RWE/E.On-Deal mit Nebenwirkungen - Konkurrenz fürchtet E.ON-Dominanz

Essen (APA/dpa) - Es war ein Paukenschlag, als die deutschen Energieriesen E.ON und RWE vor einem Jahr die Neuaufteilung ihrer Geschäfte ank...

Essen (APA/dpa) - Es war ein Paukenschlag, als die deutschen Energieriesen E.ON und RWE vor einem Jahr die Neuaufteilung ihrer Geschäfte ankündigten. Inzwischen gibt es Kritik von Wettbewerbern und Verbraucherschützern. Sie fordern von der EU-Kommission besondere Wachsamkeit.

Mit Äußerungen zu den Beschlüssen der Kohlekommission hat sich Johannes Teyssen auffällig zurückgehalten. Der Chef des Energiekonzerns E.ON konnte die Verhandlungen über das Ende der Kohleverstromung in Deutschland gelassen verfolgen. Seine Kohlekraftwerke hatte er rechtzeitig abgestoßen. E.ON setzt stattdessen auf ein Geschäftsfeld, das mit der Energiewende immer wichtiger wird - den Betrieb der Verteilnetze. Und auch beim Verkauf des von anderen produzierten Stroms an Haushalte will E.ON kräftig wachsen.

Teyssen hat dazu mit dem alten Konkurrenten RWE einen Deal eingefädelt, der den Strommarkt in Deutschland umwälzt. E.ON will die RWE-Netz- und Vertriebstochter Innogy kaufen. Im Gegenzug soll RWE die Ökostromproduktion von E.ON und Innogy erhalten und mit knapp 16,7 Prozent an E.ON beteiligt werden. E.ON wird damit zum mit weitem Abstand größten Stromlieferanten in Deutschland, auf mehr als 12 Millionen Kunden könnte E.ON nach der Innogy-Übernahme kommen.

Mit diesem Coup, der aus Dauerrivalen ziemlich beste Freunde machte, hatten Teyssen und RWE-Chef Rolf Martin Schmitz am 11. März 2018 die Öffentlichkeit überrascht - und zunächst wenig Kritik geerntet. Teyssen konnte die Gewerkschaften mit der Zusage beruhigen, der geplante Abbau von bis zu 5.000 Stellen werde ohne betriebsbedingte Kündigungen über die Bühne gehen. Kartellrechtsexperten sahen keinen Grund, um den Wettbewerb beim Strom zu fürchten.

In Österreich ist Innogy maßgeblich an der Kärntner Kelag beteiligt: Innogy hält 49 Prozent an der Kärntner Energieholding, die wiederum 51 Prozent an der Kelag hält. Zusätzlich hält Innogy einen direkten knapp 13-prozentigen Anteil am Kärntner Versorger. Diese Anteile sollen von der Innogy direkt unters Dach der RWE wandern. Im RWE-Aufsichtsrat sitzt der frühere österreichische Bundeskanzler Wolfgang Schüssel (ÖVP).

Inzwischen befürchten deutsche Regionalversorger und Alternativanbieter, vom Riesen E.ON an die Wand gedrückt zu werden. E.ON werde zum „nationalen Dominator“, sagte der Vorstandschef des Oldenburger Versorgers EWE, Stefan Dobler, der „Welt am Sonntag“. Die Kartellbehörden müssten E.ON zwingen, „Netzgesellschaften und Kundengeschäft in substanzieller Größe abzugeben“. Der Ökostromanbieter Lichtblick sieht gar das „Ende des wettbewerblichen Strommarktes in Deutschland“ kommen. Auf zwei Drittel der Fläche Deutschlands werde der E.ON-Marktanteil bei über 70 Prozent liegen, hat Lichtblick von einer Beratungsgesellschaft ausrechnen lassen.

Auch Verbraucherschützer betrachten die wachsende Marktmacht des Essener Konzerns kritisch. „Innogy und E.ON sind an vielen Stadtwerken beteiligt, deren Kunden zum Teil nicht aus der relativ teuren Grundversorgung heraus können“, sagt Thomas Engelke, Energieexperte der Verbraucherzentrale Bundesverband. „E.ON hat überdurchschnittlich hohe Tarife, nach der Fusion mit Innogy könnten deren Grundversorgertarife ebenfalls anziehen.“ Die EU-Kommission müsse sehr genau prüfen, dass durch die Fusion die Preise für die privaten Verbraucher nicht steigen.

Teyssen hält solche Befürchtungen für unbegründet. E.ON komme auch nach einer Übernahme von Innogy in ganz Deutschland nur auf einen Marktanteil von 20 Prozent. „Der Wettbewerb ist nicht gefährdet“, versichert er. Es gebe keinen Postleitzahlbezirk in Deutschland, in dem die Kunden „nicht unter 100 Angeboten auswählen können“. Künftig allerdings mit einem noch größeren E.ON-Anteil. Denn außer der eigenen deutschlandweiten Diskontmarke E wie einfach wird künftig auch die bisherige Innogy-Marke Eprimo zum E.ON-Reich gehören.

Auch der Energieökonomen Andreas Löschel glaubt nicht, dass E.ON Preissprünge durchsetzen könnte. „Der Wettbewerb funktioniert eigentlich recht gut. Es ist schwierig, höhere Preise durchzusetzen. Noch schwieriger wäre das, wenn die deutschen Kunden wechselwilliger wären“, sagte der Wissenschafter der Universität Münster, der die Expertenkommission „Energie der Zukunft“ der deutschen Regierung leitet.

E.ON könne auf zwei anderen Gebieten Größenvorteile bekommen, meint Löschel. „Für die Bundesnetzagentur könnte es durchaus schwieriger werden, für angemessene Netzentgelte zu sorgen, wenn ein Netzbetreiber wie E.ON mit großem Gewicht seine Stimme erhebt.“ Die Regulierungsbehörden müssten sehr genau hinschauen, „dass die Kosten für den notwendigen Ausbau der Verteilnetze nicht aus dem Ruder laufen“. Und auch bei neuen Angeboten und dem Aufbau digitaler Plattformen profitiere E.ON von der Innogy-Übernahme. „Hier hat ein großer Akteur mit vielen Kunden natürlich Vorteile, da der Aufbau einer kritischen Masse für die digitalen Plattformen einfacher ist.“

EU-Kommission und Bundeskartellamt haben schon den RWE-Teil des Milliardendeals ohne Auflagen durchgewunken. Gegen die Beteiligung von RWE an E.ON und die Übernahme der erneuerbaren Energien gebe es keine „wettbewerbsrechtlichen Bedenken“. Wie das die Wettbewerbshüter beim Kundengeschäft beurteilen, ist dagegen offen. Ob sich die EU-Kommission am bundesweiten Maßstab orientiert, oder die regionalen Teilmärkte betrachtet und E.ON zumindest Auflagen macht, dürfte sich erst im Sommer herausstellen.

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