Antisemitismus unter Muslimen: Woher kommt er, was kann man tun?

Der Soziologe Kenan Güngör erklärt, warum der Judenhass reimportiert wird — und was man dagegen tun kann. Antisemitismus sei in vielen arabischen Ländern so etwas wie Staatsdoktrin, so Güngör.

Kippas hängen an einem Stand in Jerusalem. Der Nahost-Konflikt wirkt sich weit über die Region aus.
© AFP

Von Serdar Sahin

Wien — Eine Antisemitismus-Studie im Auftrag des Parlaments gibt Einblick in die Einstellung der Menschen hierzulande gegenüber Juden und Israel. Laut dem Institut IFES, das die Studie erhoben hat, gestalten sich die Muster, wo und in welchen Gruppen Antisemitismus verbreitet ist, vielschichtig.

So sei zwar ein harter „Kern-Bodensatz" von zehn Prozent an Menschen mit antisemitischen Einstellungen zu beobachten — wobei dieser Prozentsatz im langjährigen Vergleich jedoch rückläufig ist. Lern­effekte führten auch zu positiven Veränderungen, junge und gebildete Menschen seien zudem resistenter gegen Antisemitismus.

Kenan Güngör: arbeitet als Soziologe, ist im Expertenrat für Integration der Regierung.
© privat

Weiter verbreitet ist Anti­semitismus allerdings bei jenen Menschen in Österreich, die Türkisch oder Arabisch sprechen. Das zeige sich auch durch eine signifikante Ablehnung des Staates Israel. Der Aussage „Wenn es den Staat Israel nicht mehr gibt, dann herrscht Frieden im Nahen Osten" stimmten insgesamt zehn Prozent zu, arabischsprachige Menschen stimmten aber mit 70 Prozent zu, bei türkischsprachigen war es knapp die Hälfte. Die Studie befindet sich derzeit kurz vor Fertigstellung, ein endgültiges Ergebnis wird voraussichtlich am 15. März vorliegen. Insgesamt 2700 Personen wurden befragt — darunter jeweils 300 türkisch- und arabischsprechende Menschen.

Für Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka (ÖVP) sind diese Ergebnisse „besorgniserregend", er sieht eine „gesamteuropäische Herausforderung" bei diesem Thema. Seit Längerem werde in der gesamtgesellschaftlichen Diskussion die Frage nach einem „importierten Antisemitismus" gestellt, diese dürfe aber nicht auf Grundlage von Behauptungen und Mutmaßungen erfolgen, sondern müsse auf einer soliden empirischen Basis stehen, sagt Sobotka. Die jüngsten Entwicklungen in Frankreich und auch anderen europäischen Staaten zeigten diese Notwendigkeit klar auf.

Den Soziologen und Politikberater Kenan Güngör überraschen die Ergebnisse nicht, wie er zur Tiroler Tageszeitung sagt. „Wir haben selbst eine Studie erstellt, die demnächst veröffentlicht wird, wo wir uns die demokratischen Vorstellungen und Abwertungstendenzen von muslimischen Jugendlichen angeschaut haben. Dort bestätigt sich, dass der Antisemitismus aber auch die Homophobie bei Menschen mit muslimischem Hintergrund deutlich stärker ausgeprägt ist."

1. Antisemitismus kehrt zurück: Güngör nennt dafür zwei Gründe. „Wir sprechen von einem importierten Anti­semitismus, müssten aber von einem reimportierten Antisemitismus sprechen." Denn: Geschichten über eine angeblich jüdische Weltverschwörung seien eigentlich europäische Vorstellungen, erklärt der Soziologe. Diese hätten besonders während des Ersten und Zweiten Weltkrieges und auch danach in der islamisch-arabischen Welt an Boden gewonnen. „Durch die Gründung des Staates Israel war das ein wichtiges Narrativ, das die Araber von den Europäern übernommen haben." Es würde in der arabischen Welt immer so dargestellt, als würden die bösen Israelis und Juden die Palästinenser unterdrücken. „Man darf hier nicht den Konflikt mit der ganzen arabischen Welt vergessen. Stichwort: Sechs-Tage-Krieg. Das alles hat zur kollektiven Kränkung der islamisch-arabischen Welt geführt."

2. Gefährliche Staatsdoktrin: Der zweite Punkt sei, „dass in den arabischen Ländern der Antisemitismus und die antiisraelische Position so was wie Staatsdoktrin ist", sagt Güngör. „Die Menschen dort lesen das in den Schul- und Geschichtsbüchern sowie in den Zeitungen." Das bedeute, „die Menschen wachsen in diesen Ländern mit einem Bild auf, wo Israel und auch die Amerikaner der ewige Feind sind. Es ist klar, dass die Leute davon nicht unbeeinflusst bleiben." Die Menschen dort würden das gar nicht anders kennen. „Es darf uns also nicht verwundern, dass die Leute mit solchen Vorurteilen einwandern und das auch so kundtun."

3. Perspektiven: Die spannende Frage sei, wie sich dieser Antisemitismus in den nächsten Jahren entwickeln werde. Es gebe erste Hinweise, dass durch die zunehmende Aufenthaltsdauer und die Bildung der Antisemitismus zurückgeht. „Solche Transformationen brauchen Zeit. Das haben wir auch in der österreichischen Geschichte gesehen, wenn man sich erinnert, wie verbreitet der Antisemitismus hierzulande mal war und durch Lernprozesse eben weniger geworden ist."

Zudem bräuchten solche Prozesse eine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema. „Wir können keinem Menschen vorwerfen, wo er

sie geboren und wie er/sie sozialisiert worden ist. Aber wir können sagen: Wir haben hier ein veritables Problem, dem müssen wir uns stellen und daran müssen wir arbeiten."

Und was kann man tun, um Antisemitismus in dieser Bevölkerungsgruppe schneller und stärker zu bekämpfen?

4. Maßnahmen: Die Werte- und Orientierungskurse für Zugewanderte seien ein Anfang, befindet Güngör. Es müssten jedoch weitere Räume für Auseinandersetzungen geschaffen werden — etwa über die soziale Arbeit. „Wir haben gemerkt, dass die Leute darüber diskutieren wollen." Ein Problem sieht Güngo­r bei solchen Debatten: „Wir diskutieren den Anti­semitismus aus unserer Geschichte heraus. Wir haben in Österreich eine ganz andere und höhere Sensibilität dem Thema gegenüber." Wichtig wäre, dass man in der Schul­e den Antisemitismus nicht nur aus österreichischer Sicht diskutiert, sondern breiter auslegt, „damit wir die Debatte auch mit muslimischen Jugendlichen führen können. Da müssen sich die Pädagogen mit den Konflikten im Nahen Osten besser auseinandersetzen. Und sie müssen unterscheiden zwischen begründeter Israel-Kritik und Antisemitismus."

Und was sagt die Islamische Glaubensgemeinschaft zur Studie? „Unsere Ablehnung von Antisemitismus und anti-­muslimischem Rassismus ist klar", heißt es gegenüber der TT. Man wolle sich erst mit der Untersuchung auseinandersetzen, wenn das finale Ergebnis vorliegt. „Ansonsten haben wir die gleiche toxische Diskussion wie bei der so genannten ,Vor-Studie' zum Thema ,Islamkindergärten'".


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