Vom Stolpern aus der Mitte

Man könnte sich „ausscheißn voa lauta glickselichkeit“: Thomas Arzts „Die Österreicherinnen“ als starke Uraufführung in den Kammerspielen des Tiroler Landestheaters.

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Geschäftige Geschichtsvermittlerinnen: Sara Nunius, Ronja Forcher, Janine Wegener, Antje Weiser und Marion Fuhs in Felix Hafners Inszenierung von ?Die Österreicherinnen?.
© TLT/Larl

Von Joachim Leitner

Innsbruck –Der Gipfelsturm endet jäh. Ein Sturm treibt die Gipfelstürmerinnen und ihren Stolz auf die Landschaft zurück ins Tal. Auch dort hat der „Jahrhundertsturm“ einiges angerichtet. Er hat das, was vom ersten Jahrhundert der Republik übrig blieb, durcheinandergebracht. Weil jemand im Archiv die Fenster offen ließ. Dort warteten, säuberlich sortiert, Originale – vom Kaugummi bis zum antisemitischen Liederbüchl – auf die von ganz oben gewünschte Jubelausstellung. Wem der Fauxpas passierte und ob es überhaupt ein Fauxpas war, ist eine der Fragen, die in Thomas Arzts Stück „Die Österreicherinnen“ zu klären sind. Ganz konkret. Und im übertragenen Sinn. Wobei, so viel sei verraten, selbst auf dem Spielfeld des Metaphorischen erlaubt sich Arzt, gerade einmal 36 Jahre alt und doch mit allen Wassern gewaschen, keine plakativen Banalitäten: Es greift zu kurz, im Luftstoß nur jenen frischen Wind zu erkennen, den institutionalisiertes Erinnern nötig hat, um Altes neu zu denken. Das Stück ist gescheiter als die Floskeln, die es bisweilen ausstellt.

„Die Österreicherinnen“ ist vieles: Gesellschaftssatire, Zeitbild, Akademikerinnen-Schwank, Charakterstudie. Eines aber ist es nicht: ein Lehrstück. Auch das Besserwissen wird hier ausgestellt. Aufgespießt, wie ein Präparat. Arzt und Regisseur Felix Hafner, der „Die Österreicherinnen“ – ein Auftragswerk des Tiroler Landestheaters – am Samstagabend in den Kammerspielen zur Uraufführung brachte, betrachten die Bühne weniger als moralinsaure Anstalt denn als Labor, in dem Konstellationen durch- und Fragen weiter-, mitunter sogar um die Ecke gedacht werden dürfen.

Aber der Reihe nach: Die fünf titelgebenden Österreicherinnen, die zwecks Teambuilding auf einen Berg stiegen, um ins Chaos zurückzukehren, sollen als leidlich dekorierte Geschichtsvermittlerinnen 100 Jahre Republik in Vitrinen packen. Sie sind theoretisch beschlagen, wissen um den provisorischen Charakter jeder Historie. Trotzdem oder gerade deswegen kriegen sie sich in die Haare: Die Schau soll populär werden, ohne sich anzubiedern. Das Feuilleton soll loben, der Kanzler wenigstens anerkennend nicken, die Masse Billets lösen – und den Selfie-­Stab mitbringen. Das liefert bereit viel Konfliktstoff. Aber es gibt noch mehr, denn die Kuratorinnen stehen mit ihren austrifizierten Allerweltsnamen – Sissi, Franzi, Max­i, Babsi und Erni – mitten in der Gegenwart. Und das heißt, der Alltag treibt sie um, die großen und kleinen privaten Tragödien quälen sie genauso wie politische Talkshows – und der kränkende Umstand, dass nicht jeder die eigene Meinung teilt. Gerade am Gezanke über die richtige Haltung, über berechtigte Sorgen und geschürte Panik, über Vorurteile, die als wohlmeinende Belehrung daherkommen, droht die Freundschaft, die zunächst so wortreich beschworen wurde, zu zerbrechen.

Es ist dieses Gezanke – in dem es immer um alles geht –, dem Felix Hafners angenehm leise, visuell mit einfachsten Mitteln einfallsreiche Inszenierung schöne Momente – und manche Pointe – verdankt. Wenn Franzi (Marion Fuhs) das eingängig-einfältige Ausstellungskonzept vom Tisch wischt. Oder wenn Maxi (Sar­a Nunius) ihrem Liebhaber wichtigtuerische Selbstgefälligkeit vorwirft. Da greifen dann selbst die Yogaübungen von Sissi (Antje Weiser) nicht mehr. Die hat sie sich angeeignet, um ihre Trauer wegzuatmen. Stark ist die Entwicklung Babsis (Ronja Forcher), die ihren Minderwertigkeitskomplex hinter Bachelor- und Mastertitel versteckt und zusehends aus der Mitte stolpert: „Das wird man wohl noch sagen dürfen.“ Schön auch Janine Wegeners Erni als Studie einer Unbedarften, die mehr vom Leben will – und sich doch um die erarbeitete Sicherheit sorgt. Es ist ein Verdienst des Ensembles, dass Arzts Denkfiguren nie ins Abstrakte abheben, sondern durchwegs auf dem Boden von Camilla Hägebarths aus Holzpaletten gezimmerter Bühne bleiben.

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Ergänzt wird das starke Spiel durch musikalisches Zwischenspiel: Ein adrett aufgemaschelter Kinderchor singt abgründige, von Clemens Wenger komponierte Pseudo-Weisen: Man könnt­e sich „ausscheißn voa lauta glickselichkeit“.


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