„Can You Ever Forgive Me?“: Rache einer Ausgestoßenen

Marielle Heller feiert in ihrer Komödie „Can You Ever Forgive Me?“ die Autorin Lee Israel, die sich mit gefälschten Briefen in die Literaturgeschichte schleichen konnte.

Lee Israel (Melissa McCarthy) fälschte Anfang der 90er-Jahre 400 Briefe von prominenten Autoren. In Harvard und Yale klaute sie Originale von Ernest Hemingway.
© ABC Films

Von Peter Angerer

Innsbruck –Die Autorin Lee Israel (Melissa McCarthy) steht noch in der Kartei ihrer Literaturagentin, lässt aber das Feingefühl vermissen, Einladungen zu einer dieser Park-Avenue-Partys zu ignorieren. Marjorie (Jane Curtin) möchte an diesem Abend Tom Clancy und dessen Millionenvorschuss für sein nächstes Buch feiern. Für Lee ist Clancy ein Faschist, wa­rum sollte für sie kein kleiner Vorschuss abfallen? Marjorie, früher vielleicht einmal eine gute Freundin, empfiehlt ihr nur, den Beruf zu wechseln.

Allein wie Melissa McCarthy mit ihren Mundwinkeln diese Demütigung für ihre Figur wegsteckt, ist ein großes Versprechen für eine traurige Komödie über das Aufbäumen gegen das Scheitern.

Unter Mitnahme von zwei Klopapierrollen, einigen Garnelen für die Katze und einem wärmenden Mantel verlässt Lee als Siegerin den Kampfplatz. Sie gehört jetzt zu den Ausgestoßenen. Ihr Zuhause ist eine Illustration dieses Elends. Die Katze krank, auf dem Kopfpolster liegen tote Fliegen. Glücklicherweise konnte sich das Geruchskino nie durchsetzen.

Mit dieser Sequenz verdichtet die Regisseurin Marielle Heller (nach dem Drehbuch von Nicole Holofcener) die vergangenen fünf Jahre des Niedergangs im Leben von Lee Israel auf einen Abend. Nach zwei Büchern über Kino- und TV-Stars veröffentlichte sie 1985 eine „unautorisierte Biografie“ über Estée Lauder, die einen Kosmetikkonzern aufgebaut hatte. Unbestechlich kratzte Lee die Schminkschicht von Lauders Lebenslauf. 1990, ganz unten angekommen, wird Lee von ihren Büchern in der Ramsch­ecke der Buchhandlungen noch immer verhöhnt. Um zumindest ihre Katze zu retten, ist Lee bereit, sich von Erinnerungen zu trennen. Sie verkauft Briefe von Prominenten, die sich bei ihr für freundliche Interviews bedankt haben. Damit entdeckt die Autorin den lukrativen Markt der Autografensammler, die in Antiquariaten oder bei Auktionen für ein Lebenszeichen begehrter Persönlichkeiten Geld auszugeben bereit sind. Da sich Briefe leicht erfinden und Unterschriften fälschen lassen, sieht Lees Wohnung bald wie ein Schreibmaschinenmuseum aus. Da die Prominenz des Absenders den Preis bestimmt, entscheidet sich Lee für Film- und Literaturstars, die sie Belanglosigkeiten mitteilen, mit ironischem Witz aber auch bislang unbekannte Lücken in ihren bestens ausgeleuchteten Biografien füllen lässt.

Aufsehen erregt ein Brief, in dem sich Noël Coward gegen seine Gewohnheiten zu seiner Homosexualität äußert. Dorothy Parker entschuldigt sich für einen Hangover. Als erste Zweifel an der Echtheit und am nie versiegenden Vorrat der Autografen auftauchen, übernimmt Jack Hock (Richard E. Grant), als schwuler „Englishman in New York“ wie Lee ein Ausgestoßener, den Verkauf. Da ist längst das FBI der Fälscherwerkstatt auf der Spur, denn Lee bedient sich mittlerweile auch in den Archiven von Harvard und Yale. Es waren schließlich diese Diebstähle in den ehrwürdigen Forschungsstätten, die Lee Israel in ihren 2008 erschienenen Memoiren „Can You Ever Forgive Me?“ bedauert, während sie das drei Jahre dauernde Unternehmen „als beste Zeit ihres Lebens“ bilanziert. Die zwei Stunden mit Melissa McCarthy und Richard E. Grant, beide sind für Oscars nominiert, sind auch die besten, die zurzeit im Kino zu erleben sind.


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