Unspektakuläres Scheitern: Eva Schmidts „Die untalentierte Lügnerin“
Wien (APA) - Unspektakulär, doch nachhaltig. So lässt sich die Stellung der Vorarlberger Autorin Eva Schmidt im Literaturbetrieb beschreiben...
Wien (APA) - Unspektakulär, doch nachhaltig. So lässt sich die Stellung der Vorarlberger Autorin Eva Schmidt im Literaturbetrieb beschreiben. Und genauso kann man auch ihren neuen Roman „Die untalentierte Lügnerin“ charakterisieren, der am Donnerstag im Vorarlberger Landestheater vorgestellt wird. Eine junge Frau versucht, in ihrem Leben Sinn und Orientierung zu finden. Eine Aufgabe, an der man scheitern kann.
In den 1980er-Jahren hatte die heute 66-Jährige erste Veröffentlichungen und Auszeichnungen zu verzeichnen, 1997 erschien mit „Zwischen der Zeit“ ihr für lange Zeit letztes Buch. Als 1996 „Ein langes Jahr“, ein sorgsames Alltagsmosaik in 38 Episoden, erschien, schaffte es Schmidt auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises. In lose aneinandergereihten Episoden und wechselnden Erzählperspektiven erfuhr man vom Leben und einander Beobachten der Bewohner einiger Straßenzüge einer Stadt, für die vermutlich Bregenz Pate stand. Auch der Schauplatz des neuen Buches ist wohl die Vorarlberger Landeshauptstadt, und die Kunsthalle, in der die Protagonistin Maren als Aufseherin arbeitet, das Kunsthaus Bregenz.
Derlei Verortungen sind aber egal, nicht nur angesichts der Verlorenheit, die Maren im Leben spürt. Es geht um paradigmatische Vorgänge in und zwischen Menschen, um die Unfähigkeit zu ehrlicher Kommunikation und wertschätzenden Beziehungen. Alles Dinge, die tausendfach beschrieben wurden. Und die zwischen Buchdeckeln häufig in Mord und Totschlag münden, zu Familiendramen führen, denen man sich als Autor über Täter, Opfer oder Ermittler nähern kann. Eva Schmidt ist mittendrin. Und bleibt doch ostentativ unberührt von alledem. Erst diese Erzählhaltung macht das Erzählte außergewöhnlich.
Maren war mit 19 Jahren von zu Hause ausgezogen. Ein danach angetretenes Schauspielstudium in München war nicht das Richtige für sie. Es folgten psychischen Krisen und eine halbjährige Therapie auf dem Land, aus der sie am Ende „zu ihrem eigenen Erstaunen als geheilt entlassen“ wurde. Nun kehrt sie zurück, in labile Familienverhältnisse. Mit ihrer Mutter gibt es nur Streit, ihre Brüder leben auswärts. Am nächsten fühlt sie sich ihrem Stiefvater Robert, der sie schließlich in eine Firmenwohnung einziehen lässt, die er offenbar als Absteige für gelegentliche Seitensprünge und Rückzugsort nutzte. Auch Marens restliches soziales Netz ist nicht sehr eng geknüpft: ein Freund von früher, mit dem sie gelegentlich wieder im Bett landet, die Kellnerin eines Clubs, mit der sie sich anfreundet, ein schwuler Schauspieler, der sie anspricht, ein Fotograf, bei dem sie schließlich als Assistentin arbeitet und zu dem eine Nähe entsteht. Niemand ist eine Insel, doch jeder scheint sich als Inselbewohner ganz gut eingerichtet zu haben.
„Sie wartete. Darauf, dass es Nacht wurde, dass sie schlafen konnte, dass die Nacht vorbeiging, der Morgen kam.“ Solche Sätze sind hart. Und doch erzählen sie von einem ganz konkreten Drama - dessen Ausgang zu ermitteln am Ende vom Leser doch noch fast kriminalistisches Gespür verlangt. Denn „Die untalentierte Lügnerin“ ist deutlich feiner gesponnen, als es manchmal den Anschein hat - vom Roman im Roman, an dem Maren schreibt, bis zur unkonventionellen Vielecksbeziehungen, in denen sich die Schwerpunkte immer wieder verschieben. Heile Welt und heile Familie gibt es nicht. Meist ist das Scheitern daran aber völlig unspektakulär. Von nichts anderem erzählt Eva Schmidt.
(S E R V I C E - Eva Schmidt: „Die untalentierte Lügnerin“, Jung und Jung, 208 Seiten, 22 Euro. Buchpräsentation am Donnerstag, 7.3., 20 Uhr, im Vorarlberger Landestheater, T-Café)