Dialekt kann sich hören lassen: In der Mundart „sei Dahoam“ suchen

Was früher verpönt war, wird heute auch in den sozialen Medien großgeschrieben: Der Dialekt wird mit Stolz gepflegt. Die Ötztaler Mundart wurde dank Hans Haid gar Unesco-Kulturerbe.

Von Silvana Resch

Am 26. Februar wäre Hans Haid 81 Jahre alt geworden. Der große Mundartpoet aus dem Ötztal hat seinen Geburtstag nicht mehr erlebt, er starb nur wenige Tage zuvor, am 5. Februar. Die österreichische Dialektliteratur verdanke ihm wie keinem Zweiten ihren Neuaufbruch gegen Ende der 1960er-Jahre, war in Nachrufen auf den Volkskundler, Dichter und Bergbauer zu lesen. Der Mundart sei der Mief der Blut-und-Boden-Mythen des Nationalsozialismus angehaftet. Den Bemühungen des „Quer-, Längs-, Vor- und Nachdenkers“ – so der Innsbrucker Germanist Johann Holzner über Hans Haid – ist es auch zu verdanken, dass der Ötztaler Dialekt 2010 zum Unesco-Kulturerbe erklärt wurde.

Neues Selbstbewusstsein

„Durch den Unesco-Titel hat sich ein neues Bewusstsein und Selbstbewusstsein gebildet, vor allem auch bei den Jüngeren, das betonte Hans Haid immer“, berichtet der Musiker Marlon Prantl: „Zu meiner Schulzeit im Imster Gymnasium wurden wir noch ausgelacht, wenn wir im Ötztaler Dialekt geredet haben.“ Gemeinsam mit Haid haben Prantl und seine Band TyRoll 2014 die CD „Drweilong“ vorgelegt. Darauf zu hören „Musik & Poesie im Ötztaler Kulturerbe-Dialekt“. Wertschätzung für das Alte und Offenheit für das Neue gehen gut zusammen: TyRoll verbinden traditionelles Volksmusikgut und Weltmusik. Für alle Nichtötztaler: „Drweilong“ heißt so viel wie „Sehnsucht“ oder „Heimweh“.

Falsche Scham

Doch egal, ob Unesco-Kulturerbe oder nicht – auch im Lechtal gibt es in puncto Dialekt ein „gesundes Selbstbewusstsein“, freut sich Toni Knittel von der Neue-Volksmusik-Formation Bluatschink. „Früher war es manchmal fast so, dass man sich für den Dialekt geniert hat. ,Schön sprechen!‘, sagte man zu den Kindern.“

Knittel hat als einer der Ersten ab 1990 auf Lechtalerisch getextet. Das sei wesentlich einfacher – „schließlich ist Hochdeutsch eine Art Fremdsprache“, sind sich Knittel und Prantl einig. „Der Dialekt ist außerdem charmanter und geheimnisvoller“, ist der Bluatschink-Gründer überzeugt.

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„Der Dialekt ist gewöhnungsbedürftig. Was das Hirn nicht versteht, versteht das Herz!“
Toni Knittel, Musiker

Der sprachlich raue Lechtaler Charme sollte bald auf ganz Österreich ausstrahlen, selbst in Südtirol und Bayern wurde die Bluatschink-Nummer „I han di gera“ zum Hit. 1997 war das Lied unter den zehn meistgespielten des Jahres.

Der verstorbene Poet Hans Haid liebte das Ötztalerisch. „In dieser Sprache treffe ich besser“, sagte er.
© Thomas Boehm / TT

„I han di gera“ ist freilich eine Liebeserklärung. „,I liab di‘ zu sagen, klingt für Lechtaler Ohren irgendwie fremd“, erklärt der Musiker. Das gilt nicht nur für Lechtaler Ohren, tatsächlich gebe es im Dialekt keine eigenen „Wörter für sehr starke Emotionen wie Liebe“, sagt Yvonne Kathrein vom Dialekt­archiv der Universität Inns­bruck. Obwohl die Mundart, „überspitzt formuliert“, so viele verschiedene Ausprägungen habe, wie das Land Einwohner zähle.

Bairisch und Alemannisch

Aus sprachwissenschaftlicher Sicht gibt es in Tirol lediglich zwei Dialekte: den bairischen und den alemannischen, der nur im Außerfern anzutreffen ist. Egal aber, ob Ober- oder Unterland, die Mundart erlebt derzeit eine „Renaissance“: In SMS und den sozialen Medien wird verstärkt in der „Muttersprache“ getextet. Wie lässt sich dieser Boom erklären? „Ich denke, das ist der Gegentrend zur Globalisierung. Die Suche nach der eigenen Identität hat sich verstärkt“, sagt Kathrein. Der Stolz auf die eigenen Wurzeln läuft in Zeiten eines global wie regional erstarkenden Nationalismus aber Gefahr, ins­trumentalisiert zu werden.

Tendenzen, die sich laut Kathrein auch in Anfragen aus „bestimmten gesellschaftlichen Ecken“ an das Dialektarchiv bemerkbar machen würden. Ihre Antworten entsprächen oft nicht den Erwartungen, so die Germanistin. „Denn Worte wie zum Beispiel ,Tschoapa‘, wie die Jacke im Dialekt des Tiroler Oberlandes bezeichnet wird, kommen aus einer ganz anderen Sprache, in diesem Fall aus dem Arabischen.“ Das Wort – Joppe oder Juppe sind weitere Varianten – ist schon seit vielen Jahrhunderten im Sprachgebrauch. „Unterschiedlichste Sprachschichten sind am Tirolerischen beteiligt“, so die Sprachwissenschafterin.

Verschiedenste Einflüsse

Es gebe romanische Lehnwörter, wie zum Beispiel ,Ferggele‘, ein Tragegestell (auf dem Madonnen-Statuen oder, wie im Ötztal, Heu transportiert werden), in Osttirol ließen sich zudem eine ganze Reihe von slawischen Wörtern finden. Der Föhnwind wird etwa als ,Jauk‘ bezeichnet. Die germanische Sprache kam erst im sechsten Jahrhundert nach Christus nach Tirol.

Ab den frühen 1970er-Jahren wurden von der Uni Innsbruck Dialektaufnahmen in ganz Tirol gemacht. Diese im Dialektarchiv versammelten Aufzeichnungen aus rund 120 Gemeinden und Ortschaften werden seit 2011 auch in einem digitalen Sprachatlas publiziert. Bei der interaktiven Wortkarte zu „Honig“ kann etwa unter verschiedenen Farbpunkten die jeweilige Bezeichnung für Honig im jeweiligen Ort nachgelesen werden. Ergänzt wird die Karte durch Ausführungen und Zusatzinfos: So dominiere im Westen Tirols die Variante Honi(g), während in Zentraltirol und Osttirol hauptsächlich von Heni(g) oder Henk gesprochen wird. Die Grenzen sind fließend: In Münster kommen etwa gleich drei Formen vor: Henig, Hunk, Honig.

„Vermeintlicher Dialekt“

Bei derart fließenden Grenzen können sich auch Einheimische im eigenen Dialekt fremd fühlen. Diese Erfahrung musste Marlon Prantl machen, als er Hans Haid, der im gleichen Ortsteil lebte, den ersten selbstverfassten Mundart-Text schickte. „In vermeintlichem Dialekt“, notierte der gestrenge Dichter und schickte den Text voller Korrekturen zurück. „Wenn das einer darf, dann der Hans“, lacht Prantl. „Es war gewissermaßen ein Aha-Erlebnis.“

Aller Identitätssuche zum Trotz sei doch eine gewisse Überregionalisierung, eine Anpassung der Dialekte zu beobachten, sagt Kathrein. „Die Sprache ist Abbild unserer Lebensrealität, wir wohnen nicht mehr völlig abgeschottet in unseren Alpentälern.“ Dass es unmöglich ist, den Dialekt „zu bewahren“, weiß auch Lilo Galley vom Tiroler Mundartkreis. „Die Mundart ändert sich“, sagt sie. Seit mehr als einem halben Jahrhundert wird im Verein gedichtet und gereimt, anlässlich der Feierlichkeiten zum 50-Jahr-Jubiläum Ende letzten Jahres ist eine Anthologie erschienen. Stellt sich die Frage, wie es im Dialekt um die korrekte Schreibweise steht? „Das ist jedem selbst überlassen“, so Galley, „wir haben früher einen Professor gehabt, der uns die Schreibweise vorgegeben hat, das hat überhaupt nicht funktioniert.“ Einzige Bedingung heute: Hat sich der Dichter für eine bestimmte Form entschieden, müsse diese auch beibehalten werden. Rund 70 Mitglieder, hauptsächlich Damen „fortgeschrittenen Alters“, zählt der Mundartkreis.

„Mia sein mia“

Der Tiroler „Mundart-Nachwuchs“ betätigt sich derweil auf anderem Gebiet. Neben den bereits Genannten haben in den vergangenen Jahren eine ganze Reihe von Bands mit ihren Dialektliedern aufhorchen lassen: Die Unterländer Indiepop-Formation Fadlviera führt beispielsweise die Bluatschink-Dialektliebeslied-Tradition mit „I sieg di“ fort, während die Pitztaler Toi ihre kritisch-bissigen Texte mit einem virtuosen Mix aus Soul, Blues und Rock untermalen. In der österreichischen Hip-Hop-Szene sind indes die Landecker Von Seiten der Gemeinde längst eine fixe Größe. Das sture „Mia sein mia“ wird da genüsslich in knackigem Dialekt durch den Kakao gezogen, während RapTyrolizm dasselbe starre „Mia sein mia“ in Richtung Weltoffenheit und Vielfalt umdeuten. Kein Zweifel – der Dialekt lebt.

Der Tiroler Dialekt hat viele Gesichter

Murmeltier

Fermént – Landeck

Manggä – Söll

Hureménte – Rietz

Muamele – Lienz

Preiselbeere

Bräislbeer – Jungholz

Granggln – Schwoich

Glaan – Achenkirch

Grannte – Ischgl

Honig

Hunkch – Ehrwald

Hååni – Pfunds

Hinch – Thiersee

Heinikch – Prägraten am Großvenediger

Brotanschnitt

Raaftli – St. Anton am Arlberg

Gipfele – Barwies

Da Scheaschts – Fieberbrunn

Schärtsl – Volders

Schnupfen Kchataar – Häselgehr Schtrupfn – Thaur A Suucht – Fieberbrunn Schtrauche – Ober-tilliach

Zwiebel Felle – Kappl Tswüüfe – Brandenberg Tswifl – Kartitsch Tswiiföja – Alpbach

Weinen Bläsn – Söll Pläarn – Sautens Fuude – Musau Gelle – Tannheim


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