Doping-Razzia bei WM: Zwei ÖSV-Langläufer in Seefeld festgenommen

Nach einer Doping-Razzia in mehreren Teamhotels in Seefeld sind am Mittwoch auch die beiden ÖSV-Langläufer Dominik Baldauf und Max Hauke festgenommen worden. ÖSV-Präsident Schröcksnadel stellt nun sogar den Langlauf-Spitzensport im Skiverband infrage.

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Dominik Baldauf und Max Hauke beim WM-Teamsprint am vergangenen Sonntag in Seefeld.
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Seefeld – Die Ski-WM in Seefeld wird von einem Doping-Skandal überschattet: Nach „Amtshandlungen gegen mehrere Sportler in mehreren Hotels“ wurden am Mittwoch auch die beiden österreichischen Langläufer Dominik Baldauf und Max Hauke unter Verdacht auf Eigenblutdoping festgenommen. Betroffen ist aber nicht nur das Duo, heimische und deutsche Behörden haben ein internationales Netzwerk ausgeforscht.

Im Zuge der koordinierten Aktion mit dem Namen „Operation Aderlass“ wurden insgesamt 16 Hausdurchsuchungen durchgeführt und neun Personen festgenommen, teilte das Bundeskriminalamt mit. Auch ein kasachischer und zwei estnische Spitzensportler sind darunter.

Ein Sportler auf frischer Tat ertappt

Bei den Razzien hat sich der Verdacht auf Dopingaktivitäten erhärtet. Einer der Sportler wurde in seiner Unterkunft in Seefeld sogar „auf frischer Tat“ ertappt, sagte Dieter Csefan vom Bundeskriminalamt bei einer Pressekonferenz in Innsbruck. „Er wurde mit einer Bluttransfusion im Arm aufgegriffen“, so Csefan. Der mutmaßliche Kopf des kriminellen Dopingnetzwerkes ist ein Sportmediziner aus Erfurt, der sich mit einem Komplizen ebenfalls unter den Festgenommenen befindet. Laut Csefan sei eine kriminelle Organisation ausgehoben und zerschlagen worden.

„Ein 40-jähriger Sportmediziner aus Erfurt führte jahrelang illegale Anwendungen an Spitzensportlern zur Leistungssteigerung durch. Heute waren 120 Beamte der Polizei im Einsatz. In Erfurt konnte das illegale Dopinglabor vorgefunden und Beweise sichergestellt werden“, so der Ermittler.

Entscheidung über U-Haft

Die fünf Sportler befinden sich derzeit in Haft und werden einvernommen. Innerhalb von 48 Stunden müsse dann entschieden werden, ob über sie die Untersuchungshaft verhängt wird, erklärte der Sprecher der Innsbrucker Staatsanwaltschaft, Hansjörg Mayr. Der Mediziner und seine Komplizen hätten eine „kriminelle Organisation“ gebildet. Die Sportler selbst seien nicht Teil dieser Organisation gewesen, stünden aber in Verdacht, sich mit Blutdoping behandelt haben zu lassen.

Ein Polizeiauto vor dem Teamquartier der ÖSV-Langläufer in Seefeld.
© APA/Hochmuth

Die Ermittler in Deutschland hätten Hinweise gehabt, dass der Sportmediziner nach Seefeld habe reisen wollen, um dort die Sportler „auf illegale Weise zu behandeln“, so Mayr. Den Verdächtigen wird Eigenblutdoping vorgeworfen. Anschließend habe es ein Rechtshilfeersuchen der deutschen Behörden gegeben und in Folge hätten Überwachungen stattgefunden. Dabei habe sich der Verdacht bestätigt. Vorher war laut den Ermittlern nicht bekannt, welche Sportler sich von dem Arzt behandeln ließen. Schlussendlich sei es in Deutschland und Österreich zu den Zugriffen bzw. Hausdurchsuchungen gekommen - unter Beteiligung des Sondereinsatzkommandos Cobra.

Ermittler sehen geschlossene Indizienkette

Bundeskriminalamt sowie Staatsanwaltschaft Innsbruck schlossen nicht aus, dass weitere Personen betroffen sein könnten. Zunächst müsse man aber die Vernehmungen der Beschuldigten abwarten. Sie sprachen von einer „geschlossenen Indizienkette“. So sei etwa in Erfurt ein komplettes Dopinglabor inklusive Equipment wie Blutkonserven und Zentrifugen ausgehoben worden, das dem Sportmediziner zugerechnet wird.

Die Dopingcausa dürfte indes über den Langlaufsport hinaus Kreise ziehen. „Es sind sicher auch noch andere Sportarten betroffen“, erklärte Csefan. Die „kriminelle Organisation“ sei jedenfalls seit mehr als fünf Jahren weltweit tätig. Bestätigt wurde auch von den österreichischen Ermittlungsbehörden, dass die Aussagen des Skilangläufers Johannes Dürr in einer ARD-Dokumentation „ausschlaggebend“ für die Doping-Ermittlungen und die Razzien in Seefeld und Erfurt waren.

Gandler in „Schockstarre“

„Es hat sich herausgestellt, dass an mehreren Stellen Athleten erwischt worden sind bei unerlaubten Methoden oder beim Dopen. Leider, das macht mich betroffen, zwei Athleten von uns sind dabei. Sie sind in Haft genommen worden, Baldauf und Hauke. Sie sind weg, ich habe sie nicht mehr gesehen“, sagte ÖSV-Langlauf- und Biathlonchef Markus Gandler. Er sei von den Ermittlern um Hilfe beim Auffinden der Athleten gebeten worden.

ÖSV-Langlaufchef Markus Gandler zeigte sich tief betroffen: "Das ist ein harter Schlag."
© gepa

Ihm sei bisher nie etwas im Zusammenhang mit Dopingvergehen des Duos aufgefallen. Man könne sie aber nicht ständig überwachen. „Das sind erwachsene Leute. Wir bewachen sie nicht auf Schritt und Tritt. Das sind freie Leute, sie haben genügend Freizeit, um so einen Blödsinn zu machen.“

Über Details der Ermittlungen habe er keine Kenntnis, ergänzte Gandler. Das Ganze sei aber schon jetzt natürlich verheerend für seine Sparte. „Das ist ein harter Schlag für den Langlauf im allgemeinen. Ich stehe unter Schockstarre. Es ist ja nicht das erste Mal und wie es ausschaut nicht das letzte Mal.“

Er und der Rest des Teams seien völlig unvorbereitet davon getroffen worden. „Es steht jeder unter Schock. Ich stehe Rede und Antwort. Ich hoffe, dass es mehr erwischt, nicht nur den ein oder anderen, sondern auch die Drahtzieher.“

Österreich wird in der Herren-Staffel am Freitag jedenfalls nicht vertreten sein. Der ÖSV verzichtet nach den Festnahmen auf eine Teilnahme. Hauke hatte als Fixstarter für den Nationenbewerb über 4 x 10 km gegolten.

Schröcksnadel „zutiefst verärgert“

ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel hat mit großer Verärgerung auf den Dopingskandal bei der Heim-WM in Seefeld reagiert. Im Verband gebe es eine „Null-Toleranz gegenüber Doping“, betonte der 77-Jährige. Er erklärte, Gandler werde nur noch bis Saisonende Sportlicher Leiter für Langlauf und Biathlon sein. Gandler treffe persönlich zwar keine Schuld am neuerlichen Dopingskandal, es werde aber dennoch Konsequenzen geben, sagte Schröcksnadel im ORF-Interview. Wie bereits nach dem Dopingskandal von Turin will der Tiroler den Langlauf-Spitzensport nicht mehr im Verband angesiedelt sehen.

„Nichts ist niederträchtiger als das Erkaufen von besseren Resultaten durch illegale leistungssteigernde Methoden. Ich bin zutiefst verärgert, dass einzelne Athleten scheinbar nichts aus der Vergangenheit gelernt haben. Im ÖSV gilt Null-Toleranz gegenüber Doping“, wurde Schröcksnadel zitiert. Der Tiroler war auch schon bei Dopingskandalen der ÖSV-Langläufer und Biathleten bei den Olympischen Spielen 2002, 2006 sowie 2014 beim EPO-Fall von Johannes Dürr im Amt.

Der ÖSV unternehme alles in seiner Macht stehende gegen Doping, gegen Einzeltäter – wie Johannes Dürr 2014, Harald Wurm 2016 und die zwei aktuellen – sei man aber machtlos. „Wir können aber nicht für jeden Einzelnen garantieren, dass er sich an die strengen Bestimmungen hält. Die Verantwortung trägt jeder einzelne Athlet selbst, die Folgen auch“, meinte Schröcksnadel und kündigte Konsequenzen für erwischte Dopingsünder an. „Klar ist, wer dopt, wird unverzüglich aus dem ÖSV ausgeschlossen. Die juristischen Konsequenzen werden die Behörden ziehen.“

Seinen Informationen nach gebe es derzeit keine Indizien auf mögliche Verwicklungen von ÖSV-Betreuern in die mutmaßlichen Vergehen von Dominik Baldauf und Max Hauke. „Laut den Ermittlungen der Behörden gibt es keinen Hinweis darauf, dass Betreuer des ÖSV in diesen Dopingfall involviert sind“, erklärte Schröcksnadel.

Für LH Platter „riesige Sauerei“

Tirols Landeshauptmann Günther Platter sprach von einem riesigen Schaden für den gesamten Sport: „Ich kann nicht verstehen, dass so etwas im Spitzensport immer wieder passieren muss. Es ist eine Sauerei gegenüber all jenen Sportlern, die sauber arbeiten. Es ist aber auch eine riesige Sauerei all jenen gegenüber, die mit Herzblut und Leidenschaft zum Gelingen dieser WM beitragen, all den Organisatoren, all den freiwilligen Helfern und nicht zuletzt auch gegenüber den Tausenden von Fans, die ihre Sportler anfeuern und unterstützen.“

Geisler entsetzt: „Schade für tolle WM“

Auch Tirols Sportreferent Josef Geisler zeigte sich entsetzt über die Vorkommnisse in Seefeld. Er fordert volle Aufklärung und Klärung der Verantwortlichkeiten. „Es ist einfach total schade für diese tolle WM in Seefeld“, so Geisler.

Frießer: „Für Idioten nicht verantwortlich“

Seefelds Bürgermeister und OK-Chef Werner Frießer sagte: „Sollten sich diese Meldungen als wahr herausstellen, wäre das schade für den Sport. Unsere Aufgabe ist es weiterhin eine tolle Veranstaltung für die enthusiastischen Besucher und die sauberen Sportler durchzuführen. Für Idioten sind wir nicht verantwortlich.“ (TT.com)


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