Tiroler Krebsspezialisten sehen Immuntherapie auf dem Vormarsch

Im Vorfeld des Weltkrebstags klärten Innsbrucker Krebs-Spezialisten über aktuelle Entwicklungen bei der individuellen Tumortherapie auf.

Die moderne Krebsforschung schaut sich das Erbgut der Patienten genau an und sucht die entsprechend beste Therapie für sie aus.
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Von Theresa Mair

Innsbruck – Krebs. Rund 4000 Menschen in Tirol erhalten jedes Jahr diese – vorerst – niederschmetternde Diagnose. „Die Hälfte der Krebserkrankungen wäre durch einen gesunden Lebensstil verhinderbar“, sagte der Innsbrucker Frauenklinik-Direktor Christian Marth gestern im Vorfeld des Weltkrebstages, der am 4. Februar begangen wird.

Immerhin liege Tirol bei der Häufigkeit der Krebsfälle leicht über dem Durchschnitt der EU. „Wir heben uns nicht durch großes Gesundheitsbewusstsein hervor.“ Gleichzeitig „ist Tirol bei der Sterblichkeit deutlich unter dem EU-Schnitt“, führt Marth, der auch Sprecher des an der Klinik angesiedelten Krebszentrums CCCI (Comprehensive Cancer Center Innsbruck) ist, weiter aus. Das ist der Tumorbehandlung anzurechnen, die laufend weiterentwickelt wird.

Ein entscheidender Faktor dabei sei die klinische Forschung, die in Form von Studien den teilnehmenden Patienten „heute schon Zugang zur Spitzenmedizin von morgen ermöglicht“. Mehr als 100 Krebsstudien laufen derzeit in Innsbruck. Die Bandbreite ist groß. Zuletzt wurde z. B. eine weltweite chirurgische Studie abgeschlossen mit dem Ergebnis, dass ein Eierstockkrebs möglichst radikal operiert werden sollte, „die zusätzliche Entfernung der Lymphknoten aber keinen Gewinn bringt“, erklärt Marth. In aller Munde ist die Immuntherapie, bei dem körpereigene Immunzellen gegen den Krebs scharfgemacht werden.

Dementsprechend viele Untersuchungen beschäftigen sich damit. „Bei der Behandlung hat ein Paradigmenwechsel stattgefunden“, sagt Dominik Wolf, der seit gut drei Monaten die Uniklinik für Innere Medizin V (Hämatologie & Onkologie) leitet. Die Kombination von klassischen Behandlungen wie chirurgischen, strahlen- und chemotherapeutischen Optionen mit molekularen Therapien wie eben auch der Immuntherapie dränge die alleinige Chemo zunehmend zurück. Doch sei man draufgekommen, dass auch die ausschließliche Immuntherapie lediglich bei zwei bis drei von zehn Patienten wirkt. Und zwar bei jenen, bei denen die Tumor-Erbsubstanz durch viele genetische Fehler bereits so verändert ist, dass das aktivierte Immunsystem den Krebs erkennt. Bei allen anderen müssten diese Antigene erst durch eine Chemo- oder Strahlentherapie erzeugt werden, bevor die Immuntherapie dem „Tumor seine Tarnkappe“ herabreißen kann.

Um die Immuntherapie weiter zu verbessern, schauen sich die Innsbrucker zudem die Umgebung des Tumors an. „Wir wissen, dass die Immunzellen über die Gefäße in den Tumor gelangen. Mithilfe der Antiangiogenese, einer medikamentösen Methode zur Eindämmung der Gefäßneubildung, könnte es gelingen, das Wachstum von Tumoren noch besser zu unterbinden“, erklärt der Immunologe Wolf.

Letztlich sei es das Ziel für jeden Patienten, den Behandlungserfolg genau vorhersagen zu können – auch um unnötig hohe Kosten für unwirksame Therapien zu sparen – und Nebenwirkungen einzudämmen.

Der Lungenkrebs ist quasi weg

Innsbruck – Im Februar steht Kurt Prem ein Jubiläum bevor. Dann bekommt er seine 80. Immuntherapie-Infusion. Für den 74-jährigen Schwazer ist das ein Grund zu feiern. Dabei stand es schon einmal gar nicht gut um ihn. „Ich hatte 2013 einen Schlaganfall und bei den Untersuchungen wurde Lungenkrebs im fortgeschrittenen Stadium festgestellt. Da meint man, dass sich sowieso nichts mehr reparieren lässt“, sagte Prem gestern in Innsbruck.

Er habe weder Schmerzen in der Lunge gespürt, noch hätten die Ärzte bei einer Schulter-OP kurz zuvor etwas entdeckt. Das Rauchen hatte er schon im Jahr 2000 aufgegeben. Prem hat mehrere Chemotherapien und eine Tablettentherapie hinter sich. Doch nichts schlug an. 2015 bot sich ihm die Gelegenheit, bei einer Immuntherapie-Studie mitzumachen. Mit etwas Juckreiz und zwei Lungenentzündungen infolge einer Immunreaktion waren die Nebenwirkungen für ihn akzeptabel. „Nach drei, vier Monaten haben wir im CT gesehen, dass die Metastasen weg sind, der Kerntumor ist viel kleiner geworden. Inzwischen wächst der Krebs nicht mehr.“ Die Therapie wird aber vorerst unbegrenzt weitergeführt. Prem ist zuversichtlich. Im Sommer will er wieder segeln.

In Innsbruck kann laut Christian Marth, Sprecher des Krebszentrums CCCI, vielen Patienten neben Standardtherapie-Optionen die Teilnahme an einer zu ihnen passenden Studie angeboten werden. Dafür bedarf es einer ausführlichen Aufklärung. Denn bei neuen Therapien sind mögliche Nebenwirkungen nicht bekannt. Der Patient könnte auch der Studiengruppe zugelost werden, die mit der zugelassenen Standardtherapie behandelt wird. „Wir können die Studie als Chance anbieten“, sagt Marth. Die Teilnahme ist freiwillig und kann jederzeit abgebrochen werden.

(thm)


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