschaue, der noch nichts gewonnen hat, aber durch das Fahrerlager stolziert, dann denke ich mir: Die Hälfte von dessen Selbstbewusstsein hätt­e mir geholfen.

Dabei waren Sie 1990 mit Heinz-Harald Frentzen und einem gewissen Michael Schumacher im Mercedes-Programm. Haben Sie damals schon gewusst, dass Schumacher ein Großer werden würde?

Wendlinger: Das war nicht absehbar. Bei den ersten Tests tat sich Heinz-Harald auf Anhieb leicht, Michael erarbeitete sich alles über die Detailarbeit. Wir haben uns gut verstanden. Es gab zwar kein Handy, kein E-Mail und kein Skype, und der Kontakt war gering. Man hat sich geholfen. Es gab ja kein­e Telemetriedaten wie heute – damals musstest du dir ein Set-up erarbeiten. Das hat nichts mehr mit dem heutigen Geschehen zu tun, wo dir ein Auto hingestellt wird, das man mit Programmen abgestimmt hat. Die Meinung der Fahrer zählt da weniger.

Nach Ihrem Formel-1-Abschied haben Sie nie ein böses Wort über jemanden verloren.

Wendlinger: Warum auch? Am Unfall war nur ich selbst schuld. Die Zeit war schön, mehr war nicht zu sagen.

Frage ich Sie heute nach dem Rennen Ihres Lebens, welches fällt Ihnen da ein?

Wendlinger: Die 24 Stunden von Daytona (USA, Anm.) im Jahr 2000. Wir waren in der offenen Klasse mit der Viper GT gestartet, einer meiner Teamkollegen hatte einen Infekt und ich bin fast zwölf Stunden des Rennens gefahren. In einer Pause bin ich im Campingwagen gesessen und auf einmal lagen wir in der Gesamtwertung auf Platz eins. Kurz vor dem Ende hat es eine Safety-Car-Phase gegeben, aus unserem Vorsprung von einer Runde wurden nur noch ein paar Sekunden. Die Jungs haben mir gesagt, ich solle das Rennen einfach gewinnen. Also bin ich da raus und habe die Corvette im Rückspiegel abgehängt und gewonnen.

Zum Abschluss: Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?

Wendlinger: Ich hoffe immer noch in Tirol und alle sind gesund. Das ist für mich persönlich das Wichtigste.

Das Gespräch führte Daniel Suckert


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